Was ist Menschlichkeit?

Wenn ich schon sonst kaum noch zum Bloggen komme, nehme ich jetzt zumindest diese schöne Blogparadenidee der lieben Sunnybee zum Anlass für einen neuen Beitrag. Als blinde absolut-nicht-Cineastin fällt mir natürlich kein Film ein, der dazu etwas zu sagen oder zu verdeutlichen hat, wie sunnybee es eigentlich vorschlägt. Meine Gedanken sprießen dementsprechend völlig unkanalisiert in alle möglichen Richtungen, ähnlich, wie es bei der #darumfrieden-Blogparade Ende des letzten Jahres war.

Menschlichkeit ist für mich zu allererst Mitgefühl und Verständnis. Empathie, also sich in Andere hineinversetzen zu können, ist ein Verdienst der Spiegelneuronen im Gehirn, die uns Handlungen anderer Personen nachvollziehen und nachahmen lassen, uns ermöglichen, die emotionen Anderer quasi mit zu spüren und einfach nur durch das Beobachten ihrer Mimik, das Hören ihrer Stimme und Worte, das Fühlen ihrer Körperhaltung und -spannung ihre Stimmung und Verfassung zu verstehen. Auf unser Gegenüber dann angemessen, wertschätzend und bestärkend, mit Unterstützung, offenen Ohren, geteilter Freude oder auch Abstand und dem Gewähren von Freiheit zu reagieren, empfinde ich als wahrhaft menschlich.

Als unmenschlich würde ich daher auch nicht nur jemanden bezeichnen, der aktiv Anderen schadet, sie verletzt oder quält. Unmenschlich kann es auch sein, sich nicht für Andere zu interessieren, wenn sie uns brauchen, Andere zurückzuweisen oder zu ignorieren, obwohl sie nach Hilfe und Verständnis suchen. Wenn ich mir wünsche, dass es den Menschen um mich herum gut geht, muss ich mich quasi automatisch menschlich verhalten. Ich muss nicht unbedingt altruistisch sein, um diese Empathie und Geduld mit meinen Mitmenschen aufzubringen, aber das Helfer*innen-Syndrom hilft sicherlich dabei, sich menschlich zu verhalten.

Was mich am Begriff der Menschlichkeit stört, ist die Anmutung, dass es sich dabei um eine den Menschen vorbehaltene Eigenschaft handelt. Spiegelneuronen haben aber auch alle anderen höher entwickelten Säugetiere. Tiere kümmern sich umeinander, putzen, pflegen und trösten sich gegenseitig und trauern zutiefst, wenn ein Mitglied ihrer Bezugsgruppe – ob Mensch oder Tier – stirbt oder verschwindet. Tiere haben nicht nur als Individuum auf sich selbst bezogene, intensive Emotionen sondern auch Empathie und Mitgefühl für Andere – sogar für (ihre) Menschen. Welche*r langjährige Hundehalter*in hat noch nicht erlebt, dass sie oder er traurig ist und der Hund angelaufen kommt, um ihr oder ihm zärtlich die Nase abzulecken? Ist es eine Überinterpretation, dieses Verhalten als den versuch zu verstehen, Trost und Zuwendung zu spenden?

Wenn Arzu, meine Führhündin, einen schlechten Tag hat und sich bei der Arbeit ablenken lässt, mit einem anderen Hund aneinandergerät oder auf andere Weise spürbar nicht gut drauf ist, habe ich dafür im Gegenzug genauso Verständnis, als wäre sie eine menschliche Freundin von mir. Wenn sie aus einer solchen schlechten Tagesform heraus Fehler macht – selbst, wenn sie uns dadurch in Gefahr bringt – korrigiere ich sie zwar, bin aber ganz bestimmt nicht böse auf sie. Im Scherz sage ich dann manchmal, dass Hunde eben auch nur Menschen sind – und Irrtümer oder Fehler sind nunmal angeblich menschlich.

Natürlich können Hunde auch ganz schön egoistisch und unempathisch sein, wenn es beispielsweise um Leckerchen geht, von denen sie ihrer Meinung nach zu wenige bekommen haben, wenn sie nachts im Bett den meisten Platz beanspruchen und die Menschen, deren Bett es eigentlich ist, kein Auge zubekommen, oder wenn sie im Kampf mit Artgenoss*innen oder auf der Jagd nach Beutetieren ihren Aggressionen freien Lauf lassen. Aber meiner Erfahrung nach können Menschen ganz exakt genauso egoistisch sein und genauso wenig Empathie zeigen. Eine Unmenge von Menschen verhält sich sogar unmenschlicher als die meisten Tiere. Tiere foltern nicht, führen keine Kriege und begehen keine Völkermorde. Tiere können grausam sein, aber im Gegensatz zu Menschen sind sie es nicht ohne Grund und vor allem nicht aus reiner Lust an der Gewalt!

Menschen haben die Menschlichkeit nicht gepachtet, denn andere Tiere beherrschen sie auch und oftmals sogar besser. Zumindest, wenn Menschlichkeit artverwandt mit Mitgefühl und gegenseitiger Hilfsbereitschaft sowie der Vermeidung von Leid verstanden werden soll, schlage ich daher einen weniger auf den Homo Sapiens zentrierten Begriff vor – wie wäre es der Einfachheit halber mit Empathie?

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