„Hallo Lea, weißt du, wer ich bin?“

In meiner paranoiden Tarnkappen-Episode habe ich mich kürzlich u.a. darüber ausgelassen, wie schwierig und verunsichernd es für mich ist, wenn sich andere Personen mir nicht zu erkennen geben. Vermutlich geht es den meisten blinden Menschen ähnlich. Im Beitrag beschrieb ich, dass ich Menschen erst identifizieren kann, wenn sie sprechen. Der einzige Anhaltspunkt, wen ich vor mir habe, ist für mich normalerweise die Stimme einer Person. In manchen Fällen helfen Kriterien wie ein individueller Duft oder der Kontext. Wenn ich Leute in unerwarteten Kontexten treffe, die ich aus ganz anderen Zusammenhängen kenne, ist letzteres Kriterium aber für (oder eher gegen) die Katz. In den allermeisten Fällen gibt also erst die Stimme mir eine mehr oder weniger grobe Idee, mit wem ich es zu tun habe.

Die Erwartung vieler Menschen, ich könnte sie nach einer kurzen, belanglosen Begrüßungsfloskel einwandfrei zuordnen, ist jedoch auch problematisch. Ich bin im erkennen von Stimmen zwar zwangsläufig relativ geschult, aber besonders gut bin ich darin nicht. Je länger ich eine Person nicht getroffen und je länger ich ihre Stimme nicht gehört habe, desto mehr verschwimmen auch bei mir solche Erinnerungen. Stimmen sind viel uneindeutiger als Gesichter, und selbst diese dem richtigen Namen zuzuordnen, fällt sehenden Menschen oft schwer. Wie sollte da für blinde Menschen die Identifikation von Stimmen leichter sein?

Ich bin oft in großen Gruppen, auf Veranstaltungen oder Demos unterwegs. Dabei treffe ich einen Haufen Leute, hin und wieder auch welche, die ich Jahre lang nicht gesehen bzw. gehört habe. Viele dieser Menschen kommen mit den klassischen Aufreger-Sprüchen auf mich zu: „Weißt du, wer ich bin?“ oder „Erkennst du meine Stimme?“. Bis auf wenige Ausnahmen muss ich die Menschen dann enttäuschen. Solche Ausnahmen bilden nur Leute, die sehr charakteristische Stimmen, Dialekte oder Sprechweisen haben oder die ich eben so häufig treffe, dass die Erinnerung frisch bleibt. Alle Anderen, egal, wie gut ich sie vor 10 Jahren vielleicht mal kannte, stellen mich mit solchen Fragen vor ein Rätsel und vor eine nicht zu unterschätzende Peinlichkeit. Ich muss dann beschämt eingestehen, dass ich keine Ahnung habe, wer vor mir steht. Das löst bei mir das unangenehme Gefühl aus, die Person zu kränken, weil ich sie nicht einordnen kann, was die Person aber offenbar für selbstverständlich hält.

Manchmal unterhalte ich mich länger mit Leuten, die nichtmal solche Fragen stellen sondern mich nur mit „Hallo Lea!“ begrüßen, als würden wir uns gut kennen. Dass sie mich kennen, weiß ich dann, aber ob ich sie auch kenne und um wen es sich handelt, kann ich nur durch explizites nachfragen herausfinden. Wenn ich dafür nicht schnell genug bin, spiele ich mit und hoffe während des Gesprächs inständig auf entlarvende Hinweise. Meistens kommen solche Hinweise irgendwann in irgendeiner Form, so dass ich die Person mit etwas Verspätung dann doch noch identifiziere. Wenn nicht, traue ich mich nach einer Weile des Gesprächs aber natürlich auch nicht mehr zu fragen: „Sag mal, wer bist du eigentlich?“. Das hieße, ich müsste zugeben, Vertrautheit quasi vorgetäuscht und mein Gegenüber dadurch austauschbar und wenig wertschätzend behandelt zu haben.

Oft kommen auch Leute auf mich zu, mit denen ich mich vielleicht nur ein einziges Mal unterhalten habe. Tage oder Wochen später erwarten sie immernoch, ich wüsste schon nach einem kurzen „Hallo“, wer sie sind. Oft habe ich mir aber nichtmal ihren Namen gemerkt, geschweige denn die Zuordnung von Namen und Stimme. Je flüchtiger oder unwichtiger ein Kontakt für mich ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass ich mir eine Stimme so genau einpräge. Auf mich wirkt es daher oft, als würden so agierende Menschen nicht nur meine Fähigkeiten sondern vor allem ihre Wichtigkeit überschätzen. Ich bin anscheinend so ein bunter Hund, dass ich allen möglichen Menschen deutlich in Erinnerung bleibe. Aber das beruht eben leider nicht auf Gegenseitigkeit, zumal mir bei beiläufigen Kontakten viel zu viel – nämlich jegliche visuelle – Information über die Menschen fehlt. Für mich sind flüchtige Begegnungen daher oft nur kontextfreie Gesprächsfetzen, die gewissermaßen im Grundrauschen untergehen.

Der Fehler liegt aber nicht bei mir und ich kann das Dilemma nicht lösen. Auch hier geht es leider um ein systematisches Problem, das auf klischeebedingter Überschätzung blinder Menschen beruht. Darüber schrieb ich schon vor Jahren in meinem Beitrag „When all the Stories meant for you have already started„. Blinde Menschen haben zwar oft ein gutes Gedächtnis und können andere Menschen an der Stimme erkennen, aber das liegt nur daran, dass wir das fehlende Sehen mit diesen Strategien zumindest ein Stück weit kompensieren können und müssen. Wir üben es gezwungenermaßen dauernd, also beherrschen wir es in der Regel irgendwann irgendwie. Das heißt aber nicht, dass alle blinden Menschen darin Perfektion und absolute Meisterschaft erreichen, und es heißt auch nicht, dass jedes sehende Gegenüber diese Fähigkeiten einfach stillschweigend voraussetzen und einfordern kann.

Als weiteres kleines Lehrstück aus der Reihe „Wie gehe ich mit blinden Menschen um?“ sei also hier ausdrücklich darum gebeten: Erspart mir und anderen blinden Menschen die gefühlte Blamage und das kindische Rätselraten. Es mag bei den ersten paar Begegnungen seltsam sein, aber es hilft wirklich, wenn Ihr Euch jedes Mal mit Namen vorstellt. Sagt einfach etwas wie „Hallo Lea, ich bin XYZ“, schon ist alles klar und ich kann Euch so begrüßen, wie ich möchte. Wenn ich nicht weiß, wer Ihr seid, weiß ich auch nicht, ob ich Euch einfach ein „Hey!“ zurufen, Euch formell die Hand schütteln oder Euch freudig um den Hals fallen will. Ihr versteckt Euch quasi hinter einem Vorhang und macht aus diesem Hinterhalt heraus „Buh!“. Das ist nicht nett, auch wenn Ihr es nicht mit Absicht macht. Und falls ich Euch doch sofort an der Stimme erkannt habe, kann ich Euch das dann immernoch sagen, Ihr könnt Euch, wenn Ihr wollt, geschmeichelt fühlen und alle sind glücklich 😉

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