Schrödingers Hund

Robyn war so tief schwarz, dass sie in der Dunkelheit vollständig mit dem Hintergrund verschmolz. Ihr Fell schluckte jedes Fünkchen Licht und machte sie schon in der Dämmerung annähernd unsichtbar. Zusätzlich konnte sie sich so leise bewegen und dabei durch besondere Behutsamkeit sogar das Klimpern der Hundemarken an ihrem Halsband stummstellen, dass auch kein Geräusch sie verriet. Hielt Robyn sich in einem gänzlich dunklen Raum auf, ließ sich Erwin Schrödingers physikalisch-philosophisches Gedankenspiel der schwarzen Katze in einem dunklen Raum, von der es unmöglich zu beurteilen war, ob sie tot oder lebendig sei, ohne Weiteres auf die Hündin ummünzen.

Sie verfügte aber nicht nur selbst über eine Art Tarnkappe sondern auch über die sensorische Fähigkeit, Derartiges bei anderen Lebewesen zu umgehen. Lena Hauser, Robyns ihrerseits etwas sonderbare Halterin, wunderte sich regelmäßig darüber, wenn Robyn auf Spaziergängen plötzlich stocksteif mit erhobener Rute stehenblieb und gebannt in eine Richtung starrte. Sie schien dann regelrechte Löcher in die Luft zu gucken, dachte Lena, ohne zu wissen, wie nah sie damit der Realität kam. Was Robyn in diesen Momenten sah, waren in der Tat Löcher. Aber für sie waren diese Löcher gefüllt. Es waren die von Lewis Carroll in „Alice im Wunderland“ beschriebenen Löcher, wie in einem Edamer Käse, in denen das Grinsen einer Katze weiter in der Luft stand, während die Katze selbst längst über alle Berge war.

Sah Robyn ein solches Grinsen in der Luft, war das wie ein Versprechen. Sie war fasziniert von Katzen. Begegnete ihr eine Leibhaftige, drehte sie förmlich durch vor Aufregung. Sie wollte sofort da hin, wo die Katze war, denn diese kleinen, flauschigen Dinger mussten die perfekten Spielgefährten sein. Sie zu jagen, gerne auch zu erschrecken und zum quietschen zu bringen, war für Robyn der größte Spaß. Das Katzengrinsen in der Luft deutete all das an und verhieß eine riesen Gaudi.

Da aber außer Robyn niemand das Grinsen all der Edamer Katzen sehen konnte, hatte auch niemand Verständnis für ihr häufiges, staunendes Innehalten. Jede Katze war eine Edamer Katze. Das wusste aber nur Robyn. Besonders faszinierend fand sie an dem Konzept, dass diese Tierchen auch noch nach etwas Leckerem benannt waren.

Weil Robyn das Grinsen bei jedem Licht und auch in der Dunkelheit sehen konnte, hatte sie damit nebenbei sogar Schrödingers Problem gelöst. Für sie war es ein Leichtes, herauszufinden, ob die schwarze Katze in der dunklen Kiste lebte oder tot war. War sie tot, konnte sie nicht mehr grinsen und kein Loch mehr in der Luft hinterlassen. Wieso kamen Physiker*innen nicht auf solche einfachen Antworten? Robyn hoffte, ihre Erkenntnisse irgendwann zumindest mit Lena Hauser teilen zu können, Schließlich arbeiteten die Beiden an einer gemeinsamen Sprache. Hätten sie diese erst so weit entwickelt, dass Wissenschaftskommunikation möglich würde, wäre das der Durchbruch. Oder Robyn würde sich einfach nochmal Lenas Laptop schnappen und es ihr aufschreiben. Ja, genau so würde sie es machen.

Dieser Beitrag ist Teil einer Fortsetzungsgeschichte. Alle Teile in chronologisch umgekehrter Reihenfolge findet Ihr hier.

5 Gedanken zu “Schrödingers Hund

    1. kommunikatz sagt:

      Ich wüsste wirklich gerne, was passieren würde, wenn Robyn a.k.a. Arzu mal die Gelegenheit bekäme, eine Katze wirklich zu verfolgen. Bisher konnte ich das immer erfolgreich verhindern, erstaunlicherweise. Wahrscheinlich würde sie sie auch nur auf einen Baum scheuchen und aufgeregt darunter stehenbleiben, weil die Katze sich in Luft aufgelöst hätte 🙂

      Gefällt 1 Person

  1. Und sonst so? sagt:

    Oh meiner ist da sehr alert. Er stellt sich auf die Hinterbeine, mit den vorderpfoten am Baum, und beobachtet jede Bewegung der Katze im Baum. Allerdings müsstest du ihn mal sehen, wenn eine Katze mal keine Angst hat und auf ihn zukommt- dann geht er flüchten und nicht die Katze 🤣

    Gefällt 1 Person

    1. kommunikatz sagt:

      Hehe, das kenne ich von einer leider verflossenen Hündin eines Freundes. Wenn die Katze einfach stehenblieb und fauchte, war Tuulikki völlig verdattert und muss wohl sowas gedacht haben wie „Du Katze, ich Hund, du musst Angst haben und wegrennen, verdammt!“

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.