Das Haus vom Nikolaus

Einige denken jetzt sicher, ich hätte mich im Monat vertan – Nikolaus ist doch längst vorbei. Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht um das Haus vom Nikolaus, diese kleine, schlichte Kritzelzeichnung eines Häuschens, die in nur einer Handbewegung ohne Absetzen gezeichnet werden kann, wenn mensch den Trick kennt – was vor 30 Jahren jedes Grundschulkind tat. Dazu gab es den Spruch „Das ist das Haus vom Nikolaus“, wobei mensch bei jeder Silbe eine gerade Linie in eine Richtung zeichnete. Die Anzahl der Silben stand also gleichzeitig für die Anzahl der Geraden bzw. der Winkel.

Kürzlich machte ich mir einen ganzen Abend lang darüber Gedanken, wie dieser Trick verdammt nochmal ging. 30 Jahre sind eine lange Zeit und perfekt beherrscht habe ich es schon damals nicht, das Häuschen in einem Rutsch ohne Absetzen des Stifts zu zeichnen. Zeichnen mit Stift auf Papier kann ich inzwischen mangels vernünftigem Sehrest eh nicht mehr, aber mit dem Finger auf der Tischplatte mühte ich mich stundenlang ab, bis mir die zündende Idee kam. Auf dem Weg dahin probierte ich viele Varianten aus, bei denen ich aber immer und immer wieder auf das Problem stieß, einzelne Linien doppelt zeichnen oder nocheinmal nachziehen zu müssen. Dann half es, die doppelte Linie am Anfang einfach wegzulassen und mit einem späteren Schritt zu beginnen. Letztendlich landete ich bei Folgendem:

Mensch beginnt unten links und zeichnet eine senkrechte Linie nach oben – die linke Außenwand des Hauses. Diese geht direkt in eine diagonal weiter nach oben rechts führende, das Dach bildende Linie über, macht in der Mitte einen rechten Winkel als Giebel, und geht dann diagonal nach unten rechts weiter. Dann knickt die Linie senkrecht nach unten ab und bildet die rechte Außenwand, die Außenhülle des Hauses ist also schon fertig. Es fehlt nur noch der Boden. Um diesen zu zeichnen, braucht es einen Kniff: Von der rechten unteren Ecke zeichnet mensch erstmal diagonal nach oben links bis in den flachen Winkel, wo linke Wand und Dach aneinanderstoßen. Von da aus zeichnet mensch den Dachboden, also eine waagerechte Linie in die andere flachwinkelige Ecke zwischen Dach und rechter Außenwand. Von da aus geht es diagonal nach links unten – voila, jetzt können wir das waagerechte Fundament zeichnen und das Haus vom Nikolaus ist fertig.

Geometrisch betrachtet ist es ein Quadrat, das durch ein X in vier rechtwinklige Dreiecke unterteilt ist. Die Katheten, also die kurzen Seiten der Dreiecke, grenzen aneinander, die Hypotenusen, die langen Seiten, sind die Außenseiten des Quadrats. Oben auf dem Quadrat sitzt dann noch genau so ein Dreieck als Dach. Das Haus vom Nikolaus ähnelt daher auch ein bisschen einem stilisierten, offenen Briefumschlag.

So weit, so nett. Mit der Erkenntnis, dass zuerst die Außenhülle des Gebäudes fertig sein muss, bevor der Innenausbau beginnt, kann ich mir nun vermutlich für den Rest meines Lebens problemlos merken, wie das Haus vom Nikolaus gezeichnet wird. Im Zusammenhang mit meinem eigenen Ringen um Verständnis und dem anschließenden Formulieren einer Art Anleitung fiel mir aber noch mehr ein.

Vor ebenfalls beinahe 30 Jahren, ich war vermutlich 10 oder 11, lernte ich, Schiffchen zu falten. Erklärt bekam ich es von meiner kleinen Schwester, die es im 1. oder 2. Schuljahr der Grundschule gelernt hatte. Da ich es in der selben Schule nicht gelernt hatte, war mein Ehrgeiz geweckt, es nun von ihr zu lernen, obwohl sie die Jüngere war. Und das funktionierte mehr als gut. Danach konnte ich es sofort und vergaß es auch nie wieder. Vielleicht hatte sie den Vorteil, mich seit ihrer Geburt zu kennen und genau zu wissen, wie ich tickte und welche zusätzlichen Beschreibungen mir halfen, da ich mir visuell ja nichts abgucken konnte. Sie muss jedenfalls viel verbalisiert haben, wo andere Leute sich bloß gegenseitig einen mehrfach geknickten Zettel unter die Nase halten und sagen „Schau mal, so geht das“.

Wir falteten gemeinsam, während ich sie zwar nicht beobachten, sie mir aber auf die Finger schauen und mich im Zweifelsfall korrigieren konnte. Vielleicht erklärte sie es dabei ungefähr so, bloß sicher mit etwas kindlicheren Worten: „Du nimmst ein Blatt Papier und faltest es genau in der Mitte. Das halbierte Papier halbierst du dann nochmal im anderen Weg, aber diesen Knick faltest du wieder auseinander. Der Knick ist nur eine Markierung. Du nimmst dann die beiden Ecken, wo das Papier geknickt ist, also nicht die offenen Ecken. Die geschlossenen Ecken klappst du beide so um, dass sie bis zum Knick in der Mitte gehen und dort parallel zueinander liegen. Dann hast du eine Art Pfeil oder Papierflieger. Die Pfeilspitze zeigt von dir weg bzw. nach oben. Am unteren, dicken Ende des Pfeils klappst du das Ganze auseinander und faltest die überstehenden, geraden Stücke jeweils vorne und hinten nach oben. Jetzt sieht es nicht mehr aus wie ein Pfeil sondern mehr wie ein Hut mit einer dicken Krempe, allerdings noch zweidimensional. Die überstehenden Stücke, also die dicke Krempe des Huts, knickst du jeweils so um, dass du nur noch ein Dreieck vor dir hast.

Das Dreieck ist an der langen Seite offen. Du ziehst es da auseinander, so dass du erstmal einen dreidimensionalen Hut bekommst. Diesen machst du dann in der anderen Richtung wieder flach. Jetzt hast du ein Quadrat vor dir. Aus dem Quadrat machst du wieder ein Dreieck, indem du die offenen, unteren Ecken nach oben klappst. Du halbierst also das Quadrat, indem du die Hälfte zu beiden Seiten umklappst. Das neue Dreieck ist jetzt nur noch halb so groß wie das vorherige. Das kleine Dreieck ziehst du jetzt genauso auseinander, wie vorher die große Version, und machst es wieder andersherum als Quadrat flach. Das neue Quadrat ist an einer Ecke offen. Diese Ecke ziehst du auseinander. Dabei formt sich fast von selbst ein Schiffchen, du musst nur aufpassen, dass der Kiel gerade und richtig geknickt wird, also die Unterseite, mit der ein echtes Schiff im Wasser liegt.“

Wahrscheinlich habe ich in diese Erklärung viele Details einfließen lassen, die mir selbst erst durch einige Übung über die Jahre klar geworden sind. Dass letztendlich die Pfeilspitze vom Anfang das Segel wird und das ganze übrige Falttheater nur dazu dient, den Schiffsrumpf nach oben umklappen zu können, hat sich mir erst nach vielen selbstproduzierten Schiffchen erschlossen. Und dass Papierflieger und -hüte eigentlich nur Vorstufen der höchsten, nautischen Perfektion sind, hat mir auch nicht meine Schwester sondern eher meine Erfahrung gezeigt.

Was ich aus dem Haus vom Nikolaus und der Erinnerung ans Schiffchenfalten aber ganz aktuell wieder gelernt habe, ist eine ganz einfache Sache: Gute, technisch nachvollziehbare und reproduzierbare Beschreibungen sind auch nur mit Worten möglich. Es braucht keine Abbildungen, Videos oder Personen, die etwas vormachen – es braucht nichteinmal zwingend eine Kontrollinstanz. Ist die Beschreibung gut genug, kann mensch ihr einfach folgen und bemerkt etwaige Fehler sofort, wenn der nächste Schritt keinen Sinn mehr ergibt. Dann geht mensch einen Schritt zurück und findet durch neues Ausprobieren die richtige Lösung ganz von allein. Lernprozesse, die so durch eigenes Überlegen und Ausprobieren wachsen, haben meiner Erfahrung nach das stabilste und am sichersten abrufbare Wissen zur Folge, denn alles, was mensch sich selbst erarbeitet hat, geht direkt ins sogenannte „knowing how“ und nicht nur ins „knowing that“ über. Bei letzterem weiß mensch zwar prinzipiell, dass etwas geht, kann es aber selbst nicht tun. Bei Ersterem, also dem „knowing how“,, weiß mensch wirklich, wie es geht, und kann es selber Schritt für Schritt durchexerzieren.

Gerade blinde Menschen wie ich profitieren ungemein von solchen rein verbalen Erklärungen, die ohne Illustrationen verständlich und nachahmbar sind. Nachdem ich jetzt die technischen Dokumentationen zum Papierschiffchen und dem Haus vom Nikolaus verschriftlicht habe, versuche ich es bald vielleicht wirklich mal mit dem, wonach ich selbst schon lange suche: Einer rein textbasierten Anleitung zum Joint-drehen. Aber vorher gehe ich das erst nochmal üben.

Wie findet Ihr meine Beschreibungen? Könnt Ihr ihnen folgen und danach das Haus oder das Schiffchen erzeugen? Wo hakt es und wo kann ich etwas verbessern? Ich bin dankbar für jedes Feedback!

2 Gedanken zu “Das Haus vom Nikolaus

  1. Manfred Pohl sagt:

    Eigentlich bin ich Ingenieur, kann aber auch ganz gut zeichnen und wollte ursprünglich Grafiker werden, aber die verdienten schon zum Abitur 1972 kein Geld. Etwa 2007 bat mich mein damaliger Chef um Zeichnungen für Prospekte und Bedienungsanleitungen mit der Begründung: „Die Leute lesen nicht mehr, oder sie sie verstehen Texte nicht mehr.“ Erst wehrte ich mich, aber dann dankte ich im Geheimen dem Lieben Gott, dass er mir 35 Jahre nach dem Abitur meinen Berufswunsch bei anständigem Gehalt erfüllt hatte.

    Der Bezug zu Ihrem Artikel ist, dass verständliche Erklärungen geschrieben und gelesen wurden, als es noch schwierig war, Zeichnungen mit Texten zusammen darzustellen. Manche heutige Anleitungen schaffen den Spagat, indem sie parallel zu den Grafiken gute Erläuterungen drucken. Der Text darf dann sogar sehr klein und ausführlich geschrieben werden.

    Gruß:
    Manfred Pohl.

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