Mimik – Augen zu und durch!

Eigentlich will ich über dieses Thema schon lange mehr schreiben, aber es brauchte offenbar einen Anlass. Den gab mir nun ein Leser der Zeitschrift Visus in einer langen e-Mail, die er mir zu meinem Artikel „Hallo Lea, weißt du, wer ich bin?“ schrieb. Auf einige seiner Gedanken bin ich schon im Beitrag „Eine schöne Leserzuschrift“ eingegangen. Hier soll es nun um das weite und verminte Feld der Mimik und nonverbalen Kommunikation gehen.

Blinde Menschen können Mimik und nonverbale Signale anderer Personen nicht sehen und verpassen auf dieser Ebene daher eine Menge Information. So weit, so gut – darüber habe ich schon Beiträge veröffentlicht bzw. es kam hin und wieder am Rande vor. Das Thema aus der Perspektive eines sehenden Menschen zu betrachten und seine Gedanken dazu zu lesen, war für mich aber neu und daher sehr interessant.

Der Visus-Leser, ein früherer Lesehilfentechniker, hatte berufsbedingt viel Kontakt zu sehbehinderten und blinden Menschen. Trotzdem stellt er vollkommen korrekt fest, dass sehenden Menschen im Umgang mit blinden schlicht Erfahrung und Training fehlen – wie er schreibt „schon allein mangels Masse“. Das stimmt leider – es gibt einfach verdammt wenige blinde Menschen und solange Inklusion noch kein durchgängig funktionierendes Erfolgsmodell für unsere Gesellschaft ist, sind auch diese Wenigen im öffentlichen Raum kaum sichtbar. Es ist daher ganz logisch, dass sehende Menschen ihnen viel zu selten begegnen, viel zu selten mit ihnen interagieren und daher auch keine Übung darin haben. Mein Leser bittet deshalb aufrichtigerweise um Nachsicht und Nachhilfe. Den Mut, den diese Offenheit seiner Meinung nach von blinden Menschen wie mir erfordert, bringe ich sehr gerne auf, erleichtert es doch letztendlich auch mir selbst das Leben, wenn mehr sehende Menschen über meine Belange und Bedürfnisse Bescheid wissen. Außerdem ist der nötige Mut keineswegs einseitig, wie er annimmt. Bevor ich oder eine beliebige andere blinde Person ihm oder einem beliebigen anderen sehenden Menschen etwas erklären kann, müssen zu allererst Fragen gestellt werden. Und diese Fragen zu stellen, verlangt ersteinmal Mut von den sehenden Personen.

Die Begebenheit und Gedanken, die ich im Folgenden kommentieren möchte, zitiere ich aus seiner e-Mail:
„Ich hatte bei einer fast blinden Studentin ein Vorlesegerät vorgeführt. Sie hatte sich tags zuvor an einem Brief der Größe A4 eine oder mehrere Stunden lang mit einer Bildschirmlupe abgemüht. Das Vorlesegerät las ihn mühelos vor. Trotzdem hatte sie Angst, dass es etwas nicht erkennen könnte, was ihre Augen noch sahen. Denn wenn sie das Vorlesegerät behielt, würde sie die Bildschirmlupe an die Krankenkasse zurückgeben müssen. Also hatten wir in Experimentierlaune alles Mögliche auf den Scanner gelegt, zuletzt eine Packung Kaffee, und das Gerät las die goldglänzende Schrift auf dunklem Hintergrund einwandfrei. Beim Zuhören freute sie sich wie eine Schneekönigin, aber still, nur mit der Mimik, und ich freute mich mit, leider genauso still. Ich konnte ihre Freude sehen, aber sie meine nicht, und das wurde mir erst nach dem Besuch richtig klar.
Sie hatte auch meine Anteilnahme an ihrem Leben nicht erkennen können, von dem man bei solchen Besuchen immer etwas erfährt, und das tat mir nachher leid. Ich bin es zu sehr gewohnt, mit Mimik zu antworten. Das ist unter Sehenden praktisch, weil man dem Redner schon beim Sprechen Antwort gibt, oftmals sogar umfassender als mit Worten, ohne ihn zu unterbrechen.“

Genau, und so nutzen natürlich auch blinde Menschen Mimik, weil sich der Gesichtsausdruck schließlich kaum kontrollieren lässt – je weniger die eigene Mimik einem bewusst ist, umso schlechter kann mensch sie beeinflussen. Wenn ich als blinde Person zusätzlich abstraktes Wissen darüber anhäufe und praktisch umzusetzen lerne, wie ich mittels gezielt eingesetzter Mimik und Gesten Dieses und Jenes ausdrücken kann, fühlt ein sehender Mensch sich im Gespräch mit mir wahrscheinlich nicht anders als im Gespräch mit einer sehenden Person. Das einzig Dumme ist genau das, was mein Leser hier schildert: Umgekehrt kommen all diese unwillkürlich passierenden Dinge, all diese wichtigen Informationen über Stimmungen, Einschätzungen, Anteilnahme und andere Reaktionen des Gegenübers bei der blinden Person nicht an. Es ist eine kommunikative Einbahnstraße, zumindest auf der nonverbalen Ebene. Dagegen hilft – tadaa – Verbalisierung, also in Worte fassen der Dinge, die sonst nur mimisch ausgedrückt werden. Aber wie soll das gehen? Mimik passiert, wie gesagt, meist unbewusst und ist weder willentlich steuerbar noch so klar, dass sich ihre Signale einfach auf einen anderen Kommunikationskanal wie die Sprache übertragen lassen. Anders gesagt: Wenn einer Person ihre Mimik gar nicht bewusst ist, kann sie die darüber ausgedrückten Botschaften auch nicht verbalisieren.

Aber mein Leser wäre nicht mein Leser, wenn er nicht auch gleich einen Lösungsvorschlag für dieses Problem hätte: „Wenn ich öfter mit Blinden reden würde, würde ich die Augen dabei schließen, um die Mimik abzuschalten. Das ist dann wie Telefonieren, das kann ich ja auch ohne Grimassen. Ich würde das allerdings ankündigen, damit man nicht vergeblich auf Kommentare zu etwas wartet, was man mir zur Begutachtung unter die Nase hält.“

Das ist tatsächlich eine tolle Idee, denn es bedeutet, gleiche Bedingungen herzustellen. Da es der blinden Person nicht möglich ist, sich die Mimik des Gegenübers zugänglich zu machen, muss sich eben das sehende Gegenüber auch aus dem nonverbalen Kanal zurückziehen. Und das geht nur, indem mensch sowohl das Senden als auch das Empfangen nonverbaler Botschaften ausschaltet. Es ist sicher eine gewöhnungsbedürftige Übung für sehende Menschen, bewusst jedes Mal im Gespräch mit einer blinden Person die Augen zu schließen und sich so selbst eines kompletten Sinneskanals zu berauben. Aber wenn die Unterhaltung auf der sprichwörtlichen Augenhöhe stattfinden soll, müssen die Augen dafür eben auch manchmal zurückstecken.

Als blinder Mensch fühle ich mich sehr oft von sehenden Menschen beobachtet. Ich weiß genau, dass sie jede meiner Regungen augenblicklich wahrnehmen und dass ich selbst derweil hinter dem geschlossenen Vorhang meiner Blindheit sitze. Diese Diskrepanz lässt sich so leicht abstellen – und vielleicht führt häufigeres Augenschließen sogar mittelfristig zur Intensivierung anderer Sinne. Ich werde diese Idee jedenfalls sehr gerne weiter propagieren und Menschen aus meinem Umfeld ermutigen, sich öfter in meine Welt zu begeben und so ein Stück weiter als sonst auf mich zuzugehen.

Ein Gedanke zu “Mimik – Augen zu und durch!

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