Resilienz – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

Triggerwarnung: In der folgenden Geschichte geht es um Mobing und psychische Gewalt, auch diesmal aber ohne explizite Schilderungen.

Fallen und wieder aufstehen, das konnte Helena – oder eher in die Fresse kriegen und trotzdem weitermachen. Wenn sie fiel, war es nie schlimm, weil sie sich abrollte und mit einer fließenden Bewegung wieder auf die Füße kam. Wie eine Katze oder diese Stehaufmännchen, die sie als Kinder früher gehabt hatten, bei der Oma, in der Kiste mit dem Spielzeug mehrerer Generationen.

Warum sie so oft fiel, oder eher, warum sie so oft in die Fresse bekam, wusste sie nicht. Das mit der Fresse war auch nicht wörtlich zu nehmen – zum Glück verprügelte niemand Helena. es lief subtiler ab, und vor allem so, dass niemand es mitbekam. Es gab keine blauen Flecken, kein Jammern oder Schreien.

Die Verletzungen passierten auf Distanz und den Schmerz fraß Helena stumm in sich hinein. Wie hätte sie ihn auch benennen sollen, so ganz ohne Worte für ein solches Phänomen? Und da sie ihn nicht benennen konnte, glaubte sie nicht an seine Existenz. Sie spürte zwar etwas, aber das konnte und durfte es nicht geben. Also definierte sie dieses Gefühl weg, verleugnete es und konnte so ganz einfach wieder aufstehen und perfekt im Zeitplan weitermachen.

Zu Christianes Schreibeinladung für die Textwochen 21/22 des Schreibjahres 2020 ist dies meine zweite abc.etüde. Die Wörter „Zeitplan“, „schlimm“ und „fallen“ für diese Runde spendete Gerhard mit seinem Blog „Kopf und Gestalt„.

16 Gedanken zu “Resilienz – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

  1. puzzleblume sagt:

    Wie du es selbst gedanklich gemeint hast, bleibt offen, was mir zusagt, denn ich kann diesen offenen Raum mit dem füllen, was mich manchmal in der Webkommunikation schmerzt (ja: schmerzt, das Wort ist nicht zu stark).
    Nicht jedem ist es auf gleiche Weise gegeben, die verholenen Untergriffigkeiten, offenen Dreistigkeiten und gut formulierte, aber kaum verhüllten Aggressionen zu empfinden, mit denen die Menschen einander Kommentare schreiben.
    Nicht jeder ist sensibel dafür, dass es unanständig ist, jemanden und Seins in Blogbeiträgen ungefragt mit verarbeiten, ihn persönlich bzw. inhaltlich seiner Leserschaft vorzuführen, sei es gutgemeint oder boshaft.
    Ob dies unter Mobbing fällt? Jedes Ereignis für sich genommen wohl nicht unbedingt, aber doch oft, weil auf den Beifall der Mitlesenden geschielt wird. Aber auch ohne dies kann die Summe ein Gefühl von „sichselbst“ im Gegensatz zu „den anderen“ heraufbeschwören, das dem nicht ganz unähnlich ist.

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    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Puzzleblume,
      natürlich kann das, was Du beschreibst, auch Mobbing sein. Und schmerzen kann es allemal, das glaube ich gerne. Weil ich mir solche Dinge nicht antun will, bin ich beispielsweise nicht bei Facebook. Hier im Blog hat mich zum Glück noch niemand derart behelligt.
      Ich habe in der Etüde absichtlich diesen Raum offen gelassen, den Jede*r selbst mit Bedeutung und Inhalt füllen kann. Selbst hatte ich beim Schreiben allerdings meine eigene Jugend und Schulzeit im Kopf, bunt gemischt mit aktuelleren Ereignissen, die zwar schmerzen aber weniger unter den Begriff Mobbing fallen.
      liebe Grüße
      Lea

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      1. kommunikatz sagt:

        Nicht unbedingt, der Begriff bezeichnet ja nur die Fähigkeit, nach Rückschlägen immer wieder aufzustehen und weiterzumachen. Aber es gibt eine Art von Resilienz, die eigentlich Resignation und Verdrängung ist. Ich habe mich selbst immer für wer weiß wie toll resilient gehalten, aber je mehr ich es hinterfrage, desto mehr merke ich, dass ich nur so eine fake-Resilienz besitze, also ungefähr so, wie eben oben beschrieben.

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      2. puzzleblume sagt:

        Mit Erlittenem so umzugehen dass einen Erfahrungen nicht dauerhaft seelisch zerrütten, sondern man mit den gemachten Erfahrungen weitermachen kann, ist zwar nicht diese so positiv konnotierte Resilienz, wie sie in den letzten Jahren zum Modebegriff wurde, aber die wirkt auf mich eher wie ein gut verkäuflicher, fassadenhafter Mythos.

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      3. kommunikatz sagt:

        Absolut, das ist wahr. Aber gewissermaßen zerrüttet es auch dauerhaft, eigene Wahrnehmungen und Gefühle nicht ernstzunehmen bzw. zu verleugnen, bis sie irgendwann vollkommen abgetötet sind. In dem Punkt ist die Story mal wieder autobiographisch und ich bin ein bisschen Helena.

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  2. Melina/Pollys sagt:

    Was Du in dieser Geschichte beschreibst kommt mir sehr bekannt vor…. in der Aufarbeitung meiner Horrorkindheit – ist mir klar geworden, dass Kinder bis in die Jugend hinein – nicht wirklich leiden (können) – ich habe meine psychischen Verletzungen erst gespürt, als ich in Therapie war. Das mangelnde Bewusstsein hat die Schmerzwahrnehmung von mir ferngehalten, bis ich stark genug war sie auszuhalten wenn sie spürbar wurde. Das ist genau Resilienz für mich – man ist stark – im ausblenden, nichtwissen, nichtspüren – man ist stark – weil die Überlebenskraft, die Energie vorhanden ist und man einfach überlebt – aber irgendwie ohne das dazu gehörige Bewusstsein. Ich hoffe diese Gedanken sind nachvollziehbar für Dich. LG

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    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Melina,
      ja, das ist nachvollziehbar und deckt sich ziemlich mit meinen Gedanken dazu.
      Ich glaube allerdings schon, dass Kinder auch leiden können – also auch psychisch unter soetwas wie Mobbing. Ich habe als Kind massiv gelitten, nur konnte ich das absolut nicht artikulieren, weil ich es einfach selbst nicht für richtig hielt. So nach dem Motto „das glaubt mir eh niemand, also kann es nicht sein, ich muss mich irren“. Also das Kind leidet, aber es verleugnet gleichzeitig, dass es leidet, weil es eh kein Verständnis dafür erwartet – und dann gibt es sich selbst eben auch kein Verständnis und Mitgefühl sondern eher gar kein Gefühl mehr.

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      1. Melina/Pollys sagt:

        Ja, das ist wohl so – war bei mir so – ich wusste, dass da niemand da ist, der sich für mich einsetzen würde, also warum dann auf sowas warten…. Ich war allein – gefühlsmäßig, aber es war normal, ich kannte es nicht anders. Aber weißt Du was ich mich frage? Ich wusste immer, dass es nicht richtig war so – wie sie mit mir umgingen und ich frage mich immer noch – woher. Ich denke manchmal da ist eine Instanz in uns – eine behütende Instanz – die mächtiger ist als alles andere – und sei es noch so schlimm. Aber Du hast recht, man hat keine Worte dafür – aber ich spürte es, damals als Kind.

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      2. kommunikatz sagt:

        Hm, ja, es fühlt sich total falsch und ungerecht an und wer einen Gerechtigkeitssinn hat, merkt das halt. Aber mir wurde damals von den Erwachsenen immer gesagt, ich solle nicht immer die Schuld auf die Anderen schieben sondern lieber mein Verhalten hinterfragen und ändern. Dass ich das, was meine Mitschüler*innen an mir so scheiße fanden, nämlich meine Behinderung, schlicht nicht ändern konnte, war egal. Aber durch dieses ständige Anzweifeln meiner Wahrnehmung einer Ungerechtigkeit und den Versuch, mich dafür verantwortlich zu machen, habe ich mich immer auch verantwortlich dafür gefühlt, dass die Anderen scheiße zu mir waren. Indirekt war ich daran selber Schuld, weil ich irgendwas falsch machte, nur wusste ich eben nicht, was das war und wie ich es ändern könnte. Ich habe den Erwachsenen mehr geglaubt als mir selbst. Und als ich selber erwachsen war, habe ich immernoch lange gebraucht, um mir endlich selbst zu vertrauen.

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      3. Melina/Pollys sagt:

        Ja, so machen es die unerzogenen oder zuviel erzogenen Eltern, die nicht sonderlich reflektiert waren (sie lebten auch nur nach den Glaubenssätzen ihrer Eltern). Aber ich hatte es da leichter, ich war von Anfang an nicht gewollt und hatte die schlechten Gene meines Vater – von dem sich meine Mutter nach einer Mussheirat innerhalb eines Jahres trennte und ihn hasste. Somit war ich jemand dem der Teufel aus dem Leib geprügelt wurde – täglich oder nahezu… Aber irgendwie lebt man da nach dem Spruch: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Ich hatte nix mehr zu verlieren und lebte meine teuflische Seite voll aus – war echt ein schwieriges Kind – das stählt aber auch und machte mich stark. Ich glaube, dieses Leben habe ich bevor ich hierher kam selbst gewählt – und damit auch die verheerenden Eltern. Ich glaube ich wollte einfach wissen wie es ist stark zu sein.

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      4. kommunikatz sagt:

        Uff, das klingt um Einiges heftiger als bei mir, wo es wirklich nur um psychisches Zeug ging. Allerdings hast Du insofern Recht, als dass Dein Leiden wohl leichter zu erfassen weil viel offensichtlicher war. Und ja, natürlich stählt sowas und härtet ab, auch wenn das Ergebnis nicht immer nur positiv ist. An diese Vorbestimmungsgeschichte, also dass Menschen ihre Schicksale irgendwie selber wählen, glaube ich nicht. Aber ich glaube auch nicht an Wiedergeburt, Karma, Leben nach dem Tod oder sonst irgendetwas Spirituelles oder Religiöses. Meiner Meinung nach werden Menschen durch ihre Gene und ihr Umfeld, das sie sozialisiert, in eine Situation geworfen, mit der sie sich dann irgendwie arrangieren müssen. An Scheiße zu wachsen, ist dann der sinnvollere Weg, als sich von ihr zermürben und zerstören zu lassen, aber aussuchen können sich das aktiv wohl die Wenigsten.

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      5. Melina/Pollys sagt:

        Für mich ist es die einzige logische Art zu erkennen, dass wir hier sind um zu lernen und dass es eine höhere Macht gibt und damit einen Sinn im Leben. Es gab Zeiten in denen ich an keinen Gott glaubte bzw. glauben konnte und das war eine sehr schlimme Zeit, da wollte ich nicht mehr leben. Ein Leben ohne Sinn ist für mich nicht lebenswert. Ich musste erst viel abwerfen von jenen Glaubensätzen aus der kath. Erziehung, die ich loswerden musste, ehe ich anfangen konnte zu leben. Dabei hat mir das Wunder ein Kind zu bekommen sehr geholfen, denn das ist das größte Wunder, das es gibt, so was perfektes kann nicht aus dem Zufall entstehen.

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      6. kommunikatz sagt:

        Und da entfernen sich unsere Welten voneinander. Mein Leben hat ohne magisches Denken und Spiritualität jede Menge Sinn. Kinder wollte ich aus vielen Gründen nie in die Welt setzen und es war für mich eine der bestärkendsten und positivsten Erfahrungen, das Selbstbestimmungsrecht über meinen Körper ausüben und eine Schwangerschaft abbrechen zu können.
        trotzdem liebe Grüße an Dich 🙂 mensch kann sich ja nicht immer in allem einig sein.
        Lea

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