Misanthropie und Zynismus

Ist das ungesund? Vermutlich schon. Ich bin sehr zynisch und pessimistisch geworden. Die Menschen sind mehrheitlich dumm, denke ich immer öfter.

Es sind nicht nur die krassen Verschwörungsgläubigen und Pandemieleugner*innen, die gerade wieder in Berlin und kürzlich in Leipzig zu besichtigen waren. Auch Diejenigen, die sich weiterhin fröhlich ohne Abstand und Maske mit ihrem Freundeskreis oder ihrer Verwandtschaft treffen, weil ihre Lieben ja unmöglich infiziert sein können, wiegen sich in einer illusorischen Sicherheit und gefährden damit leider nicht nur sich selbst sondern die ganze Gesellschaft. Alle, die auf Teufel komm raus versuchen, die Regelungen des Teil-Lockdowns zu umgehen, die sich einen Sport daraus machen, Schlupflöcher und Kontroll-Lücken auszunutzen, hämmern weitere Nägel in den kollektiven Sarg. Die Menschen sind unsolidarisch und rücksichtslos, jede Hoffnung auf Vernunft, gesunden Menschenverstand und eine Überwindung des Egoismus zu Gunsten der vulnerableren Mitmenschen scheint vergebene Liebesmüh zu sein. Die Menschen sind dumm und egoistisch, ihr Horizont endet am eigenen Tellerrand. So wird das nix mit dem geselligen Weihnachtsfest im Freundes- und Familienkreis, das ausgerechnet diesen Leuten doch so wichtig zu sein scheint.

Das Gleiche bei Umweltzerstörung und Klimakrise: Die Leute sind so mit ihrem Leben und dem Hamsterrad in ihrer kleinen, abgeschlossenen Blase beschäftigt, dass sie die Auswirkungen ihres Handelns nichteinmal aktiv ausblenden und ignorieren müssen – sie nemen sie gar nicht erst wahr. Eigentlich kann ich ihnen daraus nichteinmal einen Vorwurf zimmern, denn vermutlich sind sie mit ihrem normalen Alltag vollauf ausgelastet. Sie leben ihr Leben einfach weiter, wie immer, ohne irgendetwas zu hinterfragen. So ändert sich natürlich nichts, denn niemand oder nur eine verschwindende Minderheit bemerkt auch nur die Notwendigkeit einer Verhaltensänderung hin zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Und die Auswirkung der Minderheit, der Unterschied, den diese kleinen Einzelaktionen machen, reicht nichteinmal aus, um all das „weiter so“ und den Gewohnheitstrott der Mehrheit zu kompensieren, geschweige denn umzulenken. Solange die Mehrzahl der Menschen reist, heizt, Strom verbraucht, Fleisch und Milchprodukte vertilgt und Müll produziert, als gäbe es kein Morgen, sind die Sparsamkeit und der Boykott der Wenigen nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.

Aktives Leugnen muss gar nicht sein, unbewusstes Verdrängen ist schlimm genug. Lesen diese Menschen keine Zeitung? Schauen oder hören sie keine Nachrichten? Wie sonst kann das alles dermaßen an ihnen abprallen, so spurlos und erkenntnisfrei an ihnen vorbeigehen? Ich für meinen Teil habe Angst, Dinge zu verpassen. Wenn ich nicht informiert bin, über die aktuellsten Entwicklungen und den Stand der Wissenschaft zu Klima, Pandemie, dem politischen Geschehen und so Vielem mehr, fühle ich mich ausgeliefert und schutzlos. Je mehr ich weiß, desto sicherer fühle ich mich, weil in meinem Kopf Strategien entstehen können. Auch wenn ich dann umso genauer erkenne, wie aussichtslos und fatal alles ist. Wüsste ich nicht Bescheid, wäre es schlimmer. Aber mit dieser Einstellung scheine ich allein auf weiter Flur zu sein. Ignoranz ist offenbar das Mittel der Wahl für die Meisten, ob als bewusst gewählte Strategie oder lediglich aus Überforderung.

Meine permanente Jagd nach aktuellen, evidenzbasierten Informationen sorgt dafür, dass ich nicht zum Schreiben komme, keinen Ausgleich finde und mich nicht abreagieren kann. Wenn ich mich nicht zwinge, komme ich auch nicht zum Staubsaugen, Putzen und Spazierengehen. Das Negative staut sich auf und lähmt mich. Die Ignorant*innen in ihren Blasen mögen weniger zynisch denken, aber ihr Verhalten ist der Gipfel des Zynismus. Nur, dass sie ihren Zynismus nicht bemerken, während ich meinen als gepflegte Misanthropie kultivieren kann. Menschenhass und Verbitterung können zwar nicht das Ziel sein, aber momentan scheinen sie mir unvermeidlich. Wenn ich all diesen Leichtsinn, dieses aktive Augenverschließen vor Fakten und teilweise deren bewusste Verdrehung wahrnehme, kann ich gar nicht anders, als zu resignieren. Und wenn ich an den Menschen verzweifle, sind Zynismus und Misanthropie nicht frei wählbar sondern die unumgängliche, logische Konsequenz. Zumindest leide ich so nicht unter Vereinsamung sondern freue mich eher darüber.

5 Gedanken zu “Misanthropie und Zynismus

  1. puzzleblume sagt:

    Unbegreifliches tritt unter diesen Umständen aus den Grauzonen heraus, über die man hinwegsehen konnte, weil sie einfach für sich und vor sich hinexistierten.
    Neu ist die Aggressivität und Vehemenz, mit der ein Nebeneinander erschwert wird, selbst wo ein Miteinander gar nicht angestrebt wird, wo einem ein Rückzug im Konsens, z.B. hinter einem schlichten Mundschutz, unmöglich gemacht wird durch militant agierende Konfusdenker, die nicht einmal davor halt machen, sich absichtsvoll zu nähern, und sich an der Angst zu weiden, die sie verursachen.
    Diese militant agitierenden Menschen, die sich organisieren, um vor Schulen oder in deren Nähe den Kindern auflauern um sie gegen ihren Willen zu bequatschen und den Einfluss der Eltern zu schädigen suchen – das ist eine erpresserische und nahezu verbrecherische Geisteshaltung, die andere Menschen, die sich selbst oder nahestehende Menschen schützen wollen, in einen weit tieferen Rückzug zwingen, als er eigentlich anberaumt wurde.
    Kommen dann noch die Internetdurchstreifer hinzu, die nur auf Beiträge wie diesen warten, um sich rhetorisch auf jeden zu stürzen, der dort seine zur Vorsicht mahnende Meinung äussert,
    wie man es verschiedentlich beobachten kann, dann verengt das zusätzlich auch noch den virtuellen Raum für jeden sensiblen Menschen, der unnötigen Streitereien mit fremden Menschen in seinem Leben keinen Platz einräumen will.
    Ich glaube nicht, dass es sich dabei um Misanthropie handelt, wenn man sich selbst von realen und virtuellen Kontakten mit Leuten fernhält, die einem nicht guttun, weil sie es auch gar nicht wollen. Weshalbs sollte man die im Begriff der Misanthropie implizierte Schuldzuweisung anerkennen?
    Ich wünsche dir allem zum Trotz ein angenehmes Wochenende, und dass es unter all dem, was an einen direkt oder virtuell herangetragen wird, auch Lichtblicke sein mögen.

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Vielen Dank, das wünsche ich Dir auch!
      Du schreibst sehr wahre Worte, es gehört eigentlich nicht unter den Begriff der Misanthropie, die Meinungen und Vorgehensweisen von Menschen abzulehnen und sich deshalb von ihnen fernzuhalten. Was die Querköppe angeht, die querdenken, bevor sie erstmal versuchen, geradeaus zu denken, habe ich da eh schon meine ganz persönliche Troll-Fehde am laufen, die bisher erstaunlicherweise nicht in die Kommentare meines Blogs geschwappt ist. Mit meiner misanthropischen Einstellung bezog ich mich mehr auf die Unaufmerksamen, Rücksichtslosen, die das Virus nicht leugnen, aber es trotzdem auch nicht ausreichend ernst nehmen, genau wie eben Diejenigen, die der Klimakrise so gleichgültig und tatenlos begegnen. Einfach weitermachen wie bisher ist heutzutage eben keine Lösung mehr – nicht, dass es jemals eine gewesen wäre….

      Gefällt 2 Personen

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