Unter der Oberfläche – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

Triggerwarnung: In der folgenden Geschichte geht es – wenn auch ohne konkrete Schilderungen – um Gewalt und Missbrauch.

„Schlimm“, seufzte Cousine Clara bestürzt. „Es gibt Schlimmeres“, winkte Yasemin ab. In ihr zog sich alles zu einem lautlosen Schluchzen zusammen, aber das durfte nicht raus. Sie hatte ihre Gefühle noch nie zulassen und zeigen können – eigentlich verstand sie selbst nicht, was sie fühlte und wie das alles zusammenhing.

Clara schaute ungläubig. „Du stehst am Grab deines Vaters und erzählst mir, es gäbe Schlimmeres?“ Yasemin zuckte mit den Schultern und unterdrückte die Tränen, die sie nicht verstand. Ihr Vater war tot, ja. Aber das war eigentlich eine Befreiung. Endlich war der Despot weg. Sie schaute zu ihrer Mutter. Auch sie wirkte seltsam teilnahmslos und Yasemin konnte sich vorstellen, dass sie sich ähnlich fühlte – befreit und dennoch traurig.

Die Trauer brachte der Rahmen der Beerdigung mit sich, aber auch das massenhaft Unausgesprochene. Jahre und Jahrzehnte lang hatten sie unter ihm gelitten. Er war laut und fordernd gewesen, hatte oft zu viel getrunken und sich dann bei seiner Frau und seiner Tochter genommen, was er wollte.

Yasemins Mutter hatte immer gekuscht. Sie hatte schon vor ihrer Ehe mit dem herrschsüchtigen Deutschen zu viel Schlimmes erlebt. Nach ihrer Flucht aus dem Irak war sie einfach nur glücklich gewesen, durch die Heirat ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland zu bekommen. Yasemin hatte schon als kleines Mädchen, wenn sie abends im Bett lag, aus dem Nebenzimmer das Geschrei und die Schläge gehört.

Als sie 9 war, war er zum ersten Mal zu ihr ins Zimmer gekommen. Sie hatte es ihrer Mutter nie gesagt, genauso wie diese nie über ihr Martyrium gesprochen hatte. Yasemin hatte immer nur gedacht „Hoffentlich fallen ihr die Blutflecken auf meinem Bettzeug nicht auf“. Aber das Gleiche hatte ihre Mutter sicher auch über die blauen Flecken auf ihrem Körper gedacht.

„Komm, der Zeitplan… wir müssen zum Kaffee“, riss Clara Yasemin aus ihren trüben Gedanken.

Christiane von „Irgendwas ist immer“ hat ihre Schreibeinladung für die Textwochen 21/22 des Schreibjahres 2020 veröffentlicht. Die Wörter „Zeitplan“, „schlimm“ und „fallen“ für diese Runde stiftete Gerhard mit seinem Blog „Kopf und Gestalt„.

12 Gedanken zu “Unter der Oberfläche – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

  1. Christiane sagt:

    Ich weiß – jede*r weiß –, dass Missbrauch in Familien häufig geschieht. Trotzdem läuft es mir immer kalt den Rücken runter, wenn ich so was lese, und in meiner Tasche klappt das imaginäre Messer auf. In der Realität hätte ich mich auch nicht wehren können, das ist die andere Seite der Medaille.
    Ich hoffe, dass es für sie und ihre Mutter jetzt besser wird, dass sie jetzt darüber sprechen und sich konkrete Hilfe suchen kann. Schwierig. Ganz schwierig.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

    1. kommunikatz sagt:

      Danke, liebe Christiane. Ja, ich kann Yasemin und ihrer Mutter auch nur wünschen, dass die Befreiung sich fortsetzt – aber die Beiden sind tatsächlich rein fiktiv. Wobei es natürlich jede Menge Frauen und auch Menschen anderer Geschlechter gibt, denen es in der Realität so ergeht und denen wir erst Recht viel Kraft und alles Gute wünschen müssen. Es ist ein erschreckendes Thema und Jede*r kann sich glücklich schätzen, der/dem nie so eine Scheiße widerfahren ist. Ich bin in diese Etüde nur reingerutscht – nach den ersten Sätzen ist sie mir einfach passiert.
      liebe Grüße
      Lea

      Gefällt 1 Person

  2. Myriade sagt:

    Sehr atmosphärisch dicht beschrieben. Finde ich sehr gut. Eine Spur zu politisch korrekt, finde ich dass es sich um eine Irakerin handelt, die von einem Deutschen misshandelt wird. Aber dass schadet dem Text ja nicht 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Myriade,
      an dem Punkt habe ich auch herumüberlegt. Aber ich wollte keinen Täter mit Migrationshintergrund, das hätte die Klischees der falschen Leute gefüttert. Dann lieber das Gegenteil und ein deutlicher Hinweis darauf, dass eh schon traumatisierte Menschen leichter zu Opfern werden und auch unbescholtene Deutsche vielfach Täter sind. Mit den mir bekannten Fällen aus der Realität deckt sich das durchaus – ich kenne tatsächlich solche Geschichten nur aus deutschen Familien.
      liebe Grüße
      Lea

      Gefällt 2 Personen

  3. kommunikatz sagt:

    Als ich meine Etüde gerade nochmal las, fiel mir Folgendes auf: Eigentlich gibt es nach meiner Absicht in der Geschichte drei Personen. Es kann aber auch so gelesen werden, und wird vermutlich von den Meisten so gelesen, dass Clara Yasemins Mutter ist. Ich hatte sie als Freundin oder Verwandte gemeint, zur Mutter passt der Name irgendwie nicht. Aber es ist eigentlich egal, der Geschichte schadet weder die eine noch die andere Lesart.

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      So, nun habe ich aus Clara doch Yasemins Cousine gemacht und die Mutter hat keine missverständliche Sprechrolle mehr, wie es ursprünglich in meinem Kopf eh sein sollte. Ich hoffe, damit sind Alle einverstanden 😉 Exakt 300 Wörter sind es noch immer, weil ich ein Anderes rausgekürzt habe.

      Gefällt 1 Person

    2. Christiane sagt:

      Neee, hatte ich nicht so gelesen, für mich waren das drei Personen. Okay, du hast es klarer gemacht, ist bestimmt nicht schlecht – aber für mich wäre es nicht nötig gewesen.
      Liebe Grüße
      Christiane 🙂

      Gefällt 1 Person

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