Winterplüsch – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

Den ganzen Tag über war es grau und regnerisch gewesen. Nela wusste nicht, wie spät es war. Dunkel war es längst, aber unter der dichten Wolkendecke war nicht auszumachen, ob der Sonnenuntergang schon vorbei war oder noch bevorstand. Einerseits sehnte sie sich nach dem Sommer, wenn die Sonne, bevor sie unterging, zwischen den hohen Bäumen in ihrem wilden Garten hindurchblitzte und sie bis spät abends auf der Terrasse sitzen konnte. Andererseits hasste sie die lähmende Wärme der Sommertage. Der Sommer sollte nur aus idyllischen Abenden bestehen. Die Tage mussten nicht so düster sein wie jetzt, Anfang März, aber Kälte bevorzugte Nela eindeutig im Vergleich zu der sedierenden, arbeits- und denkunfähig machenden, kräftezehrenden Hitze, die in den letzten Jahren immer mehr zur Sommernormalität geworden war.

Neben ihr auf dem Sofa brach plötzliche Aktivität aus. „Mäuselchen, was geht ab?“ Lini, die die andere Hälfte des Zweisitzers für sich beanspruchte, war aufgestanden und trappelte in Kreisen auf ihrem Kissen herum. „Mädchen, deine Nase ist ganz warm!“ Nela hatte eben jene Nase gerade unsanft ins Gesicht bekommen – Lini war schließlich als 28kg schwere Schäferhundmischlingsdame nicht gerade klein. „Werd nicht krank, Mäusel“, gurrte Nela, bevor ihr einfiel, dass Lini wahrscheinlich nur beim Schlafen ihre Nase in ihren buschigen Schwanz gesteckt und so aufgewärmt hatte.

Sie strich sanft mit der rechten Hand über Linis fell und griff mit der linken Hand nach ihrer Bierflasche. „Überall fliegen Haare rum, der verdammte Fellwechsel geht schon wieder los“, dachte sie. Klar, wenn es jetzt wieder wärmer würde, wollte auch Lini ihren Winterplüsch loswerden. Dabei liebte Nela dieses flauschige Kuschelfell so sehr. Die Sommer-Lini wirkte beinahe mager und drahtig, verglichen mit der elegant-wohlgeformten Winterversion. Nela zündete ihre Pfeife an und nahm einen tiefen Zug. Wenn alles so düster war, half nur White Widow.

In dieser abc.Etüde waren die von Corly vorgegebenen Wörter „Sonnenuntergang“, „warm“ und „fliegen“. Ich habs ja nicht so mit Idyllen, daher hier eine etwas weniger naheliegende Interpretation dieser Begriffe.
Danke, liebe Christiane, für die regelmäßig spannenden Schreibanregungen!

11 Gedanken zu “Winterplüsch – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Blaupause,
      ja klar, tu das auf jeden Fall! Wobei die Etüde ja nicht von mir und meinem Monsterchen handelt sondern nur von einer Konstellation, die ein paar Ähnlichkeiten mit uns hat. In meinem Blog gibts diverse Beiträge über Arzu, die reale Labradorine und Kurzgeschichten über Robyn, die erfundene und äußerst schräge Hündin, in der sehr viel Arzu-Inspiration steckt 🙂
      Ich kann nicht anders, meine Texte haben immer mindestens wahre Kerne.
      liebe Grüße
      Lea

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  1. Christiane sagt:

    Ich werde den Tag nie vergessen, als ich einen ausgewachsenen und ziemlich riesigen schwarzen Jagdhund kennenlernte (weiß die Rasse nicht), der auf den Namen „Amselchen“ hörte. Nach dem Namen befragt entgegnete Herrchen, er würde seine Hunde immer nach Vögeln benennen. Der Hund trug seinen Namen mit großer Würde und war sehr geliebt.
    Und alberne Kosenamen gibt es nicht nur bei Hunden, sagt mein Fellträger, rollt mit den Augen und verbittet sich, dass ich den Gedanken jetzt weiterführe.
    Also bedanke ich mich artig bei dir für die Etüde, ich bin ja gut erzogen, und frage mich, ob ich nicht mal eine Liste machen sollte, ob wir unter den Etüdenschreibenden mehr Hundehaltende oder Katzenpersonal haben.
    Einen schönen Abend dir und liebe Grüße
    Christiane 😀

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      1. kommunikatz sagt:

        Ich bin zwar momentan Hundemensch, aber eigentlich gehöre ich auch in beide Listen. Bin mit Katzen aufgewachsen und hätte bis ungefähr zu meinem 30. Lebensjahr nicht für möglich gehalten, einmal dermaßen hundeverrückt zu werden, wie ich es heute bin. Gäbe es Blindenführkatzen, wäre mir das wohl auch nie passiert 🙂 (bin zwar schon seit meiner Geburt blind, aber einen Führhund wollte ich erst haben, als ich aus diversen Gründen nicht mehr nur mit Langstock zurechtkam.)

        Liken

      2. Werner Kastens sagt:

        Nee, Führhundqualität hat meine Haika nicht. Gegenüber anderen Hunden ist sie eher Domina. Katzen kann sie eigentlich gar nicht leiden, aber wir haben ihr anerzogen, dass sie die zugelsufene Katze zumindest toleriert und nicht jagt.

        Gefällt 1 Person

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