Der Jochen-S.-Gedächtnispunkt

Den Jochen-S.-Gedächtnispunkt gibt es, seit wir Mitte April 2018 unser Haus bezogen haben. Ja, wir haben es eigentlich vom Fleck weg bezogen, sobald wir damals den Schlüssel hatten, auch wenn jetzt, ein Dreivierteljahr später noch immer manches eher Baustellencharakter als die Anmutung eines gemütlichen Zuhauses hat – auch Baustellen können erstaunlich gemütlich sein, wenn mensch sich darin nur nett genug einrichtet.

Jochen S. ist ein Drittel der Erbengemeinschaft, von der wir unser Haus gekauft haben. Er hatte sich nach dem Tod der Mutter für den Verkauf des Hauses eingesetzt, vermutlich um seine Schwester in den USA auszahlen zu können und um seinem jüngeren Halbbruder nicht weiter das alleinige Wohnrecht zu überlassen. Er selbst wohnt in einer ganz anderen Gegend Deutschlands und hatte keine Verwendung für das Haus, obwohl mensch immer wieder deutlich merkte, wie wichtig und vertraut ihm das Haus dennoch ist.

Als wir ein paar Tage nach dem Auszug seines Halbbruders und kurz vor der Schlüsselübergabe mit Jochen durch das Haus gingen um zu schauen, welche Möbel und Gegenstände wir übernehmen wollten, klebte er auf alles, was wir uns aussuchten, einen orangefarbenen Punkt. Die Klebepunkte sollten dem Entrümpler zeigen, was er nicht entsorgen bzw. recyclen sollte. Der Halbbruder hatte eine Menge Zeugs zurückgelassen und sich anscheinend vollkommen neu eingerichtet, so dass viele Dinge zur Disposition standen. Mein Partner wollte am liebsten alles behalten, ich wollte am liebsten nicht zu viele Sachen im Weg stehen haben, wenn es ans Modernisieren und Renovieren ging. Insofern hatten wir eine klare Good Cop Bad Cop Verteilung: Er sagte zu Allem „ja“, ich zu Manchem „nein“.

Es lief darauf hinaus, dass eine Menge Sachen hier blieb: Die gesamte Küche, was das Haus vom Fleck weg sofort wieder bewohnbar machte, einige Lampen, zwei Sessel bzw. Polsterstühle, drei kleine Schränkchen, viele Bilder wie z.B. „Der Kuss“ von Gustav Klimt, der auch früher in meinem Elternhaus das Wohnzimmer geziert hatte, das wohlklingendste Windspiel, das ich je erlebt habe, ein Geschenk der Schwester aus den USA, das noch immer unsere Terrasse mit einer perfekt aufeinander abgestimmten Oktavtonleiter in C Dur beschallt, eine Leinwand, Werkzeuge, Gartengeräte – und vermutlich noch alles Mögliche mehr, das mir nun schon nicht mehr einfällt.

Auf all diesen Dingen ließen wir den orangen Punkt kleben und ich nannte ihn irgendwann, als immer mehr Leute fragten, was das solle, den Jochen-S.-Gedächtnispunkt. Er erinnert uns immer wieder an Jochen, zu dem wir nach wie vor sporadischen Kontakt halten. Jochen ist ein sehr sympathischer Mensch mit einer spannenden Lebensgeschichte, guten Ansichten und einer liebenswert unkomplizierten und unkonventionellen Art.

Heute ist der Todestag seiner Mutter, der eigentlichen Vorbesitzerin unseres Hauses. Er war deshalb in Aachen, um ihr Grab zu besuchen, und hatte uns auch seinen Besuch angekündigt. Eigentlich wollte er erst im Nachmittag kommen und wir wollten den Tag über gar nicht zu Hause sein, wegen des Wetters und des dringend notwendigen Renovierungsfortschritts cancelten wir aber den heutigen Waldspaziergang im Hambi und Jochen stand bereits vormittags vor unserer Tür. Es war fast wie der Besuch eines Freundes oder eines lieben Verwandten. Durch das Haus verbindet uns so viel und auch andere Stories und Gedanken sind so verbindend, dass all meine Sorgen wegen des möglicherweise verheerenden Eindrucks, den Staub, Dreck und Chaos machen würden, sich in Luft auflösten.

Unter einem der Küchenschränke hatten wir eine Postkarte aus den 90ern und den Lieferschein eben jenes Küchenschranks aus den 70er Jahren gefunden. Zusammen mit Jochen schauten wir uns diese historischen Dokumente an, erzählten von Handwerkern, Baustellen, WG-Küchen, Segeltörns und sonstigen Katastrophen, die gar keine solchen Waren. Dazu tranken wir den Sekt, den Jochen mitgebracht hatte – ein Piccolofläschchen für drei Menschen ist sonntags vormittags vertretbar und irgendwie gab es ja auch einen feierlichen Anlass. Nächstes Jahr, wenn Jochen wieder zum Gedächtnis an seine Mutter in der Stadt ist, kann er hier übernachten und wird dann sicherlich noch immer den einen oder anderen seiner Gedächtnispunkte vorfinden.

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