Was die Natur mit mir macht

Es heißt, spazierengehen entspannt, draußen sein tut gut, frische Luft pustet die Gedanken durch und hilft beim Loslassen von Stress und schlechter Laune. Früher empfand ich das selten so. Wirklich in die Natur gehen konnte ich immer nur in Begleitung, um nicht die Orientierung zu verlieren. Auf Feld- und Waldwegen mit Langstock zu laufen, ist aufgrund der Bodenbeschaffenheit schwierig, aber Arzu soll mich dann nicht führen müssen sondern genau wie ich ihre Freizeit genießen – im Wald würde sie mir eh was husten, wenn ich sie zur Arbeit verpflichten wollte, schätze ich. Die Abhängigkeit von oft nervigen anderen Menschen war mir meist aber auch zuwider, also nix mit echter Entspannung und Kopf freikriegen.

Inzwischen ist das anders. Ich schrieb schon, wie dankbar und glücklich ich bin, dass mein Ex-Partner und ich genau das vertrauensvolle und freundschaftliche Verhältnis aufgebaut haben, dass ich mir immer wünschte und das in den letzten Jahren unserer Beziehung einfach nicht mehr existierte. Jetzt existiert es wieder und es ist unglaublich schön, einfach ungezwungen mit ihm und gern auch weiteren Menschen aus unserem Freundeskreis durch den Wald zu wandern, irgendwo in Ruhe eine kleine Pfeife zu rauchen, weiterzutreiben und einfach nur die Atmosphäre zu genießen. Wer uns beobachtet, ohne uns zu kennen, könnte uns für ein frisch verliebtes Pärchen halten – wir lachen und scherzen, stellen immer wieder fest, dass wir im gleichen Moment die gleichen Gedanken und Ideen haben, beziehen uns auf jede Menge Gemeinsamkeiten. Das können wir aber nur wieder tun, weil wir eben genau wissen, was wir nicht gemeinsam haben und was sich in der Vergangenheit schon als dysfunktional erwiesen hat. Die Distanz muss groß genug bleiben, ein gemeinsamer Alltag ist Tabu. Solange wir nicht versuchen, die Grenzen der Gemeinsamkeit neu auszuloten sondern uns mit dem zufriedengeben, was wir haben und was ungetrübt und unangefochten viel schöner ist als die zuletzt toxische und von Frust geprägte Beziehung, ist alles gut.

Der Frühling beginnt, die Vögel laufen zu musikalischer Höchstform auf und die Luft ist herrlich kalt und sauber. Kopfschmerzen und Magengrimmen, die mich in letzter Zeit meistens begleiten, bläst der Wind einfach weg, genauso wie die potentiell gefährlichen Aerosole und die Gedanken an die lauernde to-do-Liste. Wenn ich in der Natur bin, kann ich inzwischen sämtliche dieser Gedanken ausblenden. Ich kann eh nichts schaffen und erledigen, während ich zwischen Bäumen und Büschen stehe und dem Vogelgezwitscher lausche. Also brauchen mich die zu erledigenden Dinge in solchen Momenten auch nicht zu beschäftigen und unter Druck zu setzen. Es bringt einfach nichts, also passiert es auch nicht mehr. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, diese Gedanken nicht mehr zuzulassen, aber mittlerweile muss ich sie nichteinmal mehr aktiv verhindern. Sie kommen einfach nicht mehr auf, wenn ich draußen bin, auf einer Wiese sitze, die Hunde um mich herum spielen und schnüffeln, wenn einfach alles entspannt ist.

Draußen fühle ich mich gesund und ausgeglichen, wenn ich eben noch zu Hause am Schreibtisch saß, mein Kreislauf mit meinem Magen Achterbahn fuhr, mein rechtes Bein und mein Kopf schmerzten und ich immer wieder mit Panik und Tränen kämpfte. Das alles fällt von mir ab, sobald mich Sonnenstrahlen wärmen und Wind meine Haare zaust. Angenehme Gespräche können dabei sogar helfen und anregen, ganz anders als früher, wo mich die Anwesenheit Anderer nur einengte, nervte und blockierte.

Natürlich würde ich hin und wieder auch gerne allein durch den Wald und die Wiesen laufen, aber bis ich das kann, sicher genug orientiert bin und meine Landmarken kenne und finde, werden noch Jahre vergehen. Die Gegend hier ist unübersichtlich, keine Wegkreuzung ist rechtwinklig, kaum ein Weg ist befestigt oder verfügt über einen gut ertastbaren Rand. Lange empfand ich das als riesiges Hemmnis, fühlte mich unselbstständig und unfrei. Ein bisschen gilt das nach wie vor, aber jetzt, wo ich gemerkt habe, dass Alleinsein an sich gar keine so große Tugend ist sondern dass auch mir Nähe und Ansprache fehlen, macht es mir weit weniger aus. Das wird so bleiben, solange Kontakte beschränkt und Infektionsschutzmaßnahmen wichtig sind, also sicher noch eine ganze Weile. Hoffentlich verlerne ich aber auch danach nie mehr, die Natur zu genießen und ihren Wert für mein Wohlbefinden zu spüren.

5 Gedanken zu “Was die Natur mit mir macht

    1. kommunikatz sagt:

      Yep, so fühlt es sich auch an. Wobei ich dringend der Ursache für meinen spinnenden Magen auf den Grund gehen muss, denn das kenne ich von mir sonst nicht und es nervt seit einigen Tagen sehr. Die komische rechte Körperhälfte, Kopfweh und depressive Verstimmungen nerven auch, aber das kenn ich halt, das verunsichert mich weniger. Aber dass das Rausgehen und in der Natur sein so hilft, deutet darauf hin, dass alles zusammen (naja, bis auf die MS-Symptome) in erster Linie psychosomatisch ist.

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  1. kommunikatz sagt:

    Heute hat es wieder funktioniert, obwohl ich momentan wirklich ziemlich am Ende bin. Der Wald, die singenden Vögel, der frische Wind und die wunderbare Luft, die mir der Stress im Alltag momentan regelrecht körperlich abzuschnüren scheint, vertreiben jeden unerwünschten Zwischenruf der to-do-Liste. Und die ruft in der Regel sehr laut, sie macht mir schon morgens vor dem Aufstehen Panik. Im Wald, manchmal mit Unterstützung von THC, verstummt diese Stimme einfach. Dadurch verschwindet nicht der ganze Trübsinn, aber doch ein großer Teil.

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