Respektvoll kommunizieren

Lydia von lydiaswelt.com hat eine Blogparade zum Thema Respekt gestartet. Das ist wieder ein Thema, das ich mir nicht entgehen lassen kann und bei dem ich mich auf meine kommunikationswissenschaftlichen Wurzeln besinnen möchte. Deshalb schreibe ich darüber, wie sich Respekt für mein Empfinden in der (nicht nur) zwischenmenschlichen Kommunikation ausdrückt, ausdrücken kann oder ausdrücken sollte. Die Frage, was der Begriff Respekt für mich persönlich bedeutet, klärt sich dadurch hoffentlich nebenbei.

Ich behandele andere Lebewesen so, wie ich auch umgekehrt selbst behandelt werden möchte. Da ich respektvoll behandelt werden will, begegne ich grundsätzlich also auch zuerst einmal jedem anderen Lebewesen mit dem Respekt, den ich entgegengebracht bekommen möchte. Entsprechend erlebt jeder Mensch bzw. jedes Lebewesen von mir aufrichtigen Respekt, der bzw. das seinerseits respektvoll mit mir umgeht. Fühle ich mich von jemandem nicht respektiert, kann ich im Gegenzug aber auch nur schwer Respekt aufbringen, denn meinen Respekt gewinnt oder verliert mensch, ganz gegen meine sonstige Gewohnheit, gewissermaßen nach dem „Auge um Auge, Zahn um Zahn“-Prinzip. Ich bin geduldig und gebe mir Mühe, einen respektvollen Umgang so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, aber wenn Andere zu deutlich oder zu lange respektlos mir gegenüber sind, wird es schnell anstrengend und frustrierend, aus guten Absichten und Konfliktvermeidung Respekt zu heucheln.

Aber was genau verstehe ich nun unter Respekt? Es geht dabei um die Art und Weise, wie ich Anderen gegenübertrete, wie ich mit ihnen rede und welches Gefühl ich ihnen durch mein Verhalten vermittele. Mensch könnte auch sagen, es geht um Fairness und Wertschätzung auf allen Kommunikationsebenen nach Schulz von Thun, von der sachlichen Inhaltsebene bis hin zur emotionalen Beziehungsebene, der fordernden Appellebene und der Ebene der Selbstaussage, also meiner Selbstdarstellung. Auf all diesen Ebenen möchte ich mein Gegenüber fair und wertschätzend behandeln. Wenn ich jemanden respektiere, schätze und achte ich diese Person. Ich behandele sie daher gleichwertig zu mir selbst, also niemals von oben herab, als wäre ich besser, klüger oder sonstwie wertiger. Auch unterschwellig darf ich dann solche Botschaften nicht vermitteln, also kein genervter Unterton, kein ungeduldiges Signal à la „mach schneller, du denkst/gehst/isst/redest zu langsam“ oder „Du machst das immer falsch, ich zeig dir jetzt mal, wie es richtig geht“.

Genau, wie ich auf der Beziehungs- und Selbstaussageebene geduldig und gerecht bleiben muss, indem ich mich nicht erhöhe und mein Gegenüber nicht erniedrige, muss ich auch inhaltlich fair bleiben. Das heißt, ich nehme mein Gegenüber ernst. Wenn die Person etwas sagt, reagiere ich also nicht mit einem „Boah, sowas Blödes habe ich ja noch nie gehört!“ oder „Das stimmt nicht, ich weiß es besser!“. Wenn ich trotz allen Respekts einen Fehler der Person bemerke, weise ich sie entweder sachlich und unaufgeregt darauf hin, oder, wenn mir sogar das zu offensiv ist, hinterfrage ich die Aussage und steige einfach in eine Diskussion darüber ein. Zweifel oder andere Meinungen anmelden kann ich in einer wertschätzend und auf Augenhöhe geführten Debatte am besten. Außerdem ist eine Person viel zugänglicher für jeden Überzeugungsversuch, wenn dieser nicht belehrend und abschätzig vorgebracht wird sondern wie ein echtes, offenes, gemeinsames Suchen nach der besten Antwort oder Lösung.

Und auch auf der Appellebene gibt es Fallstricke. Wenn ich dauernd unterschwellige Forderungen an eine Person stelle und ihr damit signalisiere, dass sie so, wie sie ist, nicht in mein Konzept passt, vermittele ich Abwertung. Respekt ist aber genau das Gegenteil davon, nämlich das Agieren und Kommunizieren auf einer gemeinsamen Ebene, wo niemand besser ist als die oder der Andere. Niemand hat das Recht, Dinge einzufordern, die er oder sie nicht umgekehrt auch für die andere Person tun würde. Wenn ich z.B. selbst manchmal unpünktlich bin und genau weiß, dass ich eine andere Person schon oft habe unnötig lang warten lassen, steht es mir einfach nicht zu, diese Person unter Druck zu setzen, wenn sie mir mal zu langsam ist. Für mich ist es ein ganz wichtiger Teil von Respekt, nicht mit mehrererlei Maß zu messen. Für die Anderen gelten genau die gleichen Regeln wie für mich – nicht mehr und nicht weniger.

Wenn ich beispielsweise weiß, dass einer Person etwas Bestimmtes schwer fällt oder die Person mit irgendeiner Sache oder einem Thema ein Problem hat, versuche ich, meinen Finger nicht ausgerechnet in diese Wunde zu legen. Respekt heißt auch Rücksichtnahme. Wenn ich merke, dass eine Person gestresst oder schlecht gelaunt ist, respektiere ich das und nehme darauf Rücksicht, indem ich mich zurückhalte und nicht meinerseits auch noch mit nervigen Dingen ankomme. Wenn ich weiß, dass eine Person nicht gern unter Menschen geht oder keine Pizza mag, schlage ich dieser Person nicht vor, sich zum Abendessen in einer immer vollbesetzten pizzeria zu treffen. Respekt heißt also auch, auf die Bedürfnisse einer Person einzugehen, diese nicht zu ignorieren und vielleicht sogar manchmal vorhersehend und vorauseilend mein eigenes Verhalten daran anzupassen. Wenn ich das übertreibe, kann es natürlich dazu führen, dass ich aus Respekt vor jemand Anderem meine eigenen Bedürfnisse übergehe. Aber solange ich das nicht zur Regel mache und selbst noch oft genug auf meine Kosten komme, sehe ich es als höchst respekt- und Rücksichtsvolle Verhaltensweise, gelegentlich die Bedürfnisse einer anderen Person über meine eigenen zu stellen.

Respekt sollte aus meiner Sicht in jeder Kommunikationssituation eine der obersten Prämissen sein. Ich denke diese Prämisse immer mit und trete anderen Lebewesen dementsprechend respektvoll gegenüber – egal, ob es sich um meinen Partner, meine Kolleg*innen, Leute aus der Nachbarschaft, fremde Passant*innen auf der Straße, den genervten Busfahrer, unsere oder andererleuts Hunde handelt. Ja, auch Tiere spüren, ob sie respektiert werden oder nicht. Auch sie merken, wenn ihre Bedürfnisse und Wünsche ignoriert und übergangen werden. Wenn ich andere Lebewesen nicht verletzen, gegen mich aufbringen oder unglücklich machen will, bin ich zu Respekt verpflichtet. Und wenn mir klar ist, wie viel Positives und Angenehmes ich durch respektvolles Verhalten in die Welt bringe, fällt mir ein dieser Verpflichtung entsprechendes Verhalten gar nicht schwer. Wenn ich Anderen – z.B. dem Busfahrer – einen Respektvorschuss gebe und freundlich zu ihnen bin, bekomme ich diese Freundlichkeit und den Respekt meistens direkt zurück. So sind alle zufriedener und niemand kommt in die Verlegenheit, sich über irgendwen aufzuregen.

Höchst respektlos finde ich es übrigens, sich über Menschen oder ihr Verhalten das Maul zu zerreißen, die oder deren Beweggründe ich nicht kenne. Respekt bedeutet, das Verhalten, Aussehen und die Meinungen anderer Menschen gelten zu lassen, auch wenn ich vielleicht im ersten Moment irritiert bin. Bevor ich jemanden verurteile und – offen oder hinter dem Rücken der Person – abwertende Kommentare von mir gebe, sollte ich mich immer fragen, wie ich es fände, wenn jemand so über mich urteilen und sprechen würde. Meistens bleibt mir spätestens dann die Schimpftirade über andere Verkehrsteilnehmer*innen oder der diskriminierende Witz über die übergewichtige Frau im hautengen, pinken Sommerkleid im Hals stecken. Wer weiß, welche meiner Verhaltensweisen oder körperlichen Merkmale irgendwem missfallen oder missverstanden werden? Wenn ich selbst nicht diskriminiert und beschimpft werden will, darf ich auch Andere nicht diskriminieren und beschimpfen – so einfach ist das.

6 Gedanken zu “Respektvoll kommunizieren

  1. fundevogelnest sagt:

    Interessanter Text, danke.
    Ich hatte mal ein Aha-Erlebnis bei „Du machst das immer falsch, ich zeige die jetzt mal wie das geht“. Einer hat das nämlich nicht zu mir gesagt, sondern freundlich gefragt „Darf ich dir mal einen Trick zeigen?“, das fühlte sich nicht schlecht an, sondern machte neugierig, aufmerksam, gute Voraussetzung etwas zu lernen. Ich beherzige seitedem
    1. diesen Trick, der für mich immer Sowiesos Trick sein wird und mache mir das Leben in dieser Beziehung einfacher
    2. biete ich jetzt auch „Tricks“ feil, wenn ich innerlich die Hände schon beim Zusehen ringe
    Gruß
    Natalie

    Gefällt 1 Person

    1. kommunikatz sagt:

      Hallo Natalie,
      super Beispiel! Angebote machen und konstruktive Ratschläge anbieten ist viel wertschätzender und lässt dem Gegenüber viel mehr Freiheit und Geltung, als wenn ich einfach Vorschriften mache und die andere Person spüren lasse, dass ich ja eh alles besser weiß. Danke für die Illustration dieses Aspekts!
      liebe Grüße
      Lea

      Liken

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