Dia(b)log I: Was ich gerne einmal sehen würde

Als Beispiel und Eisbrecher möchte ich den Dia(b)log mit einer Frage beginnen, die mir gar nicht hier im Blog sondern bei einem Schulbesuch mit GIPS gestellt wurde. Ein Kind wollte wissen, was ich gerne einmal sehen würde, wenn ich nur für kurze Zeit volle Sehkraft hätte und mich für genau eine Sache entscheiden müsste. Der Hintergrund dazu: Ich bin seit meiner Geburt so gut wie blind, hatte bis vor gut 10 Jahren aber noch ca. 2% Sehkraft, so dass ich immerhin kräftige, großflächige Farben und stark vergrößerte Bilder oder Buchstaben erkennen konnte. Ich weiß also, wie sich Sehen anfühlt, wie Farben funktionieren etc., aber außer grauer hell-dunkel-Suppe sehe ich heute nichts mehr.

Auf solche Fragen antworte ich meistens, dass ich gar nicht plötzlich normal sehen möchte, weil mein Gehirn vermutlich mit den vielen visuellen Reizen vollkommen überfordert wäre. Ich kenne Sehen ja nur in sehr abgeschwächter Form und die Reizüberflutung der heutigen Welt wäre viel zu viel für meine ungeübte Wahrnehmung. Mir fiel dann aber nach kurzem Überlegen doch etwas ein, das ich sehr gerne einmal sehen würde, einfach, um diese Erfahrung zu machen: Ich würde gerne einmal einem anderen Lebewesen tief in die Augen schauen.

In die Augen eines anderen Menschen oder auch eines Tieres zu blicken, muss sehr intensiv und verbindend sein. Natürlich dachte ich bei meiner Antwort aber zuerst an meinen Partner. In einer Liebesbeziehung stelle ich es mir unglaublich schön vor, sich gegenseitig in die Augen zu schauen. Angeblich sind die Augen wie Fenster, durch die mensch die Gefühlslage des Gegenübers sehen und direkt miteinander in eine ganz besondere Verbindung treten kann. Wie genau sich das anfhült und was genau dann passiert, kann ich mir aber nur sehr abstrakt vorstellen, da ich es einfach selbst nicht erleben kann, nie erlebt habe und nie erleben können werde.

Das direkte Feedback durch einen Blick ins Gesicht und die Augen des Gegenübers spielt in jeder Face-to-Face-Kommunikation eine große Rolle. In einer innigen, intimen Beziehung muss es aber ein regelrechter Gefühlsbooster sein. Ich nehme dieses Feedback nicht wahr und, was fast noch schlimmer ist, kann es auch selbst nicht geben. Wenn mir jemand in die Augen schaut, bekomme ich davon gar nichts mit und reagiere dementsprechend natürlich auch nicht darauf. Das tut mir für meinen Partner tatsächlich sehr leid, denn ich kann ihm in dieser Hinsicht nicht das geben, was eine sehende Person ihm geben könnte. Ich fürchte, uns entgeht dadurch ein wichtiger Aspekt von Nähe und Intimität. Oft schon habe ich an mir selbst gezweifelt, weil ich manchmal so ablenkbar und irgendwie nicht bei der Sache bin, wenn es eigentlich darum geht, Zweisamkeit zu genießen. Der tiefe Blick in die Augen fehlt mir und dadurch auch ihm vielleicht einfach als Signalgeber und Anker. Ich würde mich so gern in den Augen des Menschen versenken, den ich liebe – ganz bestimmt wäre das ein wunderbarer Weg, Vertrauen, Geborgenheit und auch eine noch stärkere körperliche Anziehung zu empfinden.

Auch den Hunden würde ich unheimlich gerne mal in die Augen schauen – natürlich nicht zu lang, das könnte zu Missverständnissen führen, weil langes anstarren in der Hundewelt Provokation bedeutet. Arzu und Akiro haben beide angeblich so schöne, große, braune Hundeaugen. Ich wüsste zu gern, wie sie aussehen und wie viel intensiver unsere Kommunikation mit dem visuellen Aspekt sein könnte. Denn auch die Hunde erwarten ja eine Reaktion, wenn sie Blickkontakt suchen. Solche Reaktionen kommen von mir einfach nicht und den Flauschigen kann ich das nichtmal erklären. Dabei wüsste ich ausgesprochen gern, wie sie meine fehlende Reaktion interpretieren. Als Ablehnung oder Desinteresse scheinen sie mein Verhalten glücklicherweise nicht zu deuten. Unsere Beziehung und Bindung könnte kaum enger sein, zumal von mir das Futter kommt. Die Beiden haben längst begriffen, dass sie meine Aufmerksamkeit anders lenken müssen als durch Blickkontakt. Geräusche oder Berührungen wie Nasenstubser funktionieren sehr zuverlässig – vielleicht ist das auch ein Tip an meine Mitmenschen 😉

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