Warum Artenvielfalt uns allen am Herzen liegen muss und was wir dafür tun können

Auf bioland.de wurde gerade unter dem Hashtag #bloggenfürartenvielfalt eine Blogparade zum Thema Artenvielfalt gestartet. Das ist ein super Aufhänger für einen Beitrag, den ich eh schon lange schreiben wollte, also vielen Dank, lieber Bioland-Verbund, dass Ihr mich nun endlich dazu anstiftet!

Gehen wir gleich in die Vollen: Laut aktuellen Hochrechnungen befinden wir uns mitten im sechsten, diesmal vom Menschen verursachten, Massenaussterben der Erdgeschichte. Laut „Living Planet Report“ des WWF gingen in den letzten 40 Jahren bei weltweit über 14.000 untersuchten Tierpopulationen die Bestände um fast 60% zurück. Für Tiere in Flüssen und Seen sieht es noch schlimmer aus: Ihre Populationen sanken im Schnitt um 81%. Und über das in den letzten Jahren mehr und mehr in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückte, massive Insektensterben mit all seinen Implikationen für das gesamte Ökosystem braucht es auch kaum noch weitere Worte: Wir steuern auf ein Desaster zu. Alles hängt miteinander zusammen, ohne Insekten verlieren unzählige Pflanzen ihre Fortpflanzungsmöglichkeiten, Vögeln, Fischen und kleinen Landtieren fehlt Nahrung und sie alle werden in ihrer Existenz immer fragiler.

Der Mensch am Ende der Nahrungskette wird sehr bald sehr schmerzhaft zu spüren bekommen, wie wichtig jedes einzelne, kleine Element des Ökosystems ist – spätestens, wenn die industrielle Landwirtschaft mit all ihren Giften und Pestiziden alle Insekten vernichtet und die Böden so weit ruiniert hat, dass es zu Nahrungsengpässen kommt. Ob es noch irgendeine Möglichkeit gibt, das Massenaussterben zu verhindern, vermag ich als Lain auf dem Gebiet nicht zu beurteilen. Aber ich halte es für eine unserer höchsten Pflichten, jetzt zumindest alles zu tun, um es zu verlangsamen.

Und das können wir. Ich beobachte es in meinem direkten Wohnumfeld ständig: Wir wohnen genau zwischen der wuseligen Innenstadt und dem Aachener Wald. Um unser Wohngebiet herum gibt es sehr viel Natur, Wiesen und Waldausläufer, aber auch Landwirtschaft. Die beiden Bauernhöfe in unserer direkten Nähe könnten unterschiedlicher nicht sein. der eine ist ein konventioneller Milchbauer. Die Kühe stehen dem Anschein nach nur im Stall, die Ackerflächen dienen ausschließlich dem Anbau von Mais und Heu. Dementsprechend ausgelaugt und monokulturgeschädigt ist die Erde – keine stabilere Pflanze an den Feld- und Wiesenrändern hält den Boden zusammen und jeder Regen schwämmt alles inklusive Gülle und chemischer Düngstoffe über Wege und auf andere Wiesen. Das ganze Viertel stinkt regelmäßig nach Gülle, wenn der Bauer mit seinem fetten, roten Sprühfahrzeug eine Tour über sein Land gemacht hat.

Der zweite Hof ist ein von einer Familie betriebener Bioland-Hof. Die Kühe und Pferde dort sind fast immer draußen und freuen sich ihres Lebens. Alle paar Wochen wird eines der beeindruckenden Langhornrinder geschlachtet – das ist neben Gemüse, zugekauftem Brot und Milchprodukten im Hofladen die Haupteinnahmequelle, weil hier in der Gegend auch einige reiche Leute leben, die richtig viel Geld für gutes Biofleisch ausgeben. Für mich persönlich ist das Fleisch von Gut Hasselholz das einzige Fleisch, das ich ab und zu esse – davon abgesehen lebe ich vegetarisch und strebe eigentlich nach Veganismus. Außer, dass auch diese Rinder Methan rülpsen und furzen, ist aus meiner Sicht ethisch nichts gegen sie und ihr Fleisch einzuwenden – es ist keine Massentierhaltung, keine ausgebeutete Hochleistungsrasse und jedes einzelne Tier darf ein artgerechtes, mindestens 15 Jahre langes Leben führen. Außerdem wird auch nichts verschwendet – alle Bestandteile der Rinder werden verarbeitet und verkauft – unsere Hunde freuen sich regelmäßig über Schlachtabfälle und Knochen.

Aber nicht nur die Rinder dürfen ihr Leben genießen, bevor sie hungrigen Menschen mit zu viel Geld zum Opfer fallen. Auch mit ihren Äckern und Wiesen geht die Familie vorbildlich um. Überall gibt es blühende und lebendige Oasen, überall lebt, krabbelt, zwitschert und wuselt es. Es gibt Gemüseanbau, Kastanienbäume, teils als Nutzholz, teils aber auch einfach als Biotop existierende Haselnussbäume und an keiner Stelle wird die Natur so ausgebeutet, dass sie sich nicht selbst regenerieren könnte. Das System funktioniert und es ist wunderschön zu beobachten, wie viel Liebe zum Detail und zu diesem Gesamtsystem darinsteckt. Es schmerzt fast körperlich, wenn wieder einmal ein Starkregenguss das ganze Düngerdesaster von den Feldern des konventionellen Milchbauern auf die Felder der Bioland-Familie schwämmt – aber sie behaupten sich standhaft.

Ich für meinen Teil weiß genau, welchen dieser beiden Höfe ich unterstütze und welchen ich weiträumig meide. Aber auch darüber hinaus gibt es kleine Dinge, die mensch selbst für einen Erhalt der Artenvielfalt tun kann. Ein Garten hilft dabei ungemein – und wir haben einen. Die Nachbargärten sind großteils Rasenwüsten, aber wir haben den kleinen Kronenbergwald, bestehend aus einer Eibe, einer Kiefer, einer Himalaya-Zeder und einem Kirschbaum. Die vier Bäume sind schätzungsweise ungefähr so alt wie das Haus, also knappe 60 Jahre. Bewohnt werden sie und ihr Unterwuchs von zahllosen Vögeln und Kleintieren. Von verschiedenen Meisen über Amseln, Krähen, Tauben und diversen, noch unidentifizierten SBBs (small brown birds), über Eichhörnchen und vielleicht sogar Igel ist alles dabei. Die Trockenmauer hinter dem Teich beherbergt Mäuse, Schnecken und Krabbeltiere. Den Teich selbst hatten schon kurz nach seinem Entstehen mehrere wunderschöne, große Libellen für sich entdeckt. In unseren Holzstapeln und der ungestört wachsenden beinahe-Natur leben Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und alle möglichen Käfer. Sogar einen Fliegenpilz hatten wir schon im Garten, bis Flauschmonster Akiro ihn mit seinem Ball plattgemacht hat. Über den Hallimasch, der gerade dabei ist, den Kirschbaum langsam und quälend dahinzuraffen, freue ich mich nur mäßig, aber auch der trägt zur Artenvielfalt im Pilzbereich bei.

Als wir kürzlich den alten Kirschbaum von einigem Totholz befreiten, fanden wir einen von der Witterung bereits weit ausgehöhlten Ast. Aus diesem wurden kurzerhand mehrere Nisthöhlen für kleine Vögel oder Insekten. Den dicken, hohlen Ast brauchten wir nur in 30 bis 40cm lange Stücke zu schneiden, ein je nach Vogel-Zielgruppe 2 bis 4cm großes Loch in die Seite zu bohren und das Ganze unten und oben mit einem Boden und einem Deckel aus einem dünnen Brett zu versehen – fertig waren die perfekten Nistplätze. Ein Blaumeisenpaar interessierte sich auch sofort für eins unserer Mietobjekte – falls wir für die Vögel zu spät dran waren, finden sich aber sicher auch Wespen oder andere Tierchen, die gerne in dunklen Höhlen ihre Nester bauen. Wenn wir mehr hohle Äste hätten, könnten wir mit den Dingern Geld verdienen, denn sie sind nicht nur eine echte Hilfe für Tiere und damit ein toller Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt sondern sie sehen auch noch echt hübsch aus.

Ihr seht, selbst aus Zufall oder Versehen können Ideen entstehen, um Tiere zu unterstützen und ihnen das Leben und den Fortbestand etwas zu erleichtern. Da, wo es im Winter oder zu anderen Zeiten zu wenig Nahrung oder Wasser für Vögel gibt, ist auch das Anbieten von Futter, Trink- und Badeplätzen sehr hilfreich. Über Wasserschalen freuen sich während der häufiger werdenden Dürren auch andere kleine Wildtiere. Neben dem wichtigen Beitrag zum komplex aufeinander aufbauenden Ökosystem ist ein summender und zwitschernder Garten ein unglaublich schönes und entspannendes Naturerlebnis und wir helfen damit nicht nur den Tieren sondern vor allem auch uns selbst – nicht nur langfristig sondern ganz direkt im Moment.

PS: Zum Thema Fleisch, Vegetarismus vs. Veganismus, artgerechtes Hundefutter etc. werde ich in Kürze eine Art Fortsetzung zu diesem Beitrag schreiben. Auch diese Dinge beschäftigen mich schon lange und gehören dringend zu Papier bzw. ins Netz gebracht.

Werbeanzeigen

8 Gedanken zu “Warum Artenvielfalt uns allen am Herzen liegen muss und was wir dafür tun können

  1. kommunikatz sagt:

    Und jetzt hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES der UN in seinem aktuell erschienenen Bericht es in noch viel extremere Zahlen und Worte gefasst:
    Etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten werden in den nächsten Jahren aussterben. Und da jede dieser Arten ein kleines Rädchen im Getriebe (was für ein unpassender Technikvergleich!) des gesamten Ökosystems ist, führt das womöglich wirklich noch schneller als das Klimachaos zum 6. Massenaussterben allen Lebens auf dem Planeten.
    Alle schreiben, dass es nun einen Systemwechsel braucht – wohl wahr. Noch nie passte der Slogan „Systemchange not climatechange“ so gut.

    Liken

  2. kommunikatz sagt:

    Unglaublich schön: Wir haben eine Singdrossel im Garten. Vorgestern hörte ich sie zum ersten Mal, war mir aber nicht sicher, was sie war. Gestern Abend gab sie ein richtiges Konzert in der Dämmerung – da war es klar, zumal mein Partner sie sehen konnte, wie sie auf dem obersten Ast der Zeder saß. Heute morgen bin ich zu ihrem Gesang aufgewacht und sofort mit meinem Audioaufnahmegerät auf die Terasse gegangen. Gestern Abend entstanden auch schon mehrere schöne Aufnahmen. Diese Vögel sind so selten und in den letzten ein oder zwei Jahren haben wir keine mehr gehört, nachdem wir vor drei Jahren im Wald schon regelrecht gefeiert haben, wenn wir mal eine hörten und uns eine tonaufnahme gelang. Jetzt scheint ein so seltener und scheuer Vogel sich in unserem Garten heimisch zu fühlen – wunderbar!
    Wenn ich es hinkriege, werde ich einige der Audioaufnahmen online stellen.

    Liken

  3. kommunikatz sagt:

    Ich dachte schon, der Besuch der Singdrossel sei nur eine sehr kurze Ausnahmeerscheinung gewesen. Nach zwei Tagen war sie wieder weg. Letztes Wochenende auf dem Boot in Bies Bosch hörten wir dafür eine andere, wunderbare Singdrossel, neben den vielfältigen Wasservögeln und einem Kuckuck. Natürlich entstanden wieder einige tolle Tonaufnahmen.
    Und kaum waren wir wieder zu Hause, wachte ich heute morgen zum herrlichen Gesang „unserer“ Singdrossel auf. Sie hatte sich einfach nur ein paar Tage lang anderswo vergnügt – klar, so selten, wie sie geworden sind, ist die Partnersuche bestimmt nicht leicht. Eigentlich müsste ich eh schon die ganze Zeit „er“ statt „sie“ schreiben, denn nur die Männchen singen so klangvoll. Jedenfalls ist er wieder da 🙂

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.