Testlauf

Ich wone seit zweieinhalb Jahren in dieser Gegend, die mir auch vorher schon nicht fremd war. Ein Orientierungs- und Mobilitätstraining, auf das blinde Menschen nach einem Umzug eigentlich Anspruch haben, beantragte ich nie, weil ich dachte, dass ich das auch selber hinkriege und eh so viel unterwegs bin, dass sich die Orientierung schon von allein ergeben würde. Außerdem habe ich Arzu, meine Führhündin, mit der ich mich eigentlich ins Ungewisse stürzen und die Wege der Umgebung auskundschaften kann, wie ich es teilweise z.B. mit meinem Arbeitsweg ja auch getan habe. Hätte ich den Wochen lang schmerzhaft verstauchten Fuß im Frühsommer 2018 und die MS-Schübe im April 2019 und Juni/Juli 2020 nicht gehabt, wäre der Plan vermutlich auch aufgegangen, aber so war ich schon von Anfang an immer wieder über lange Phasen hinweg unfit und ausgebremst.

Die beinahe tägliche Gassirunde bin ich mit verschiedenen Abwandlungen und Erweiterungen je nach Lust, Laune und Wetter sicher schon mehrere 100mal gelaufen, allerdings bis heute nie allein. Solange mein Ex-Partner und ich zusammen waren, gingen wir natürlich auch zusammen mit unseren beiden Hunden spazieren. Er führte mich, wir quatschten über alles Mögliche und ich musste nicht großartig auf den Weg achten. Auch damals hatte ich schon den Anspruch an mich selbst, die Runde auch alleine laufen zu können, aber es ergab sich nie und Wege effektiv mit meinem Partner zusammen zu erarbeiten, funktionierte erfahrungsgemäß nicht. Die Ablenkung war zu groß, sein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis verhinderte, dass ich mich auf den Weg hätte konzentrieren können. Nach unserer Trennung wohnte er weitere vier Monate hier, in denen wir den Hunden zuliebe und weil wir schließlich nicht bis aufs Blut zerstritten waren auch weiterhin gemeinsam gassi gingen.

Seit er Anfang Oktober auszog, fühlte ich mich in Folge meines MS-Schubes im Sommer, meiner ständigen Unausgeschlafenheit wegen meiner Schlafstörungen und meines nicht so dollen Allgemeinzustands nie in der Lage, mir den Weg endlich selbst zu erarbeiten, obwohl ich diesen Plan seit Monaten hatte. Ich sehnte mich nach Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und dem Erfolgserlebnis und wusste im Grunde, dass es so schwer nicht sein konnte, aber meinen Mut zusammennehmen und es einfach ausprobieren konnte ich dennoch nicht. Zu groß war die Angst, dass irgendetwas schiefgehen würde. Schließlich hatte ich den Weg nie geübt und mich tatsächlich nie so darauf konzentriert, dass ich mich sicher und orientiert fühlte. Zu viele Details waren mir unklar, zu viele widersprüchliche Antworten hatte ich von verschiedenen Menschen auf meine Fragen zu dem konkreten Weg bekommen. Im Ergebnis traute ich mich einfach nicht, ins kalte Wasser zu springen.

Jeder Anlauf, mir den Weg von einer anderen Person in Ruhe erklären und zeigen zu lassen, um ihn dann selbstständig mit Stock und der Erklärperson als Backup im Hintergrund zu gehen, war immer an meiner Tagesform gescheitert und am wohlmeinenden Zureden meiner Hilfspersonen, die dann jedes Mal meinten, ich solle mich doch jetzt nicht auch noch selbst unter Druck setzen. Nur passierte ohne diesen selbst auferlegten Druck halt nichts, schon gar keine Grundlage für ein Erfolgserlebnis.

Gestern machte ich nun endlich Ernst, schnappte mir meinen Vater, der erwiesenermaßen ein idealer und vielfach erprobter Hilfsmensch zum Erarbeiten neuer Wege ist, und ging die Runde gemeinsam mit ihm. Dabei benutzte ich meinen Langstock, hatte Arzu an der Leine und mein Vater lief nur neben uns her. So konnte ich ihm jederzeit Fragen zum Wegverlauf stellen, er konnte mich von sich aus auf Dinge hinweisen und mich bremsen, falls ich in eine Gefahrensituation hineingelaufen wäre. Da ich den Weg im Grunde ja schon oft gegangen war, nur eben am Arm einer Person und ohne mich selbst orientieren zu müssen, hatte ich eine gute Grundlage, in der eben nur die Feinheiten und konkreten, mit dem Stock ertastbaren Landmarken fehlten. Steigungen, akustische Besonderheiten durch Bäume oder Gebäude, Richtungsänderungen des Weges etc. kannte ich schon. Arzu benahm sich gut und lief ohne Zickenanfall oder sonstiges Kuddelmuddel wohlorganisiert mit – sehr vorteilhaft.

Nach dieser Erfahrung, dass der Weg wirklich einfach und ohne besondere Tücken war, raffte ich mich gleich heute zur ersten, echten Feuerprobe auf. Mit Feuer hatte es weniger zu tun als mit Wasser, denn es nieselte die ganze Zeit. Das kam mir aber sehr entgegen, denn ich wollte den Weg gerne mit so wenigen Ablenkungen wie möglich erproben, also ohne Hundebegegnungen, bei denen ich viel Aufmerksamkeit für Arzu benötigt hätte, die mir für den Weg und die Orientierung fehlen würde. Der Plan ging auf, wir begegneten nur wenigen, hundelosen Menschen und Arzu hatte keinen Anlass für irgendwelche Kapriolen.

Zum Glück bin ich trotz meines MS-geschädigten Gleichgewichtssinns eine relativ souveräne Stockläuferin, solange ich mich sicher fühle und orientiert bin. Verliere ich den Überblick, ändert sich das schlagartig, weshalb ich großen Wert darauf lege, mich nicht zu stressen oder von äußeren Einflüssen in Hektik versetzen zu lassen. Auch deshalb war es mir wichtig, dass Arzu sich benimmt und wir wenig Ablenkungen begegnen. Es klappte annähernd perfekt, die wenigen verunsichernden Stellen waren exakt die, die ich mir gestern mental als besondere Aufmerksamkeitspunkte markiert und eingeprägt hatte. Stieß ich auf eine dieser Stellen, konnte ich aus meiner Erinnerung Kommentare meines Vaters oder meine eigenen Lösungsideen dazu sofort abrufen und hatte somit gleich die richtige Vorgehensweise parat.

Arzu zeigte mir durch ihr absolut entspanntes Verhalten deutlich, dass mich, wie ich es auch selbst empfand, zu keinem Zeitpunkt echte Unsicherheit überkam. Es war zwar das erste Mal, dass ich diesen Weg alleine mit ihr ging, aber wir kannten den Weg trotzdem Beide gut genug, um uns durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. Fazit: Wir sind ein gutes Team, ich kann auch bei leichter Verunsicherung immernoch sicher und souverän genug auftreten, um Arzu nicht aus dem Konzept zu bringen, was dann auch dafür sorgt, dass Arzu absolut gechillt und geerdet bleibt und ihrerseits mich nicht verwirrt.

Das klingt jetzt so, als wäre sie sonst ein unberechenbares Monster. Das ist sie nicht, aber wenn sie einen kleinen Kleffer oder eine andere Hündin nicht leiden kann, lässt sie sich gern provozieren oder markiert auch schonmal von sich aus die Dramaqueen. Davor ist während der Freizeit auch kein noch so gut ausgebildeter Blindenführhund gefeit, denn ich bin der festen Überzeugung, dass auch ein Arbeitshund einfach Hund sein und hündisches Verhalten zeigen darf, wenn eben gerade keine Arbeit ansteht. Aber je ruhiger ich bin, umso ruhiger ist auch Arzu, wie auch umgekehrt. Bin ich in Begleitung anderer Menschen mit Arzu unterwegs, bringen diese anderen Menschen meist schon so viel Unruhe in die Situation, dass es mehr Trouble und Hektik gibt – mit ein Grund, warum ich endlich wieder allein spazierengehen will.

Vor allem hat mir dieser Testlauf aber wieder gezeigt, wie wichtig es ist, Dinge einfach zu machen und es darauf ankommen zu lassen. Nur so erlebe ich Selbstwirksamkeit und nur so komme ich in den Genuss eines Erfolgserlebnisses. Die Wahrscheinlichkeit, dass es schiefgeht, ist meist gering genug, um sich darauf einzulassen und das kleine Risiko einzugehen. Und selbst, wenn es nicht perfekt läuft, ist die dann anstehende Problemlösung in der Regel auch so einfach, dass sie das Erfolgserlebnis eher noch steigert und keinesfalls zu einer Katastrophe führt.

Mein Gleichgewichtssinn ist nicht perfekt, aber damit komme ich inzwischen so gut zurecht, dass es mich nicht nennenswert beeinträchtigt. Ich mache einfach langsam, bewege mich bedacht und in einem für mich passenden Tempo. Nichts und niemand hetzt mich. So kann ich einen Spaziergang sogar genießen und als entspannend empfinden. Das habe ich lange nicht für möglich gehalten, weil ich dachte, mich viel zu sehr konzentrieren zu müssen. Das hielt sich aber in wirklich vertretbaren Grenzen.

Ja, ich bin zufrieden mit diesem Testlauf, denn ab jetzt kann ich auch in Arzus Freizeit endlich einfach dann rausgehen, wenn ich es für richtig halte, ohne auf irgendwen warten und mich mit irgendwem koordinieren zu müssen. Arzu freut sich 🙂 Und ich erlebe mich ein ganz großes Stück weit selbstbestimmter als noch vor ein paar Stunden.

9 Gedanken zu “Testlauf

  1. Und sonst so? sagt:

    Sehr schön, und auch sehr schön beschrieben. Ist mein Gefühl richtig, dass du so langsam etwas beginnst, zur Ruhe zu kommen? Ich hoffe, es geht auch bei anderen Dingen so gut wie bei deinem Testlauf! Liebe Grüße, und für Arzu eine dicke Streicheleinheit!🦮

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke 🙂 die Streicheleinheit gebe ich sofort weiter! Ich hoffe, dass
      Dein Gefühl stimmt, so richtig merke ich es noch nicht, aber Vieles
      deutet darauf hin und ich bin ganz generell keine Schnellmerkerin, wenn
      es um meine eigenen Befindlichkeiten geht 😉 Hoffen wir also einfach
      mal, dass Du Recht hast!
      liebe Grüße und eine Streicheleinheit zurück an Sammy
      Lea

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  2. kommunikatz sagt:

    Beim zweiten Mal durfte ich nun feststellen, dass auch eine unkonzentrierte und überall gleichzeitig schnüffeln wollende, zwschendurch auch mal katzenanimierte Arzu mich nicht gänzlich durcheinanderbringt 🙂 Ein bisschen schon, aber nicht so, dass ich die Orientierung verliere. Und falls ich sie mal ansatzweise verliere, finde ich sie auf diesem doch relativ einfachen Weg schnell wieder, da ich weiß, nach welchen Landmarken und klar identifizierbaren Wegpunkten ich suchen muss. Das kann ein Stromverteilerkasten sein, ein bestimmter Busch in einem Vorgarten, den ich unwillkürlich touchiere, oder der Verlauf der Rasenkante eines Grünstreifens oder der Vegetation am Gehwegrand. Auch die Bodenbeschaffenheit, Platten vs. Kopfsteinpflaster vs. Schotter, sagt mir immer, wo ich bin. An einer Stelle liegen besonders viele Blätter auf dem Boden, auch das ist ein sehr praktisches Signal. Die kleinste Version der Runde, die ich auch heute gegangen bin, dauert nur eine Dreiviertelstunde. Beim nächsten Mal, so es denn hoffentlich dann nicht matschig ist, gehe ich den Weg mit der ersten Erweiterung. Diese führt über einen Reitweg, wo es mit dem Stock etwas hakelig werden könnte, da der Weg nicht asphaltiert oder gepflastert ist sondern sich bei Regen in eine Schlammpiste verwandelt. Also hoffe ich dafür auf trockenes Wetter, um endlich auch ausgedehntere Spaziergänge allein machen zu können. Zwischendurch war ich gerade auf der Runde wirklich entspannt und habe mich überhaupt nicht auf den Weg konzentriert. Das kam mir schon fast leichtfertig vor 😉 Es wird also, wenn es schon beim zweiten Mal und trotz Hundegewusel so gut läuft.

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  3. kommunikatz sagt:

    Heute habe ich die erste Erweiterung eingebaut: Einen teils schlammigen Reitweg an einem von Arzus Lieblingsplätzen vorbei, den ich in meiner Navi-App (die ich nie benutze) mit „Splosh“ markiert habe 🙂 (sie planscht da gerne in einem Bach). Ich hatte Sorge, der Reitweg könnte mit dem Langstock schwierig sein, weil er halt nicht befestigt ist. Aber die Angst war umsonst, solange der Weg nicht im Matsch versinkt, ist er flach und klar genug berandet, so dass ich zwar nicht richtig über den Boden pendeln, aber doch mit der Stockspitze jeweils am Ende der Pendelbewegung auftippen kann. Das ist eine eigentlich auch genauso gängige Pendeltechnik, die ich nur sonst nicht anwende und für schwierigen Untergrund reserviere. Der Spaziergang war nett, ich konnte mehrere Menschen über Blindenführhunde aufklären und wann mensch sie wie behandeln muss, außerdem traf ich auf einen sehr hilfsbereiten und netten Menschen, der mich um eine Baustelle herumlotste, sowie auf einen eher skurrilen, vermutlich auch hilfswilligen Menschen, der mich jedoch in einem Moment, als ich gar keine Hilfe brauchte, dadurch gehörig verwirrte, dass er mir quer über die Straße zurief „Wo laufen sie hin?“ 🙂 Schräge Leute gibts…

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