Blind in den Mühlen des Medizinbetriebs

Ende Januar schrieb ich schon über die Zutrittsrechte von Blindenführhunden in Krankenhäusern und medizinischen Praxen. Diesen Themenstrang möchte ich nun ein wenig erweitern, denn blinde Menschen in medizinischer Behandlung haben oftmals noch ganz andere Probleme als die Mitnahme eines Führhundes. Nur knapp 2% der blinden Menschen in Deutschland besitzen überhaupt ein tierisches Hilfsmittel – dementsprechend handelt es sich leider eher um ein Nischenphänomen und es gibt Aspekte, auf die es sich wesentlich deutlicher hinzuweisen lohnt.

Anfang April war ich für ein paar Tage auf der neurologischen Station im Aachener Uniklinikum. Über den Grund und ein paar Erfahrungen schrieb ich bereits. Motorisch und gleichgewichtsmäßig war ich nur leicht eingeschränkt und hatte bei meiner Aufnahme die Gegebenheiten kurz mit meiner Begleitung erkundet. Dadurch konnte ich mich im Krankenhauszimmer und bis zum schräg über den Flur gegenüberliegenden Raum der Pfleger*innen problemlos orientieren. Meine Hyndin Arzu hatte ich schon zu Hause gelassen, als ich mich in die Notaufnahme bringen ließ – dort war ich mit Langstock und der direkten Info für Alle, dass ich blind bin, aufgetreten. Zu meinem großen Glück hat diese Info es wirklich ohne Ausnahme zu allen relevanten Menschen geschafft, von den Transportleuten, die Patient*innen durchs Haus fahren oder begleiten, über das Pflegepersonal bis hin zu Assistenz- und Oberärzt*innen. Niemandem musste ich viel erklären, alle fragten interessiert, wenn Details irgendetwas zum medizinischen Erkenntnisgewinn beitrugen, aber niemand verhielt sich übergriffig oder unangemessen.

Als ich den Pfleger*innen ankündigte, meine Blindenführhündin werde mich besuchen, hatte damit niemand ein Problem – alle freuten sich im Gegenteil auf den ersten Hund, der die Station 721 betreten durfte. Sie sagten sogar unten am Empfang Bescheid, so dass mein Partner einfach mit Arzu in ordnungsgemäßer Kennzeichnung ins Klinikum spazieren und die überraschten, neugierigen und aufgemunterten Blicke der anderen Patient*innen, Besucher*innen und des medizinischen Personals genießen konnte. Schon beim zweiten Besuch führte Arzu ihn zielsicher zu meinem Zimmer, was im Klinikum eine echte Meisterleistung ist. Nur, als die Beiden mich wieder abholen durften, wurden sie übermütig: Gemeinsam rannten sie derart in Richtung meines Zimmers, dass eine nichtsahnend aus einem Seitenflur kommende, schockierte Ärztin schreiend zur Seite sprang 😉

Wenn es um meine Tabletten ging, musste ich den Pfleger*innen zum Teil ein bisschen hinterherrennen, damit sie mir sagten, was welches Medikament war (ich schlucke nur, was ich verstehe), aber die Darreichungsform in diesen Plastikschiebedingern für morgens, mittags und abends war prima organisiert und ich fand zumindest alles, was ich brauchte. Wenn ich Fragen oder Anliegen hatte, musste ich ggf. mal ein paar Minuten warten, aber dann wurde mir immer bereitwillig zugehört und Auskunft gegeben. Letzteres schreibe ich so genau, weil an dieser Stelle die völlig gegenteiligen Erfahrungen eines ebenfalls blinden Freundes beginnen.

Er war vor ein paar Jahren wegen eines akuten, schwereren Eingriffs im Krankenhaus – einige Jahre zuvor war er vollständig erblindet. Wie in meinem aktuellen Fall hatte auch bei ihm der Krankenhausaufenthalt nichts mit der Blindheit zu tun – es ging um völlig andere Probleme. Die Information, dass es sich um einen blinden Patienten handelte, hatte in seinem Fall aber wohl keine einzige Person auf der Station erreicht. Zudem erholte er sich gerade erst von einer Operation und war dementsprechend ohnehin nicht mobil, selbst, wenn er hätte sehen können.

Seine Medikamente erhielt er in einem kleinen, sehr instabilen Plastikbecher. Diesen stellten die Pfleger*innen irgendwo auf seinen Nachttisch, ohne ihm die Stelle auch nur im Ansatz zu beschreiben. Auf der Suche nach dem Becherchen stieß er dieses an mehreren Tagen in Folge immer wieder aus Versehen um. Die Tabletten ergossen sich über den Fußboden, die Pfleger*innen waren sauer, aber allen Ernstes hörte ihm denoch niemand zu, wenn er sich erklären wollte. Dass er den Becher nicht absichtlich umwarf sondern schlicht nicht sehen konnte, interessierte nicht: Nach mehreren dieser Vorfälle erdreistete sich das Pflegepersonal, ihn in seinem Bett zu fixieren und ihm gegen seinen Willen Beruhigungsmittel zu verabreichen. Er wurde behandelt, wie ein randalierender, uneinsichtiger Spinner oder als sei er kognitiv völlig weggetreten, was er jedoch nicht war.

Auch in Arztpraxen hat er schon unangenehme Situationen erlebt – wenn auch nicht ganz so haarstreubend wie die Krankenhausgeschichte. Ein Arzt forderte ihn beispielsweise für eine Untersuchung auf, seinen Oberkörper freizumachen und sich auf die im Raum befindliche Liege zu legen. Ohne Rückfragen zuzulassen, rauschte er mit dem Kommentar, er käme gleich wieder, aus dem Behandlungszimmer. Als er nach fünf Minuten wieder auftauchte, hatte mein Bekannter sich weder ausgezogen noch von der Stelle gerührt: Kein Wunder, er wusste schließlich weder, wo ein Stuhl für seine Kleidung noch wo die Liege stand. Anstatt sich jedoch für sein Versäumnis zu entschuldigen und ihm nun nachträglich die Dinge zu zeigen, regte der Arzt sich höchst unfreundlich auf und beschuldigte meinen Bekannten, weil er nun Zeit verloren habe. In einer anderen Praxis musste er sich für eine Begutachtung seines Geschlechtsteils untenrum entblößen. Trotz der ohnehin schon für die meisten Menschen sehr peinlich besetzten Situation und seiner Blindheit sagte ihm jedoch niemand, wer alles im Raum war oder was die unterschiedlichen Menschen für Funktionen hatten. Er nahm zwar wahr, dass sich mehrere Personen im Raum aufhielten, wurde mit dem daraus entstehenden, unangenehmen Gefühl aber einfach alleingelassen.

Ich ziehe daraus den Schluss: Der erste Schritt liegt wahrscheinlich immer bei der blinden Person, denn sie muss allen Beteiligten von Anfang an klar machen, dass sie blind ist. Das steht schließlich nicht dran und auch die beste Kennzeichnung durch Langstock, Armbinde oder schwarze Brille wird gerne übersehen oder falsch interpretiert. Dass blinde Menschen besondere Bedürfnisse haben und dass medizinisches Personal sich darauf ein Stück weit einstellen muss, gehört aber schon nicht mehr zum Bildungsauftrag der blinden Person. Der Umgang mit allen Arten von Menschen, Behinderungen und Besonderheiten muss Pfleger*innen, Ärzt*innen und anderen Beschäftigten im medizinischen Bereich schon in ihrer Ausbildung oder ihrem Studium vermittelt werden. Bei blinden Menschen bedeutet das vor allem, Dinge zu verbalisieren, zu beschreiben und zu erklären. Blinde Menschen können sich nichts aus Beobachtungen oder dem visuellen Kontext erschließen, deshalb brauchen sie transparente Informationen darüber, was mit ihnen passiert, wer dabei welche Aufgabe übernimmt, wo sich welche relevanten Gegenstände befinden oder was genau sie wann tun sollen.

GIPS bietet zu diesem Thema seit einiger Zeit Fortbildungsmodule an, die von Pflegeschulen und inzwischen auch dem Studiengang Medizin an der RWTH Aachen regelmäßig nachgefragt werden. Meine eigene aktuelle Erfahrung zeigt, dass diese Hands-on-Erlebniskurse etwas bringen und tatsächlich eine Sensibilisierung eintritt. Natürlich kann GIPS aber nicht alle zukünftigen Pfleger*innen und Ärzt*innen schulen. Das schaffen wir nichteinmal für Aachen, geschweige denn für einen größeren Umkreis. Solche Module sollten in alle Lehrpläne medizinischer Ausbildungen und Studiengänge eingang finden, denn nicht nur den Menschen mit Behinderung erspart das negative Erfahrungen sondern auch das medizinische Personal weiß viel genauer, wie es sich in neuen, überraschenden und ungewohnten Situationen verhalten soll.

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