Der Zauber

Der Zauber funktionierte nicht, wenn man traurig war. Es ging nur mit guter Laune. Die wurde dann durch die Pilze verstärkt, mit bunten Bildern, intensiven Wahrnehmungen und starken Empfindungen angereichert. Der eigene Atem übertrug sich auf die Welt, alles atmete, pulsierte im Rhythmus des eigenen Körpers und flatterte euphorisch in höchste Höhen.

Wobei flattern es nicht ganz traf. Eigentlich war dieser Zustand viel zu ruhig, um mit einem so hektisch bewegten Wort belegt zu werden. Am besten war es, sich nach dem Genuss der nicht besonders wohlschmeckenden Pilze einfach hinzulegen und das schwebende Gefühl auszukosten. Schlief man dabei ein, konnten sich die entspanntesten und zugleich aufregendsten Träume entspinnen.

Aber tine war traurig. Da halfen die Pilze nicht. Sie stand am Fenster und ihr liefen Tränen übers gesicht. Sie spürte nicht die Spur einer Wirkung. Nichtmal ein Horrortrip riss sie aus ihren trüben Gedanken, wobei Gedanken eigentlich auch nicht da waren. Sie war einfach leer, taub und unendlich müde.

Ihr Freund lag hinter ihr auf dem Bett. Bei ihm wirkten die Pilze ordnungsgemäß. Sie hätte ihm andere Pilze gegönnt. Es war verschwendung, er spürte und begriff doch eh nichts.

Für die zweite Etüdenrunde nach der Sommerpause, zu der Ihr hier die Schreibeinladung mit allen Erläuterungen findet, hat Christiane von „Irgendwas ist immer“ meine Wortspende ausgewählt. Ich fühle mich geehrt und habe sofort in die Tasten gehauen. Meine Wörter waren „Pilze“, „traurig“ und „schlafen“.

21 Gedanken zu “Der Zauber

    1. kommunikatz sagt:

      Ich glaube, ich werde eine Strichliste führen, wie oft gemordet, getrippt oder einfach nur gesammelt wird 🙂
      Tja, Friede-Freude-Eierkuchen ist ja Langweilig und auch diese Etüde beruht teilweise auf einer wahren Begebenheit. Wobei ich damit nicht in Abrede stellen will, dass Zauberpilze die Stimmung auch heben oder sogar therapeutisch eingesetzt werden können. Bei mir scheint das aber eher weniger hinzuhauen.

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  1. Werner Kastens sagt:

    Nach Deiner Geschichte wollte ich es mal etwas genauer wissen und bin echt überrascht, dass man psychedelische Pilze frei im Internet aus Holland kaufen kann. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Selbst sogenannte „growkits“ zum Selbstzüchten sind für €47,50 frei erwerbbar, da bin ich echt von den Socken!
    Hinweis: dies soll keine Anleitung oder Anregung sein, psychedelische Pilze zu erwerben oder zu züchten!!!!

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    1. kommunikatz sagt:

      Yep, das liegt an einer Gesetzeslücke bzw. -unklarheit. Die Fruchtkörper der Pilze sind tatsächlich illegal, aber die unterirdischen Anteile sind genauso wirksam und nicht verboten. Wobei in den Niederlanden unglaublich Vieles frei verkäuflich ist, von dem mensch es nicht erwarten würde und was mensch hierzulande auch niemals irgendwo fände.

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  2. puzzleblume sagt:

    Obwohl meine euphorischen Erfahrungen mit Pilzen sich lediglich auf den köstlichen Geschmack in Butter geschmorter Pilze und ähnliche kulinarische Lüste beschränken, hast du die Situation so gut beschrieben, dass ich die matte, triste Stimmung im Raum und zwischen den beiden Menschen nachfühlen konnte.

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    1. kommunikatz sagt:

      Manchmal ist der kulinarische Genuss auch tatsächlich der angenehmere und bessere. Drogen werden meiner Meinung nach überschätzt. Auch das würde sich mit einer Legalisierung sicherlich ändern – der Reiz des Verbotenen wäre weg und damit wäre es für viel weniger Leute interessant, vor allem für viel weniger junge und dadurch umso stärker gefährdete Leute.

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      1. puzzleblume sagt:

        Es scheint Menschen zu geben, die generell mehr Tendenzen zu Abhängigkeiten entwickeln, seien die Angebote nun legal oder illegal, die ihnen das gewünschte Hoch- oder Weitweggefühl verschaffen.
        Es sind ja nicht nur Drogen, sondern auch die Sucht nach Endorphinräuschen durch Nervenkitzel sehr verschiedener Art, durch die Menschen ihre Urteilskraft gegenüber ihrer persönlichen Sucht einbüssen.
        Das Wirtschaftssystem basiert sogar auf dem Spiel mit solchen Reizen.
        Drogen leichter erreichbar zu machen würde vielleicht manchen vor einer kriminellen Karriere bewahren, die ihn in noch mehr Abhängigkeiten stürzt als zuvor, aber ob es Neugierige fernhält, weil Erlaubtes langweilig ist, glaube ich weniger. Die Alkohol- und Nikotinabhängigen sprechen dagegen.

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      2. kommunikatz sagt:

        Für Alkohol und Zigaretten wurde und wird natürlich auch massiv Werbung gemacht und sie gehören in vielen Kontexten zum guten Ton oder werden als wichtige Traditionen betrachtet. Und es sind wirklich körperlich abhängigmachende Suchtmittel. viele illegale Drogen wie Cannabis und auch Pilze machen nicht körperlich sondern nur psychisch abhängig und einige Länder, die zumindest Cannabis legalisiert haben, sind gute Feldversuche, um zu beobachten, wie sich der Konsum und die Verbreitung dann entwickeln. Ich habe jetzt gerade keine Studie dazu parat, aber zumindest bin ich mir recht sicher, dass in keinem dieser Länder durch die Legalisierung der Konsum zugenommen hätte. Natürlich muss eine Legalisierung auch immer in Kombination mit klaren gesetzlichen Regelungen zu Mindestalter, Aufklärungs- und Präventionsprogrammen passieren. Ich habe in Bezug auf Cannabis ja vor ein paar Tagen erst einen Beitrag zur neuen Kampagne des Deutschen Hanfverbandes gepostet, wo sich die Macher*innen auch ausfürlich mit dem Für und Wider der Legalisierung auseinandersetzen. Mehr dazu gibts unter https://cannabisfakten.de/
        Natürlich kann mensch aber nicht alle Drogen über einen Kamm scheren. Ich meine jetzt Substanzen, die eben keine körperliche Abhängigkeit und keinen massiven körperlichen Verfall oder bleibende Schäden verursachen, was weder Cannabis noch Pilze bei verantwortungsvollem Gebrauch durch erwachsene Menschen tun. Heroin, Crystal Meth oder sowas sind ausdrücklich andere Baustellen.

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      3. kommunikatz sagt:

        Das ist wahr. Deshalb ist es so wichtig, den Weg zu finden, bei dem der Missbrauch und die übrigen Gefahren so weit wie möglich zurückgedrängt werden können. Gefahren gehen eben auch sehr zahlreich vom Schwarzmarkt aus, weil Substanzen gestreckt, verunreinigt oder gefälscht werden. Allein um das zu unterbinden, hätte eine Legalisierung Sinn und würde in manchen Bereichen wirklich Menschenleben retten, weil eben legal produziert und verkauft werden könnte und nicht mehr jeder Knallkopp in seiner eigenen Hexenküche rumpruckeln und mit zweifelhaften Produkten den Schwarzmarkt „beglücken“ würde.

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    1. kommunikatz sagt:

      🙂 das freut mich! Ja, manchmal ist es ganz gut, vermeintlich langweilige, ganz normale Wörter zu nehmen. Damit lässt sich am freiesten spielen. Wobei ausgefallenere Wörter natürlich auch die Phantasie anregen können oder Ansporn für eben auch ausgefallenere Details in Geschichten bieten. Aber nach „engelhaft“ fand ich es so klassisch auch mal schön 🙂

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  3. Doro sagt:

    Hallo liebe/r Wortgeber/in,
    deine Geschichte ist abgrundtief … schön, schön traurig – triste Emotion prallt auf das was möglich wäre. Illusion in Frage gestellt. Eine herrliche Nachwirkung – gefällt mir.
    Ach ja und Deine Worte verführen zum schriftlichen Morden gerade zu, ich musste mich auch zügeln und kann es vielleicht doch nicht lassen, den einen Mord zu konstruieren 🙂
    LG Doro

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    1. kommunikatz sagt:

      Vielen Dank 🙂 Ja, Abgründe beschreibe ich gerne, und was mensch gern tut, tut mensch oft ja auch gut. Aber ich kann nur die emotionalen und gedanklichen Abgründe. Wenn es an die tätliche Umsetzung geht, bin ich in meinen Geschichten feige, Krimis mag ich nicht und Morde zu beschreiben, traue ich mir nicht zu. Daher bleibt es meist bei Andeutungen und sehr Vieles darf gerne im Kopf der Leserin oder des Lesers stattfinden.

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