Physis

Körperlichkeit spielt zur Zeit kaum eine Rolle. Abstandhalten ist erste Bürger*innen-Pflicht und macht großen Sinn, Nähe ist aus Infektionsschutzgründen kontraproduktiv. Der Körper, die Physis, die menschliche Natur kommen vielfach zu kurz.

Ich dachte immer, dass mir als ohnehin ziemlich distanzierter Person, die Nähe meist eher einengend findet und in den allermeisten Lebensbereichen von Essen bis Sex schlicht kein Genussmensch ist, dieser Umstand nichts ausmacht. Nach meiner Trennung finde ich es sehr erleichternd und entspannend, dass keine körperlichen Zuwendungen mehr von mir erwartet werden. Ich muss niemandem etwas Gutes tun, um irgendeinen Haussegen im Lot zu halten, ich muss niemandem etwas beweisen. Ich bin auf mich selbst zurückgeworfen und empfinde das zu allererst als befreiend. Meinen Oxytocinspiegel hält Arzu durch allmorgentliche Kuscheleinheiten vor dem Aufstehen und immer mal wieder zwischendurch auf einem gesunden Level, flauschige Nähe ist eh am schönsten.

Angesichts der wenigen Gelegenheiten für Körperlichkeit, die es derzeit gibt, fallen mir aber interessante Dinge auf. Solange mir Körperlichkeit eher zu viel und zuwider war, versuchte ich sie möglichst zu vermeiden. Momentan scheint sie mir doch zumindest so sehr zu fehlen, dass ich sie sehr genießen kann, wenn sie stattfindet. Und das tut sie einmal wöchentlich, jeden Mittwoch, wenn ich meinen Körper für eine halbe stunde in die Hände meines Physiotherapeuten lege.

Wir bearbeiten verschiedene Baustellen. Einerseits sind da mein unsäglich verspannter Kiefer, Nacken und oberer Rücken, für deren Lockerung ursprünglich meine Zahnärztin mich zur Massage schickte. Außerdem ist mein Physiotherapeut aber praktischerweise auch MS-Spezialist bzw. bildet sich in diesem Bereich gerade fort. Wir machen also auch diverse Übungen zur Neuromobilisation, Dehnung und Koordination, da es nach meinem letzten Schub auch hier genug zu beackern gibt. Jede Woche fragt er mich zuerst, was gerade aktuell ist und was er mit mir anstellen soll. Wenn ich schmerzende Schultern und einen steifen Nacken habe, massiert er mich, wenn nicht, gibt es Übungen, um meine Nerven, Muskeln und Sehnen beweglich zu halten.

Dass Massagen angenehm sind und der Körper Berührungen braucht, um das „Kuschelhormon“ Oxytocin auszuschütten, ist nicht neu. Wie gesagt ging ich bisher davon aus, dass ich dank Plüschmonster keinen Oxytocinmangel habe und ansonsten wenig Wert auf Körperkontakt lege. Daran, wie sehr ich mich jede Woche auf die Physiotherapie freue, merke ich aber, dass auch ich mich wohl nicht über solche Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten erheben kann.

Ich habe keine Ahnung, wie der Physiotherapeut aussieht und weiß wegen der natürlich immer konsequent getragenen Maske auch kaum, wie er riecht. Ich weiß ungefähr, wie alt er wohl sein mag, und spüre, dass er mir körperlich angenehm ist – mehr nicht. Allein die oft fast zärtlichen, manchmal schmerzhaften, aber immer angenehmen, angemessenen und genau richtigen Berührungen und Bewegungen seiner Hände, mal auf meinem Rücken, an meinen Schultern und meinem Nacken, mal an meinen Beinen oder – ja, auch das fühlt sich ganz selbstverständlich, vertraut und gut an – auf meinem Hintern, um mich bei Übungen anzuleiten oder unwillkürliche Ausweichbewegungen zu verhindern, regen meine Phantasie an.

Ich mag es, von ihm angefasst zu werden. Ja, er hat sich damit sogar in die Gedanken eingeschlichen, die ich mir abends im Bett vor dem Einschlafen mache. Auch, wenn ich ihn insgesamt gut leiden kann und wir in einigen Dingen auf einer Wellenlänge zu liegen scheinen, ist das aber trotzdem eine relativ aufs Körperliche isolierte Angelegenheit. Nein, ich bin nicht dabei, mich in ihn zu verlieben. Ich weiß ja gar nicht, wie sein Familienstand ist – in vergebene Menschen verliebe ich mich aus prinzip nicht bzw. hindere mich ganz aktiv daran, mich in soetwas reinzusteigern. Und solange ich die Lage nicht einschätzen kann, verhalte ich mich erstmal genauso, bleibe sehr vorsichtig und zurückhaltend. Aber ich genieße seine Hände an meinem Körper und hoffe insgeheim, dass er das ein kleines bisschen merkt, damit er ggf. irgendetwas daraus machen oder seine Schlüsse daraus ziehen kann – ein bisschen Nervenkitzel und Spannung müssen schließlich auch sein. Ja, ich flirte wohl auf einer komischen Ebene.

A propos Nervenkitzel und Spannung: Lange brauchte ich das überhaupt nicht sondern scheute sehr davor zurück, weil mir alles einfach nur zu viel und zu anstrengend war. Jeder Nervenkitzel war da eher eine zusätzliche Überforderung. dass ich sowas nun wieder zulassen und sogar genießen kann, zeigt mir, dass ich langsam von meinem Dauerstress runterkomme und wieder Aufnahmefähig für neue Eindrücke werde. Der erneute Lockdown hilft dabei enorm, denn er hat das Leben deutlich entschleunigt und reizärmer gemacht, wodurch ich mich wohl endlich besser auf mich selbst fokussieren kann. Danke, blöde Seuche!

15 Gedanken zu “Physis

  1. puzzleblume sagt:

    Darüber nachzudenken, was Berührungen auslösen können, wie, wann und warum führt einen auch gedanklich immer ein Stück weiter mit sich selbst, denke ich. Vielleicht ein sinnvoller Nebeneffekt.
    Wahrscheinlich würde ich, ausgehend von mir selbst als sehr selektierendes Rührmichnichtan, auch die Gedanken und Impulse sehr akribisch analysieren, würde auf professionelle Art eine solche komplizierte „Verbindung“ hergestellt.

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    1. kommunikatz sagt:

      Ja, absolut. Solche Überlegungen und Selbstanalysen bringen mich immer wieder voran und ich finde es sehr spannend, mich in solchen Dingen zu beobachten und zu hinterfragen. Deinen letzten Satz verstehe ich nicht ganz, also die professionelle Art und die komplizierte Verbindung. Was meinst Du damit? Ich lese es auf der Schiene der professionellen Beziehung zwischen Patientin und Therapeut und die komplizierte Verbindung entstünde, wenn sich da wirklich irgendwas Weitergehendes ergäbe. Aber das strebe ich ja eigentlich gar nicht an – noch nicht – mal sehen, was sich entwickelt… Dann würde es natürlich richtig interessant. Aber vielleicht meintest Du auch ganz was Anderes.

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      1. puzzleblume sagt:

        Ich meine, dass eine der Herausforderungen des Berufes ist, sich an der feinen Trennlinie zwischen pofessioneller Fürsorge, menschlicher Nähe und Versuchung entlang zu bewegen, und dass der Therapeut immer die Hauptlast dessen auf sich nehmen muss, die Situation im Sinne seines Berufsethos unter Kontrolle zu halten.

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      2. kommunikatz sagt:

        Danke, das ergibt Sinn. Bisher ist das ja alles nur in meinem Kopf und ich habe keinerlei bewusste oder absichtliche Annährungsversuche unternommen. Vermutlich wäre es auch nicht klug, das zu tun, eben weil ich ihn dann in ein Dilemma bringe. Damit das ok wäre, müsste es von beiden Seiten ausreichend klare Signale geben – und dann wäre es eben trotzdem noch heikel und höchst spannend. Andererseits ist es ja keine Abhängigkeitsbeziehung, also nicht wie Schüler*in-Lehrer*in oder Patient*in-Ärzt*in. Ähnlich wie letzteres schon, aber ich finde, für eine Abhängigkeit fehlt da einfach der Macht-Aspekt. Solange es kein Machtgefälle gibt und alles, was passiert, auf Einvernehmlichkeit beruht, kann ich kein Problem ausmachen – höchstens in einer etwaigen Außenwirkung, falls da irgendwer ein Machtgefälle unterstellen würde. Das wäre aus meiner Sicht fast die größte Gefahr.
        Ich habe mich übrigens sehr über das fehlende „r“ in der „pofesionelle[n] FÜrsorge“ amüsiert – bezieht sich der Satz doch vermutlich auf meine Erwähnung seiner Hand auf meinem Po 🙂

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      3. puzzleblume sagt:

        Tut mir leid, dass ich dem widerspreche. Wenn zwei Menschen miteinander hinter einer geschlossenen Tür allein sind, besteht grundsätzlich grosses Potential für Missverständnisse und existenzvernichtenden Beschuldigungen sexueller Übergriffigkeiten, vor denen sich auch ein therapeutischer Masseur fürchten muss bzw. es tun sollte.

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      4. kommunikatz sagt:

        Da hast Du vollkommen Recht, so groß ist der Widerspruch also gar nicht. Da er von sich aus aber genau aus diesem Grund mit großer Wahrscheinlichkeit nichts machen wird, sehe ich die Verantwortung für die Situation bei mir und passe, wie gesagt, sehr auf. Bisher ist nichts passiert, was über physiotherapeutisches Standardverhalten in einer Konstellation mit gegenseitiger Sympathie hinausginge. Solange es so bleibt, genieße ich das und halte die Füße still, zumal ich ja eigentlich gar keine weitergehenden Ambitionen habe. Ich wäre nur wahrscheinlich viel zu neugierig und opportunistisch, wenn sich doch etwas Eindeutigeres ergäbe. Von meiner Seite wird das nicht passieren, aber wenn es von ihm ausginge, würde ich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sofort darauf anspringen. Da muss ich für mich klar kriegen, wie ich meine Impulse sortiere: Aufpassen, ihn schützen und mich aus der Schusslinie halten oder egoistisch meinen Spaß haben… Das meinte ich mit der unterschwelligen Hoffnung, dass er irgendwelche Signale von mir auffangen könnte – er sollte es eigentlich tunlichst sein lassen, aber andererseits wäre es halt auch so spannend – hachja, ich höre jetzt einfach mal wieder auf, darüber nachzudenken, sonst steigere ich mich doch in etwas rein 🙂 Naja, und selbst für den Fall, dass sich etwas entwickelt: Das professionelle Verhältnis ist schnell aufgelöst, wenn ich einfach die Physiotherapiepraxis wechsele. Das wäre auf der einen Seite schade, denn er hat als Therapeut wirklich was drauf, aber auf der anderen Seite gäbe es dann eben keine gesellschaftlichen Zwänge und Reputationsverlustgefahren mehr. Ich sehe das alles selbst im unwahrscheinlichen Fall einer sich anbahnenden Affärenicht als ein auswegloses Mienenfeld, nenn mich Flittchen 🙂

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      5. puzzleblume sagt:

        Um von hinten anzufangen: würde ich nicht tun, die Phantasielienie ist weder üerschritten, noch wäre es praktisch das, was ich darüber denken würde. Lediglich unvorsichtig wäre das Wort meiner Wahl.
        In zweierlei Hinsicht, auch wenn ich dich nicht kenne, und du vielleicht viel technischer über einen Austausch denkst als ich es mir bei deiner Sensitivität vorstellen kann. Sich auf das eine einzulassen, bringt womöglich zuviel Mühsal in anderer Hinsicht mit sich, und da denke ich nicht nur an Gefühlslagen der Beteiligten, sondern pragmatisch an das Problem, in den von Corona beeinflussten Zeiten überhauot einen Termin bei irgendeinem Physiotherapeuten zu bekommen. Vielleicht sieht die Lage in eurer Gegend diesbezüglich besser aus als bei uns, aber da so viele Leute gerade Zeit haben, sind die Praxen alle rappelvoll ausgelastet.
        Mein Mann hat in einem Radius (!) von 40 km lediglich Termine in frühestens 4-6 Monaten angeboten bekommen.
        Nenn mich zu verdammt vernünftig 🙂

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      6. kommunikatz sagt:

        Vernunft ist eine super Sache und ich merke ja selber, dass sie mir gerade ein bisschen flötengeht, insofern bin ich Dir sehr dankbar für Deine Anmerkungen. Ich darf mich wirklich nicht reinsteigern und irgendwie abdrehen, auch wenn ich dagegen recht gut gefeit sein sollte. Solange alles abstrakt und unverfänglich ist, und erst recht darüber hinaus, sollte ich einfach auch mal nicht nur die Füße sondern auch die Finger stillhalten und nicht so viel über ungelegte Eier schreiben und spekulieren 🙂 Nicht, dass ich sonst noch eine selbsterfüllende Prophezeiung provoziere. Dass das alles schnell gehen und im zeitlichen Nahbereich ernst werden könnte, glaube ich allerdings so oder so nicht. So konkret ist es alles nicht, dass ich jetzt schon ernsthaft über eine andere Physiopraxis nachdenken würde. Ich möchte ihn ja durchaus als therapeuten behalten, auch wenn ich ihn vielleicht mittelfristig auch nicht von der Bettkante stoßen würde. Die Prioritäten liegen anders.

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  2. kommunikatz sagt:

    Allen, die jetzt denken, hier sowas wie eine Reality-Soap verfolgen zu können, sei mal ein kurzer Zwischenbericht gegönnt: Ich beherrsche mich und stelle fest, dass es eine sehr komfortable Sache ist, den Zustand so zu genießen, wie er sich mir derzeit präsentiert. Das umfasst, dass ich mich zwar jeden Abend in wunderbare Phantasien kuscheln kann, dass ich mich in der direkten Konfrontation aber absolut korrekt verhalte, keinerlei Übergriffigkeiten oder Andeutungen, nur im Bereich ganz normaler, netter Gespräche, vollkommen unverfänglich. Dass in diesen Gesprächen auch die Tatsache Erwähnung findet, dass es angesichts von social Distancing ein echtes Privileg ist, so ganz nebenbei trotz Lockdown körperliche Nähe und Berührungen abgreifen zu können, die sich gut anfühlen, und dass wir genug übereinander wissen, um uns ungezwungen über die angenehmen und nützlichen Wirkungen dringend legalisierungsbedürftiger Pflanzen unterhalten zu können, tut dem Ganzen sicherlich keinen Abbruch. Füße Stillhalten hat den positiven Nebeneffekt, dass dieser Zustand nicht kaputtgeht. Würde ich irgendwelche Annäherungsversuche machen, wäre die Gefahr viel zu groß, dass das kontraproduktiv wäre. Solange mein Neurologe mir Physiotherapie verordnet und mir die zahlreich vorhandenen Baustellen nicht ausgehen, darf das alles gerne einfach so bleiben. Und Baustellen habe ich en Masse, neben den im Ursprungspost erwähnten u.a. auch mein linkes Handgelenk, das seit Jahren immer wieder schmerzt und nervt, weil meine Handwurzelknochen durch einen lange zurückliegenden Sturz oder irgendeine blöde Verknacksung ein Problem haben, das der Mobilisation bedarf – heißt im Ergebnis, meine Hand inkl. Wurzel wird durchgeknetet, was sich anfühlt wie staatlich geprüftes Händchenhalten 🙂 Sehr schön und wirklich nicht konstruiert – Ehrenwort. Wieso sollte ich mir verbieten, die Auswirkungen von ärgerlichen Gebrechen positiv auszukosten? Opportunismus ist nicht per se verwerflich.

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  3. kommunikatz sagt:

    Ich fühle mich in meiner Strategie bestätigt. Heute sprachen wir u.a. auch über Weihnachten und alles, was dieses Jahr so anders und sonderbar ist, wobei sich wiedereinmal zeigte, wie ähnlich wir in Vielem ticken. Bei dieser Gelegenheit fand ich ohne weiteren Aufwand heraus, dass er verheiratet ist. Damit greift mein Grundsatz, dass ich von meiner Seite nicht aktiv werde. Signale beobachten und genießen werde ich aber selbstverständlich weiterhin, das kann ich gar nicht unterbinden, aber es schadet ja auch nicht 🙂

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