Von Konventionen und Kontexten in Zeiten von Corona

IMG_3641Gestern fuhr mein Partner mit dem Rad ein paar Besorgungen machen. Er war – eher aus Zufall denn absichtlich – komplett schwarz gekleidet, trug einen schwarzen Fahrradhelm und ein schwarzes Tuch als Atemschutzmaskenersatz ums Gesicht gewickelt. In dieser Montur sah er unter Garantie bedrohlich aus, ist er doch mit knapp 1,90m nicht gerade klein und trotz einer nun schon recht langen Phase der weitgehenden Inaktivität gut gebaut und passabel trainiert. Dass er fit ist, sieht mensch ihm an – auch wenn er selbst vermutlich behaupten würde, dass dieser Schein zur Zeit trügt.

Da die Polizei ja penibel auf die Einhaltung der Abstandsgebote und die Vermeidung von Menschenansammlungen achtet, sind derzeit viele Streifen unterwegs. Einer davon begegnete auch er. Das Witzige: Alle Menschen ohne Gesichtsschutz wurden von den Polizistinnen schief und tadelnd angeschaut. Er hingegen, in vollständiger Vermummung, wurde freundlich gegrüßt. Vor ein paar Wochen wäre das noch undenkbar gewesen, gilt in Deutschland doch immerhin ein Vermummungsverbot. Das gilt zwar in erster Linie auf Demos und Dergleichen und Menschen dürfen sich im Alltag durchaus gegen die Kälte ihren Schal ins Gesicht ziehen. Aber für jemanden, der sich gefühlt mehr bei Protestveranstaltungen als im normalen Alltag aufhält, ist das Thema Vermummung dennoch sehr besetzt.

In Zeiten von SARS-CoV-2 gehört Vermummung nun aber offenbar schon zum guten Ton. Das hat auch Sinn, denn ein Atemschutz signalisiert nicht, wie Viele noch immer denken, eine Paranoia der so vermeintlich geschützten Person, sondern viel mehr Rücksichtnahme und Wertschätzung gegenüber den Anderen. Mensch selbst schützt sich schließlich kaum, da so eine Maske nicht das Einatmen fremder Tröpfchen verhindern kann sondern nur den Tröpfchenflug des eigenen Atems ausbremst. Atemschutz zu tragen, ist daher ein Zeichen von Höflichkeit. Das weiß auch die Polizei und daher werden vermummte Menschen jetzt sehr freundlich behandelt, obwohl sie bis vor Kurzem misstrauisch beäugt und als hochverdächtig abgestempelt wurden. So ändern sich die Sitten. Konventionen sind eben sehr kontextabhängig.

Ich frage mich: Dürfen sich jetzt auch die Waldschützer*innen im Hambi ungestraft und unverdächtigt vermummen? Infektionsschutz ist schließlich auch dort wichtig und bestimmt kommt irgendwann die oder der erste RWE-Mitarbeitende auf die Idee, dass durch Anhusten oder -spucken virale Anschläge auf sie verübt werden könnten.

PS: Ich mag keine Aprilscherze, daher ist das hier auch keiner.

9 Gedanken zu “Von Konventionen und Kontexten in Zeiten von Corona

  1. Sebastian sagt:

    Hallo,

    aktuell dürfen nicht mehr als zwei Personen zusammen erscheinen. Also ich denke mit Mundschutz in den Hambi, jedoch maximal zu zweit.

    Anders ausgedrückt, die Regierung kann jetzt alles machen, was sie will, die Medien berichten nur über ein Thema, was anderes bekommt keiner mit und falls doch, dan darf er nur mit zwei Personen demonstrieren.
    Viele Grüße
    Sebastian

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    1. kommunikatz sagt:

      Lieber Sebastian,
      mir ging es um die Leute, die im Wald wohnen. Und wer zusammen wohnt, darf sich auch mit mehr als zwei Personen zusammen aufhalten – beispielsweise im Fall von Familien oder WGs. Dir wird der leicht ironische Unterton meines Beitrags aber auch nicht entgangen sein – klar sind größere Proteste unmöglich und klar finden sie nicht statt. Eine Räumung wird aber genauso wenig stattfinden, denn auch dabei kommt es zu viel zu engem Kontakt zwischen Menschen. Ich hoffe nicht, dass wir hier ungarische Verhältnisse bekommen und staatliche Stellen sich plötzlich zu rechtlich eigentlich nicht haltbaren Aktionen hinreißen lassen. Die Räumung 2018 hat gezeigt, dass es erstaunlich schlimm kommen kann, aber sowas halte ich momentan, wie gesagt, für quasi ausgeschlossen.
      schöne Grüße
      Lea

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  2. fundevogelnest sagt:

    Ob wohl auch Niqab und Burka bald ganz neue Wertschätzung erfahren werden?
    Fragte ich mich bei deinem Text.
    Ob wir wohl schon mal irgendwo gemeinsam demonstriert haben? In den Hambacher Forst habe ich es leider nie geschafft.
    Auf deine Seite aufmerksam geworden bin ich wegen des Berichts über die Preisverleihng an meine Freundin Marion Küpker.

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    1. kommunikatz sagt:

      Wow, die Welt ist ja immer wieder irre klein. Ich ging immer davon aus, Du wärest als Kontakt von Sarahs mutter-und-sohn.blog bei mir gelandet, durch irgendeine Blogparade oder so. Und jetzt halt die abc.etüden. Aber dass uns sogar der Friedenspreis und diverse Protest- bzw. Themenfelder miteinander verbinden, finde ich toll und spannend. Begegnet sein könnten wir uns bei Vielem. In den letzten zehn Jahren habe ich für Frieden in allen Möglichen Kontexten, für Menschenrechte, für Klimaschutzmaßnahmen, gegen Braunkohleverstromung, gegen belgische und sonstige Atomkraftwerke, gegen Atomwaffen, gegen Nazis, gegen Freihandelsabkommen, gegen Polizeigesetze, für Divestment, gegen Rüstung, für die Rechte von Fahrradfahrer*innen, für Privatsphäre und Datenschutz und bestimmt noch das Eine oder Andere demonstriert, alles so im Großraum NRW und Dreiländereck D/BE/NL, mit Schwerpunkt Aachen 🙂
      Und falls wir uns noch nicht begegnet sind, kann das gerne noch kommen, wenn diese elende Viruskrise irgendwann überstanden ist.
      liebe Grüße, auch an Marion Küpker!
      Lea

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  3. fundevogelnest sagt:

    Liebe Lea,
    Meinen Aktivismus habe ich bis jetzt hauptsächlich im Norden ausgelebt (Brokdorf, Gorleben, Moorburg) und ich war jahrelang bei FIAN sehr aktiv.
    Mein jüngstes sehr unangepasstes Pflegekind bindet derzeit eigentlich meine gesamten Kräfte, daher bin ich politisch quasi inaktiv.
    Marion versucht Jahr für Jahr uns nach Büchel zu locken und sie wird damit schon noch Erfolg haben, mein Wirbelwind wird ja älter werden.

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    1. kommunikatz sagt:

      Stimmt, dann hatten wir räumlich wohl weniger Überschneidungen. In den letzten Monaten bin ich auch nicht mehr so aktiv wie früher, da ich entweder selber nicht fit war oder Hunde sitten musste, während mein Partner für mich mit protestiert hat – die Formulierung im Beitrag mit dem sich mehr bei Protestveranstaltungen aufhalten als im normalen Alltag bezog sich daher eigentlich mer auf ihn als auf mich. Er hat in den letzten Monaten nichtmal eine FFF-Demo ausgelassen, obwohl er als Hochschullehrer nur sehr perifer zur „Zielgruppe“ gehört 🙂
      Wäre trotzdem cool, wenn wir uns mal begegnen. Im Zweifel tun wir es ideell auf jeden Fall, was mich sehr freut!
      liebe Grüße und pass auf Dich und Deine Lieben auf!
      Lea

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