Wie Reptiloide entstehen

Die Schreibgruppe hat sich wieder getroffen und diesmal habe ich auch wieder ein vorzeigbares Ergebnis produziert. Letzte Woche war das nicht der Fall, da war mir das Thema zu persönlich und meine Gedanken hatten zu tief in alten Wunden gestochert.

Innerhalb einer Viertelstunde sollte diesmal ein fiktiver Dialog geschrieben werden. Dabei sollte möglichst selten „er sagte“ oder „fragte sie“ und Dergleichen vorkommen, die wörtliche Rede sollte in den Textfluss eingebettet und durch den Kontext erklärt werden.

Jede aus der inzwischen auf sechs Teilnehmerinnen angewachsenen Gruppe durfte eine Gesprächssituation und einen Gesprächsinhalt in die Runde werfen und aus den Vorschlägen durfte sich Jede frei etwas aussuchen. Ich wählte, nachdem ich lange hin und her gegrübelt hatte, schließlich aus einem spontanen Impuls heraus die Gesprächssituation Brunnenrand und das Gesprächsthema küssen. Das erinnerte mich so schön an die umgeschriebenen Märchen aus der Feder der unvergleichlichen Nina Bodenlosz, insbesondere ihre herrliche Version des Froschkönigs. Sehr empfehlenswert auch ihre Lesungen auf Youtube!

Hier mein Text:

Wie Reptiloide entstehen

Der Frosch ließ die goldene Kugel neben der Prinzessin auf den Brunnenrand fallen.
„Hey, pass auf, das Ding rollt gleich wieder rein!“ Hektisch griff sie nach der Kugel und warf dem Frosch einen vernichtenden Blick zu.
„Und jetzt?“ Der Frosch schaute sie erwartungsvoll an.
„Was jetzt?“ die Prinzessin streichelte ihr zurückgewonnenes Heiligtum.
„Na, du musst jetzt eine Gegenleistung erbringen.“ Der Frosch baute sich auf dem Brunnenrand auf und spitzte schonmal vorsichtshalber die Lippen.
Die Prinzessin verstand nicht. „Liest du keine Märchen? Du musst mich jetzt küssen.“
„Was? Dich grünes, schleimiges Ding?“ Sie schauderte.
„Ja, genau, denn nur so kann ich vom grünen, schleimigen Ding wieder zur Menschengestalt zurückkehren.“ Erwartungsvoll versuchte der Frosch krampfhaft, der Prinzessin schöne Augen zu machen.
„Und was für ein Mensch wirst du dann?“ „Ein attraktiver, junger Prinz, meine Liebe!“
Die Prinzessin wiegte zweifelnd den Kopf. „Echt jetzt, das soll ich dir glauben?“
„Ja, meine Holde, ich bitte darum! Ich bin wirklich eine gute Partie.“
Sie war neugierig, aber der Ekel war nicht abzustreiten. „Darf ich dich vorher abspülen?“
„Wenn du Wasser findest, klar. Der Brunnen ist aber deutlich zu tief, da kommst du nicht ran.“
„Magst du nicht einfach nochmal schnell da reinhüppfen und ein paar Mal untertauchen?“
„Wenn es hilft, gerne!“ Der Frosch sprang in hohem Bogen und voller Vorfreude in den Brunnen, planschte demonstrativ wild herum und landete wieder neben der Prinzessin.
„Jetzt aber! Reiche mir deine Hand, damit ich daraufspringen kann.“ Zögerlich streckte die Prinzessin ihm ihre Hand entgegen.
„Na, nicht so euphorisch…“ Das ganze Gebettel um einen Kuss hatte den Frosch über die Jahre zynisch gemacht.
Die Neugier der Prinzessin siegte über den Ekel und sie führte den Frosch vor ihr Gesicht. Der Frosch hielt den Atem an. Sollte es nun endlich passieren?
Mehr andeutungsweise machte die Prinzessin einen verkrampften Kussmund in Richtung des Froschmauls.
„Na komm, das war ja wohl noch nix!“ Sie wiederholte das Prozedere, so dass es zumindest zu einer Berührung ihrer Lippen kam.
„Hey, mit Zunge!“ Sie hob den Frosch wieder an die Lippen und tippte ihn ganz vorsichtig mit der Zunge an.
Und plötzlich fühlte er, wie die Metamorphose begann. „Mehr, mehr! Das reicht noch nicht!“
„Wie?“ Die Prinzessin starrte den Reptiloidenprinz an, der jetzt im Schneidersitz vor ihr auf dem Boden saß.

Hier war die Schreibzeit vorbei und ich fand das Ende als offene Variante durchaus ok. Da wir uns aber alle einig waren, den armen Prinzen nicht so hängenlassen zu wollen, habe ich dann nach Beendigung des Zoom-Meetings noch folgendes Ende verfasst:

Er war auf halber Strecke in der Umwandlung steckengeblieben. „Du siehst komisch aus. Also ich meine, eigentlich gar nicht so schlecht, aber diese Schwimmhäute…“
„Küss mich halt richtig, dann werde ich ganz menschlich.“ „Aber du hast Froschaugen und deine Nase ist ganz platt.“ „Ja, verdammt, ich weiß, aber das kannst du ganz einfach ändern!“ Der Froschprinz fragte sich, wie begriffsstutzig diese dusselige Prinzessin eigentlich war.
„Na gut, komm her.“ Sie stand auf und zog ihn vom Boden hoch, denn die Körperform und Größe eines Mannes hatte er schon erreicht. „Ja, doch, du gefällst mir.“ Sie schlang ihre Arme um ihn, küsste ihn innig und betrachtete anschließend verzückt die edlen Züge, die das Glubschaugengesicht ablösten.

PS: Ja, ich weiß, Frösche sind keine Reptilien. War mir an dieser Stelle zu Gunsten eines gewissen Aluhut-Aspekts aber egal 🙂

4 Gedanken zu “Wie Reptiloide entstehen

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