Highly helpful

Eigentlich habe ich die Highly-Reihe vor einem guten Jahr pausiert, weil mein Antrag auf medizinisches Cannabis bei der Krankenkasse auf Eis liegt. Genau genommen muss ich einen neuen Antrag stellen, sobald sich an der Studienlage oder meiner Symptomatik genug verändert hat, da momentan so zu sagen die empirischen Belege für positive Effekte von Cannabis in meinem Fall nicht ausreichen. Individuelle Erfahrungen zählen nicht, es müssen empirische Studien sein. Das ist nachvollziehbar und ok für mich als wissenschaftlich gebildete Person, die schon selbst empirisch gearbeitet hat. Dennoch finde ich es sehr ärgerlich, dass noch keine entsprechenden Studien durchgeführt wurden.

In „Highly stupid“ schrieb ich über das Medikament Sativex, das mein Neurologe und meine Hausärztin mir als ersten Testlauf verordneten. Als Fertigarzneimittel ist es nicht von der Kostenübernahmezusage der Krankenkasse abhängig. Es ist ein Mundspray, enthält aber natürliche, aus Pflanzen gewonnene Cannabinoide in festgelegter Zusammensetzung und, dem Geschmack nach zu urteilen, auch einige Terpene. Das Zeug ist lecker, keine Frage. Warum es in der empfohlenen Dosierung und über den ganzen Tag ausgedehnten Einnahme für mich dennoch keine gangbare Lösung war, steht im Beitrag „Highly dysfunctional„.

Seit Mitte Februar 2018 habe ich nun also eine Packung mit zwei noch versiegelten und einem geöffneten und nichteinmal zur Hälfte verbrauchten 10ml-Fläschchen Sativex im Kühlschrank Eigentlich hätte das offene Fläschchen binnen 42 (sic!) Tagen verbraucht werden müssen, aber da ich mich an die Vorgaben des Beipackzettels halten wollte, habe ich das nicht geschafft. Da das Zeug reines, in Alkohol gelöstes THC und CBd ist, wie gesagt vielleicht noch mit ein paar anderen, rudimentär vorhandenen Inhaltsstoffen der Cannabispflanze dabei, wird daran aber wohl kaum etwas kaputtgehen können. Mein Partner holte es hin und wieder aus dem Külschrank, um ausgewählten Gästen zu zeigen, was wir Lustiges bevorraten, aber verbraucht wurde es dadurch natürlich auch nicht.

Als ich nun wegen meines aktuellen MS-Schubs am Montag ins Krankenhaus ging und nicht damit rechnete, dabehalten zu werden, war ich natürlich dementsprechend unvorbereitet. Die erste Nacht im Uniklinikum war erwartungsgemäß nicht erholsamer als mein Schlaf zu Hause. Im Gegenteil – meine Bettnachbarin entpuppte sich als zwar sehr nett aber mindestens genauso redselig, auf der Station war dauernd Hektik und Radau und morgens standen die Schwestern pünktlich um 7 Uhr mit großem Hallo im Zimmer, um Blutdruck zu messen etc.. Meinen Schlaf schränkte das auf die Zeiten zwischen 2 und 4 Uhr sowie 5 und 7 Uhr ein, sofern ich in der zweiten Nachthälfte überhaupt noch geschlafen habe. Das Einschlafen war besonders schwierig, da ich ja vorher nicht kiffen konnte. Am nächsten Tag war meine erste Bitte an meinen Partner, mir das offene Fläschchen Sativex mitzubringen. Nach der ersten Cortison-Infusion am Nachmittag begann ich damit, mich auf die Nacht vorzubereiten.

Im Laufe des Abends verabreichte ich mir eine Reihe von Sprühstößen des Sprays. Gezählt habe ich nicht, aber in der Summe war ich bestimmt nah an der empfohlenen Höchstdosis von 12 Sprühstößen pro Tag, nur eben nicht auf den ganzen Tag sondern bloß auf den Abend verteilt. Als ich irgendwann nachts aufwachte, beförderte ich mich mittels zweier weiterer Sprühstöße recht schnell wieder in den Schlaf. In dieser Nacht schlief ich trotz der vorherigen Cortisongabe wunderbar. Cortison putscht als direkter Verwandter des Stresshormons Cortisol normalerweise auf und der Pfleger hatte mir deshalb extra ein leichtes Schlafmittel da gelassen. Genommen hatte ich dieses jedoch nicht, weil ich mich lieber auf Sativex verlassen wollte – was sich lohnte. Meine erste Untersuchung bzw. der Weg dorthin am nächsten Morgen waren ein wenig trippy, aber ich kann nicht sagen, ob das eine Nachwirkung des Sativex oder ein Effekt meines noch nicht wachen Kreislaufs war – außerdem war es eher spannend als tragisch.

Tagsüber nahm ich kein Sativex, da ich meine Symptome beobachten und bei vollem Bewusstsein bleiben wollte. Am nächsten Abend verfuhr ich aber wieder genauso. Da das Cortison an diesem Tag schon früher verabreicht worden war, fing ich nicht direkt danach sondern erst vor dem Schlafengehen an und dosierte das Spray deutlich geringer. Trotzdem war der Erfolg durchschlagend: In dieser Nacht wachte ich noch nichteinmal mehr zwischendurch auf. Vermutlich wegen der geringeren Cannabinoidmenge fühlte ich mich auch morgens gleich fit und hatte keine seltsamen Halluzinationen. Auch meine Symptome besserten sich schon leicht – die dritte und letzte Infusion konnte kommen.

Seit Donnerstag Abend bin ich nun wieder auf freiem Fuß und habe die letzten beiden Nächte zu Hause in meinem eigenen Bett so gut geschlafen, wie seit Langem nicht mehr. Das Cortison sitzt mir massiv in den Knochen und ich fühle mich aufgebläht und dick, aber eigentlich kann ich mich freuen, dass ich nach Jahren endlich mal wieder über 50kg wiege. Wenn die Cortison-Dosis in den nächsten Tagen weiter sinkt, werden auch die Nebenwirkungen nachlassen und ich werde dann auch umso deutlicher die Besserung meiner Symptomatik bemerken. Das oberflächliche Taubheitsgefühl in der linken Körperhälfte geht schon stark zurück – ich glaube, es wird nicht lange dauern, bis ich wieder genauso hergestellt bin wie vor dem Schub.

Zum Erfolg des kurzen Klinikaufenthalts hat sicher auch der gute Schlaf beigetragen, den ich ohne Sativex nicht gehabt hätte. Ja, es war eine Zweckentfremdung – und während ich am dritten und letzten Abend in meinem Krankenhausbett langsam in den Schlaf dämmerte, fielen mir noch weitere mögliche und deutlich kreativere Zweckentfremdungen ein. Aber mir erschließt sich jetzt auch umso mehr die eigentlich vom Hersteller intendierte Wirkung des Medikaments – es lindert Symptome wirklich und es hilft ungemein beim Entspannen. CBD und THC sind eine hervorragende Unterstützung nicht nur für Schmerzpatient*innen. Der Mechanismus ist aber vermutlich sogar ähnlich wie bei der durch Studien nachgewiesenen schmerzlindernden Wirkung: Der Körper entspannt sich, Verkrampfungen lösen sich und Muskeln werden weich, aber auch die Gedanken lösen sich von der Außenwelt und mensch kann sich förmlich in die eigene, innere Ruhe hineinkuscheln. So muss Einschlafen sein – das ist Entspannung. Wären Cannabinoide bloß für solche simplen Zwecke legal – es würde so vielen Menschen die körperlich schädigenden und abhängig machenden Wirkungen herkömmlicher Schmerz- und Schlafmittel ersparen.

11 Gedanken zu “Highly helpful

  1. cbdstudien sagt:

    Hallo Du! Da sehr viel Ungewissheit in diesem Bereich herrscht und oftmals Sachen verlautet werden, die zwar toll klingen – aber kein Hanf und Fuss haben, habe ich mir im Rahmen einer Studienarbeit die Mühe gemacht und alle Studien, die es im Zusammenhang mit CBD, THC und Cannabis gibt, auf https://cbdstudien.wordpress.com übersetzt und veröffentlicht. Es kommen oft neue Inhalte hinzu und ich würde mich sehr über ein positives Feedback, Links und zahlreiche Kommentare freuen. LG Bernadette

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    1. kommunikatz sagt:

      Hallo Bernadette,
      wow, da hast Du ein spannendes Projekt! Ich bin gerade dabei, mich festzulesen 😉 da ich aber noch im Büro sitze und arbeiten sollte, verschiebe ich die weitere Vertiefung in das Thema auf später, wenn ich zu Hause bin und Zeit habe – dann gerne mehr dazu. Vielen Dank auf jeden Fall für den Link und die viele Arbeit, die Du offensichtlich in Deine Recherchen steckst.
      herzliche Grüße
      Lea

      Gefällt 1 Person

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