Wer bin ich, und wenn ja, was soll das?

Dies ist mein Text aus dem Schreibworkshop vom vergangenen Donnerstag. Der Schreibimpuls lautete „Wer bin ich jetzt gerade in diesem Moment?“

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Ich bin zu viel – zu Vieles gleichzeitig. Ich bin müde, die letzten Nächte, Tage und Abende sitzen mir in den Knochen. Nachts schlafe ich schlecht, tagsüber stresst mich Kleinkram, von dem es zu viel gibt und der mir zu viel abverlangt, abends sitze ich ständig in Videokonferenzen und verhandle komplizierte und teils frustrierende und sich überfordernd anfühlende Belange unterschiedlicher Vereine. Ich bin vielleicht nicht zu viel, aber ich versuche, zu viel gleichzeitig zu schaffen, zu viele Wünsche und Bedürfnisse gleichzeitig zu erfüllen, die alle nicht meine eigenen sind, und zu vielen Anforderungen gerecht zu werden, von denen meine eigenen die höchsten sind. Der Druck ist hausgemacht, das weiß ich. Dass ich mir ständig die Köpfe Anderer zerbreche, ist Teil des hausgemachten Drucks, aber abstellen lässt es sich auch nicht so einfach.

Die Dinge müssen erledigt werden, ich muss meine übernommenen Aufgaben und Verpflichtungen erfüllen, muss eine gute Geschäftsführerin, Pressesprecherin, Tochter, Mitbewohnerin, Hundemama, eine faire Ex-Partnerin, eine formal korrekte Vermieterin und was nicht noch alles sein – alles gleichzeitig.

Eigentlich weiß ich bei all diesen vielen von außen aufgeklebten Labels gar nicht mehr, was und wer ich eigentlich wirklich bin, wie ich mich bei alledem fühle und was ich für mich und mein Wohlbefinden überhaupt brauche. Ich weiß es nicht, habe schon vor Ewigkeiten den Kontakt zu dem Teil von mir verloren, der es mir sagen könnte. Ich wusste noch nie, was ich will, was ich brauche oder mir wünsche. Meine eigenen Bedürfnisse waren immer Bücher mit mehr als sieben Siegeln. Die Bedürfnisse der Anderen waren viel leichter fassbar, viel offensichtlicher, also stürzte ich mich darauf und verdrängte und vergaß letztlich mich selbst.

Funktionieren reichte immer, aber leider reicht es auf dauer doch nicht, wenn ich mich bei dem ganzen Wahnsinn auch ein bischen gut fühlen will.

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Als die Schreibzeit vorbei war, sagte die Workshopleiterin: „Es ist gut und genau richtig, wie Jede von Euch gerade ist.“ Mir war klar, was sie meinte, aber ich zweifelte für meinen Teil doch ein wenig an dieser versöhnlichen Zusammenfassung. Zu bewusst bin ich mir all der Baustellen, die ich mit mir herumtrage und die es zu beackern gilt, um mich psychisch auf stabilere Beine zu stellen.

In der Zoom-Runde sprachen wir anschließend noch über Selbstzweifel, Selbstkritik und Selbstzerfleischung. Eine Teilnehmerin erzählte, dass ihr Freund in Momenten des Selbstzweifels immer zu ihr sagt: „Wenn Du Dich hättest anders verhalten können, hättest Du Dich anders verhalten.“ – Im Sinne von: Du hast keinen Fehler gemacht, die Bedingungen waren eben so. Dein Verhalten hat Gründe und einen Rahmen, die Du nicht unbedingt selbst in der Hand hast. Diesen Satz des weisen Freundes fand ich dann tatsächlich versöhnlich und möchte ihn auch hier als Abschluss stehenlassen. Wir sind immer eingebunden in unsere Umwelt und Geprägt oder auch gefesselt von Rahmenbedingungen innerhalb und außerhalb von uns selbst. All diese Faktoren bestimmen unsere Handlungsmöglichkeiten und Handlungsweisen. Wir handeln immer nach bestem Wissen und Gewissen, nach unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten. Selbstvorwürfe sind da meist gänzlich fehl am Platz, denn wir haben unser Bestes getan.

4 Gedanken zu “Wer bin ich, und wenn ja, was soll das?

    1. kommunikatz sagt:

      Sehr wahr! Über diesen Umweg habe ich irgendwann für mich begriffen, dass ich wohl genug tue und auch genug schaffe, dass ich nur einfach meist viel zu hart mit mir selbst ins Gericht gehe. Denn im Bereich Selbstzerfleischung bin ich wirklich Expertin und schaffe es leider noch nicht dauerhaft, das einfach mal sein zu lassen. Da ist die Selbsterkenntnis zwar schön und vielleicht auch wirklich der erste Schritt zur Besserung, aber dieser Schritt ist trotzdem mit einiger Anstrengung verbunden und dauert offenbar seine Zeit.

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