Paradies mit Meisen – meine erste Extraetüde (5 Begriffe in 500 Wörtern)

Sechseinhalb Stufen trennten die Terrasse vom Garten. Das Haus lag in einem leichten Hang, so dass die Terrasse eine Art geschützten Talkessel zwischen dem Haus und dem dahinter ansteigenden Grundstück bildete. Die Stufen führten zwischen bzw. unter hohen Büschen hindurch, umrahmt von einem längst aus der Form geratenen Buchsbaum, irgendetwas Thuja-Ähnlichem und anderenüberwiegend immergrünen Gewächsen, die Maike schon mit dem Haus erworben hatte. Sie liebte ihren wildromantischen, etwas verwahrlosten Garten.

An den Buchsbaum schloss sich am oberen Ende der Treppe ein Forsythienbusch an, der Ende März noch in voller Blühte stand. Weiter am Zaun entlang folgte eine kleine Tanne. Diese hatten Maike und Eleni Ende Dezember vor dem Tor eines Bauernhofs in der Nähe aufgelesen. Die Bäumchen waren dort als Weihnachtsbäume verkauft worden und dieses hatte niemand haben wollen, so dass es nach Weihnachten auf der Straße gelandet war. Elenie wollte es nicht eingehen lassen und hatte es trotz Maikes Protest nach Hause geschleppt.

Dort stand es dann in seinem lächerlich kleinen Plastiktopf und wäre beinahe in Vergessenheit geraten, weil Eleni ständig auf neue Ideen kam und die Tanne hinten im Garten viel zu gut vor sich selbst versteckt hatte. Erfrieren konnte der Baum nicht, zumal der Winter eh viel zu warm war, aber die mikrigen Wurzelreste in viel zu wenig Erde hätten ihn nicht lange am Leben gehalten. Maike hatte daher Ende Januar die Nerven verloren und gemeinsam mit einem Freund die schöne und noch nicht komplett zugewachsene Stelle neben der Forsythie ausgesucht, wo sie das erstaunlicherweise noch lebendige Bäumchen einpflanzten.

Eleni widmete sich derweil immer neuen Projekten. Mittlerweile baute sie an Nistkästen für die Meisen, die nun massenhaft den Garten bevölkerten. Maike steuerte das Polstermaterial für die kuscheligen Nester bei. Schließlich hatte der Fellwechsel ihrer Hündin mit voller wucht eingesetzt und sie kämmte Unmengen feiner Hundehaare aus ihrem alten Mädchen heraus, während sie auf der Terasse im Sonnenuntergang die letzten wärmenden Strahlen genoss. Eleni stand derweil am Tisch und optimierte an einem ihrer Vogelhäuschen herum. „Guck mal, eine Wohnungsbesichtigung!“ flüsterte sie plötzlich begeistert. „Wow, stimmt, da fliegen zwei Blaumeisen auf deine Kiste im Kirschbaum.“ „Cool, es funktioniert!“ Eleni strahlte und Maike lächlte in sich hinein. Eleni war das pure Chaos, aber sie konnte so wunderbar sein.

Wenn ein Monat fünf Sonntage hat, gibt es am fünften Sonntag Extraetüden. Dann müssen nicht drei Begriffe sondern fünf verwurstet werden – und zwar fünf aus den insgesamt sechs Begriffen der beiden vorherigen Schreibeinladungen. Diesmal sind das also die Wörter „Sonnenuntergang“, „warm“ und „fliegen“ von Corly und „Forsythien“, „lächerlich“ und „erfrieren“ von Elke H. Speidel. Ich habe mich nicht lumpen lassen und einfach alle sechs verarbeitet, weil ich einfach nicht wusste, welches Wort ich weglassen soll. Sogar die 300 Wörter habe ich mit 368 nur knapp überschritten, obwohl ich ja 500 gedurft hätte 🙂 Und – tadaa! – meine Etüde ist komplett coronafrei!

8 Gedanken zu “Paradies mit Meisen – meine erste Extraetüde (5 Begriffe in 500 Wörtern)

    1. kommunikatz sagt:

      Danke 🙂 Ja, ich glaube, momentan ist mein Drang, das normale Leben zu beschreiben, besonders groß. Ich fahre da immer antizyklisch, also wenn alles langweilig ist, schreibe ich wirres Zeug und jetzt, wo alles wirr ist, schreibe ich über Normalität 🙂 Ich finde, das hat für die eigene Psychohygiene so einfach am meisten Sinn.
      liebe Grüße
      Lea

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  1. Melina/Pollys sagt:

    Ach, da denke ich auch ganz wehmütig an meine Blaumeisen – heute regnet es und ich kann sie nicht beobachten mit meinem Feldstecher. 2 Familien haben sich in meinem Blaumeisenhäuschen hintereinander gegründet und der Nachbar 2 Familien Kohlmeisen. Das ist vielleicht ein ‚Gemeise‘ an der Futterstelle.

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    1. kommunikatz sagt:

      Hört sich sehr gut an 🙂 Wir haben eine Blaumeisenfamilie im Nistkasten, der tatsächlich aus einem hohlen Ast unseres Kirschbaums entstanden ist. Die Beschreibung des Gartens, inklusive der Tannenbaumepisode, ist mal wieder meiner Realität entlehnt.

      Gefällt 1 Person

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