Immer das Gleiche – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

„Weichmütig, was für ein komisches Wort“, dachte Dana. Es klang nach Matschbirne, weichem Keks, nicht der hellsten Kerze auf der Torte. Eine diffuse Wut stieg in ihr auf. Sowas schrieb man doch nicht in eine Grußkarte zum neuen Jahr. „Ich danke Dir für Deine ausgleichende, moderative und weichmütige Art“, schrieb ihr Chef, um im nächsten Satz die gute Zusammenarbeit hervorzuheben und sich ausdrücklich auf eine Fortsetzung im bevorstehenden Jahr zu freuen. Eine verdeckte Kritik oder gar die Anbahnung einer Kündigung zum Ablauf der Probezeit schien der Gruß also nicht zu sein – kein Grund, Zeter und Mordio zu schreien. Aber irritiert war sie dennoch.

Vielleicht hatte Chris Lüdenscheidt vor dem Verfassen der Neujahrsgrüße an seine Mitarbeitenden zu viel am Inhalt irgendeines Reagenzglases geschnüffelt und damit sein eigenes Gemüt aufgeweicht. Oder er hatte beim backen etwas unter den Plätzchenteig gemischt. Wie kam er sonst auf so einen Unfug? In Besprechungen nahm sie gelegentlich eine moderierende Rolle ein, wenn ihr eine Unstimmigkeit auffiel, und tatsächlich ließ sich dann immer alles schnell klären, bevor ein echter Streit losbrach. Sie wunderte sich eher darüber, dass Chris das überhaupt bemerkt hatte, denn in solchen Dingen traute sie ihm keine besondere Feinfühligkeit zu.

Beim zweiten Lesen der Karte stutzte Dana. Das seltsame Wort war gar nicht das Irritierendste daran. Deutlich befremdlicher war, dass Chris unter seiner Unterschrift noch eine PS-Zeile angefügt hatte, die seine offenbar private Handynummer enthielt, nur gefolgt von den Worten „Bitte ruf mich an, Du Schöne!“. „Nicht schonwieder!“ Stand ihr eigentlich ins Gesicht geschrieben, dass alle Chefs sie unverzüglich anbaggern sollten? Chris war wohl doch ein Idiot und versuchte nur ungeschickt, sich an sie heranzumachen. Diesmal würde sie nicht darauf reinfallen. Sie war schließlich keine studentische Hilfskraft mehr und musste hier niemandem etwas beweisen. Das würde sie nun zu allererst mal dem Betriebsrat stecken.

Die Wörter für die erste Etüdenrunde 2021 stiftete Ludwig Zeidler, der seinerzeit, als er selbst noch bloggte, die abc.etüden erfand. Sie lauten „Zetermordio“, „weichmütig“ und „backen“.

Diese genau 300 Worte umfassende abc.etüde knüpft übrigens an „Wenn die Chemie nicht stimmt“ vom 21.06.2020 an.

13 Gedanken zu “Immer das Gleiche – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

  1. Christiane sagt:

    Spannend. Meine erste Frage wäre, ob sie nicht damit anfangen kann, ihn zu ignorieren, oder ob sie gleich die Keule Betriebsrat rausholen muss. Das hängt natürlich davon ab, was er für ein Typ ist, ob er alle angräbt, die nicht bei drei auf dem Baum sind oder, oder, oder. Vielleicht interessiert er sich ja wirklich für sie? Soll es auch geben. 😉
    Abendgrüße 😁🍷👍

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    1. kommunikatz sagt:

      Wir werden sehen. Vielleicht fragt sie ja auch beim Betriebsrat erstmal nur vorsichtig an, ob es schon ähnliche Vorfälle gab, um die Lage einzuschätzen. Sie ist halt ein gebranntes Kind und offenbar ziemlich genervt von übergriffigen Männern.

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      1. puzzleblume sagt:

        Da sie offenbar neu ist, würde ich mich noch nicht an den Betriebsrat wenden, denn da gibt es kein vorsichtiges Nachfragen, da wird man schon gefragt, weshalb und die Fäden werden einem wonmöglich aus der Hand genommen, mit unvorhersehbaren Folgen. Ich würde fürs Erste beiläufig mit einer länger dort tätigen Kollegin darüber zu plaudern, wer meinen Job vorher hatte.

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      2. kommunikatz sagt:

        Eben, sie ist neu, das ist ihr erster richtiger Job und vielleicht lernt sie jetzt genau das, was Du schreibst. Oder die Klitsche ist klein genug, dass der Betriebsrat vielleicht nur aus genau so einer Kollegin besteht, die ihr erstmal unabhängig von allem Institutionellen einen guten Rat geben kan. Warten wir ab.

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    1. kommunikatz sagt:

      Bin froh, dass nicht nur ich das so empfunden habe 🙂 Bei solchen Wörtern fällt mir als Aufhänger für die Etüden dann wirklich immer nur ein, mich über die Seltsamkeit des Wortes auszulassen, oder eben eine*n Protagonist*in dabei zu beobachten. So komme ich dann auf manch einen abwegigen Plot, aus dem ich hinterher nicht mehr herausfinde 🙂

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