Lagebericht von der Baustelle

Irgendwie fehlt die Kraft zum Schreiben – obwohl ich weiß, dass die Kraft nur aus dem Schreiben kommen kann. Paradox aber leider eine mir wohlbekannte Zwickmühle. Da ich Euch aber auch mal wieder einen Zwischenstand schuldig bin, zwinge ich mich jetzt und hoffe, dass es hilft.

Mein Ex-Partner ist tatsächlich Anfang Oktober ausgezogen – vier Monate nach der Trennung. Fast alle seiner Sachen sind weg, einige sind noch da – irgendwo taucht immer wieder irgendwas auf, aber das wird schon noch werden. Die Handwerks- und Renovierungsmaßnahmen am Haus, bei denen er netterweise noch gegen Bezahlung hilft, laufen gut, ich habe neue Türzargen und Türen, so dass Räume endlich schließ- und abschließbar sind. Der Wintergarten ist unglaublicherweise nach zwei Jahren auch endlich fertig verglast und nicht mehr zu einem Drittel mit einer Holzwand verrammelt. Jetzt muss um die Türen herum, im Wintergarten und an einigen schon nach so kurzer Zeit mackenhaften Stellen neu gestrichen werden – also im 1. Stock. Dann kann ich mir endlich ein Arbeitszimmer in meinem wunderschönen Wintergarten einrichten und muss endlich nicht mehr mit Laptop auf der Bettkante arbeiten, wie ich es zum Leidwesen meines Rückens nun schon seit Wochen tue.

Das Erdgeschoss ist ein anderes Thema, da müssen wir vor allem die Küche komplett erneuern. Daran hatten mein Ex und ich ja seit dem Einzug nichts gemacht sondern einfach nur die funktionierende Küche der Vorbesitzer*innen übernommen, die teilweise aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt. Da mein Ex die Küche sehr intensiv genutzt und daran noch alle möglichen Details verschlimmbessert hat, geht es nun einfach nicht mehr. Meine baldige Mitbewohnerin hat eine Küche, die wir hier zum Einsatz bringen wollen, aber vorher stehen ein neuer Boden, vielleicht neue Wandfliesen und die ganz normale Renoviererei an – mal sehen. Mir graut davor, denn im alten Bad waren die Fliesen förmlich einbetoniert – in der Küche wird es ähnlich sein und das wird ein riesen Akt, auf den ich absolut überhaupt gar keinerlei Bock habe. Die Wände in Wohn- und Esszimmer sind so huddelig und mies mit Farbe beschmiert, dass es ohne einen neuen Anstrich nicht geht. Vielleicht machen wir dann die eine oder andere Wand farbig. Mir ist das ja eher egal, weil ich es nicht sehe, aber meine Mitbewohnerin hat dazu schöne Ideen.

Und dann gab es da auch noch die gesundheitlichen Baustellen. Meine MS-Symptome hielten sich lange, sind aber inzwischen wieder auf dem Weg der Besserung. Es war wohl der Stress und der unschöne Gesamtzustand. Das alles hatte die gleichen Auswirkungen wie oftmals die Sommerhitze, nur dass die sonderbaren Missempfindungen von Wärme und Oberflächenschmerz bei äußerer Hitze weniger auffielen als jetzt, im zunehmend kühlen Herbst. Und der Stress ist anscheinend nicht weg. Mein Körper tut jedenfalls so, immer wieder auf neuen Ebenen. Momentan fallen mir unglaublich viele Haare aus. Wenn das so weitergeht, bin ich bald kahlköpfig. Ich will meine langen Haare nicht abschneiden, aber bald muss ich es, weil ich einfach nur noch dünne Fusseln auf dem Kopf habe. Dann sagen alle: „Klar, nach einer Trennung schneiden sich Frauen halt die Haare ab“, dabei ist das gar nicht der Punkt… Und mein Knie knackt. Das tut es seit über zehn Jahren und ein Orthopäde, den ich vor langer Zeit deshalb konsultierte, fand es nicht bedenklich. Kürzlich sagte nun aber mein Physiotherapeut, es klänge wie eine beginnende Arthrose. Dafür bin ich mindestens zehn Jahre zu jung, aber nuja, ich hab ja noch nicht genug Trouble…

Körperlich bin ich nicht fit. Sowohl notwendige Wege als auch Spaziergänge mache ich so gut wie nie alleine sondern suche mir immer Begleitung, weil ich einfach nicht verlorengehen oder umfallen will. Ich bin wackelig und desorientiert, das fühlt sich gefährlich an. Aber da ist auch immer der Druck und der Wunsch, wieder mobil zu sein und Arzu die Bewegung und Auslastung zu bieten, die sie braucht. Ich weiß noch immer nicht, ob ich mir nach ihr nochmal einen Hund zutraue – für mich selber ja, immer, ganz klar, weil es einfach eine Hilfe ist. Aber für einen Hund bin ich inzwischen eher eine Belastung, weil ich gar nicht alles leisten und gewährleisten kann, was ein Hund braucht. Selbstzweifel, Sorgen, Angst

Bisher war ich genervt davon, nie allein zu sein und nie meine Ruhe zu haben. Jetzt bin ich genervt von der Einsamkeit und Langeweile. Dabei habe ich so viel zu tun, dass an Langeweile eigentlich gar nicht zu denken ist. Nur aufraffen fällt schwer – und so wird der Berg immer größer. Einsamkeit ist eigentlich genau das, was ich will, denn jeder Mensch geht mir nach kurzer Zeit auf den Wecker. Ich weiß niemanden mit der oder dem ich momentan über das absolut Notwendige hinaus Zeit verbringen will. Alle sind zu viel, alles ist zu viel, meist bin ich mir selbst zu viel – immernoch. Hoffentlich drehe ich nicht durch, wenn meine Mitbewohnerin einzieht. Aber das ist nicht vergleichbar mit der Zeit, als mein Ex hier wohnte. Ich werde nicht durchdrehen, weil uns ja niemand zwingen wird, ständig alles zusammen zu machen. Wir brauchen Beide Ruhe und Rückzug. Mein Ex hingegen brauchte dauernd jemanden, den oder die er zutexten konnte und die oder der ihm möglichst uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenkte. Davon bin ich wohl geschädigt.

Ich lebe seit gefühlten drei Jahren auf einer Baustelle in einem permanenten Zwischenzustand, der nie zur Ruhe oder zu irgendeinem akzeptablen Ende kommt. Ich brauche eine Pause, einen Ort zum Ankommen, Urlaub… Und zwar so, dass ich nicht nach ein paar Tagen gleich wieder im nächsten Chaos lande. Ich brauche Verlässlichkeit, Sicherheit, einen wirklich stabilen Rückzugsort. Den möchte ich mir hier nun aufbauen. In diesem Prozess stecke ich. Und solange ich mitten im Prozess bin, kann natürlich immernoch keine Ruhe einkehren. Da muss ich jetzt durch – das sage ich mir seit Jahren. Hoffentlich habe ich es irgendwann hinter mir.

7 Gedanken zu “Lagebericht von der Baustelle

  1. Und sonst so? sagt:

    Auch wenn bisher noch trubelig ist, so hoffe ich, dass du mit deiner Mitbewohnerin das große Los gezogen hast und dann endlich die ersehnte und nötige Ruhe einkehrt. Ich glaube, es gibt sehr viel Sicherheit, zu wissen, dass zwar jemand da ist, dir aber nicht durch ständige direkte Anwesenheit den letzten Nerv raubt. Zusammensitzen, wenn man möchte, in Ruhe gelassen werden, wenn man möchte. Das wäre perfekt, und das wünsche ich dir! Liebe Grüße und einen schönen Sonntag auch an deine Fellnase!

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke 🙂 Ja, die Fellnase kommt gleich auf ihre Kosten, dann gehts endlich vom improvisierten Schreibtisch weg und nach draußen. Hoffentlich hast Du mit Deiner Prognose Recht. Momentan macht es mir gerade etwas Sorgen, dass meine Mitbewohnerin und ich aus dem gleichen Arbeitskontext kommen und vermutlich beide zu viel davon mit nach Hause nehmen. Ich für mich habe das ganz gut im Griff, sie meinem Eindruck nach manchmal nicht so. Ich will aber nicht von meiner Arbeit nach Hause verfolgt werden, nur weil sich jemand Anderes Sorgen darüber macht und die bei mir ablädt. Bitte lass das nur meine Paranoia sein…

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  2. kommunikatz sagt:

    Kleines Update: Die Schönmacherei am Haus läuft super, ich bin meinem Ex sehr dankbar, dass er mir hilft bzw. so viele Arbeiten übernimmt, denn auf einen Handwerker müsste ich Wochen warten.
    Mein bescheuerter Haarausfall konnte ursachenmäßig auch festgenagelt werden. Ich wusste ja, dass ich bei veganer Ernährung Vitamin B12 bzw. generell B-Vitamine supplementieren muss, das habe ich in Form von Tabletten auch immer brav getan. Trotzdem hatte ich bei meinem letzten Blutbild schon einen leichten Mangel – und der kann durchaus auch Haarausfall bewirken. Jetzt sagte meine Hausärztin, dass Tabletten für die Versorgung mit Vitamin-B ohnehin Mist seien, weil die B-Vitamine über den Magen nur sehr unzureichend vom Körper aufgenommen werden könnten. Sinnvoller seien Spritzen – zehn Stück, alle zwei Wochen eine, danach sei dann erstmal der Speicher wieder voll. Ok, momentan gibt es Schöneres, als alle 14 Tage in der Arztpraxis aufzulaufen, aber wenns hilft, mache ich das halt. B-Vitamine sind ja nicht nur für die Haare sondern auch für die Nerven, die Konzentrationsfähigkeit und das Denken sehr wichtig. Vielleicht bin ich deshalb in letzter Zeit oft so daneben. Und auch wenn sich so schnell eigentlich noch kein Effekt der ersten Spritze bemerkbar machen kann: Ich habe schon das Gefühl, dass mir weniger Haare ausfallen und dass ich irgendwie klarer im Kopf bin 🙂

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  3. kommunikatz sagt:

    Der Wintergarten ist FERTIG!!! Nur Fensterputzen und Heizkörper anbringen steht noch aus, aber auf Letzteres habe ich offenbar wenig Einfluss, weil der Installateur einfach seit Monaten jeden einzelnen Termin x-mal verschiebt, ersteres beauftrage ich morgen und es passiert dann hoffentlich bald.
    Gestern haben zwei Freundinnen und ich das Parkett im Erdgeschoss gründlich geputzt und geölt, bald machen wir das auch oben. Das Zimmer meiner Mitbewohnerin ist jetzt fast leer, die großen Sachen sind entweder verschenkt oder in die Garage gewandert. Aller Renovierungskram oben ist auch durch. Es nimmt Formen an 🙂

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  4. kommunikatz sagt:

    Mein Physiotherapeut hat sich die Röntgenbilder meines Knies angeschaut und sagt, alles Knöcherne dort sieht super aus. Arthrose habe ich also nicht, das Knacken und Knirschen muss eine andere Ursache eher in den Weichteilen, Muskeln, Sehnen etc. haben. Ich bin erleichtert 🙂

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