Eigentlich…

…kann ich nicht mehr. Ich habe diesen Satz in den letzten Tagen sehr oft gesagt und noch viel öfter gedacht. Ich kann nicht mehr, alles überfordert mich. Eigentlich kann ich darüber auch gar nicht schreiben, weil mich auch das überfordert. Ich will keinen Ärger, ich will niemanden ärgern. Und wenn ich aufschreibe, wie es mir geht, wird das garantiert Menschen ärgern, verunsichern, missverstanden werden, zu Vorwürfen führen.

Ich weiß, dass ich Vieles selbst in der Hand habe, weil es auf meine Einstellung zu und meinen Umgang mit den Dingen ankommt. Aber ich kann nicht mehr. Ich kann meine Einstellung nicht willentlich ins Positive drehen, während alles, was ich wahrnehme, negativ ist. Die Nachrichten sind voll von steigenden Infektionszahlen, uneinsichtigen Menschen, immer irrsinnigeren Verschwörungsnarrativen, galoppierendem Schwachsinn auf höchsten politischen Ebenen, dem Elend geflüchteter Menschen und so vielem anderen Elend. Mein persönliches Umfeld ist voll von Bedürfnissen, Wünschen, Forderungen und Verpflichtungen. Es fehlen Aufmerksamkeit, Rück- und Nachsicht. Niemand fragt, was ich möchte oder brauche, und wenn ich es von mir aus äußere, tue ich es scheinbar so ungeschickt, dass alle bloß sauer werden. Auf mir lastet Verantwortung, der Druck des sich-kümmern-müssens und das Gefühl, dass alles zusammenbricht, wenn ich ausfalle.

Die Erwartungen an mich sind groß, meine eigenen sind am größten. Und die Hürden überagen alles. Ausgerechnet jetzt, wo ich auf mich gestellt bin, verstehen sich die Textverarbeitung, mein Browser und mein Screenreader nicht mehr, so dass diverse Webseiten, Kommunikationsplattformen und Onlineshops nicht mehr nutzbar sind. Ich weiß nicht, wie ich das beheben kann, aber es sägt meine Grundfunktionen ab. Menschen, auf deren Hilfe ich angewiesen bin, ziehen sich zurück, mit Argumenten, die genauso gut sind wie meine eigenen. Andere nehmen es persönlich, wenn ich sage, dass es mir schlecht geht, geben mir selbst die Schuld dafür oder implizieren zumindest, dass ich dann halt in der Vergangenheit weniger Fehler hätte machen sollen. Das hilft nicht.

Eigenständig mobil bin ich genauso wenig wie in den letzten Monaten, dafür fühle ich mich körperlich noch immer zu schwach, zu orientierungslos, zu ausgeliefert. Arzu wird immer unkonzentrierter und baut immer mehr Mist, je weniger sie arbeitet. Logisch, sie ist aus der Übung, je weniger es für sie zu tun gibt, je weniger ich unterwegs sein kann. Nichtmal spazierengehen kann ich alleine mit ihr, was mich nur noch abhängiger macht und nur noch mehr an Menschen bindet, die mir zu viel sind.

Alles macht mir Angst, alles fühlt sich bedrohlich an und bringt mich weiter aus dem Gleichgewicht. Ich schlafe kaum und beginne jeden Tag mit einem Kloß im Hals. Spätestens beim Zähneputzen kommen die Tränen. Alles ist zu viel. So schlimm war es lange nicht und ich glaube, es sind die Umbrüche, die mich fertigmachen. Wenn alles gleichbleibend scheiße ist, ist die Scheiße vertraute, bekannte Gewohnheit. Erst neue Scheiße, oder auch nur die Angst vor neuer Scheiße bringen das System wirklich durcheinander.

PS: Geschrieben habe ich diesen Text heute Vormittag. Jetzt ist es Abend, ich hüte den Hund meines Ex-Partners, während er mit FFF demonstriert, esse eine leckere Gemüsepizza, die gestern aus einem Container gerettet wurde und um die ich von Arzu ganz fürchterlich angebettelt werde, danach ebensolche Erdbeeren zum Nachtisch. Arzu bekommt aber nicht nur Pizzarand, für sie gibt es jede Menge Aufschnitt, Quark und Eier, außerdem Räucherlachs. Das wird natürlich alles zu ausgewogenem Futter verarbeitet, mit Gemüse und so. Es ist wahnsinn, was alles weggeworfen wird. Meine Mitbewohnerin, die ab morgen offiziell und richtig hier wohnen wird, war auch kurz hier und hat schon ein paar Sachen gebracht. Die Welt ist nicht mehr ganz so kacke, ich glaube, irgendwie werde ich zurechtkommen.

5 Gedanken zu “Eigentlich…

  1. Und sonst so? sagt:

    Ach Lea, es tut mir echt leid für dich. Schon Menschen, die völlig gesund sind, würden in deiner Situation völlig gestresst sein. Ich wünsche dir sehr, dass mit deiner neuen Mitbewohnerin endlich etwas Ruhe und Normalität einzieht! Dicke Umarmung und liebe Grüße, Martina

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    1. kommunikatz sagt:

      Vielen Dank auch Dir! Irgendwie macht mir ihr Einzug Angst, obwohl ich sie sehr mag. Ich habe mich noch gar nicht ganz ans Alleinsein gewönt und noch lange nicht meinen eigenen Rhythmus und meine Bedürfnisse herausgefunden, da hört diese Ruhe schon wieder so abrupt auf. Aber es wird sich alles irgendwie finden, es wird kein Desaster sondern bestimmt eine schöne Bereicherung. Und Ruhe brauchen wir ja Beide, das wird daher schon klappen.
      liebe Grüße
      Lea

      Gefällt 1 Person

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