#hambibleibt!

43524369434_097e880b30_kGestern demonstrierten im Rahmen des zur Zeit wöchentlich stattfindenden Waldspaziergangs rund 7.000 Menschen zwischen Buir und Morschenich für den Erhalt des Hambacher Forsts und gegen die Braunkohle. Es sollte, so die Idee der Polizei, ein Waldspaziergang ohne Waldkontakt werden. Seit letzter Woche ist das verbleibende Restwäldchen laut unseren Ordnungshüter*innen ein gefährlicher Ort und die Räumung der Baumhausdörfer hat begonnen.

44627612252_0d3976be4e_oDie Einzigen, die den Aufenthalt im Wald seither gefährlich machen, scheinen allerdings die Polizist*innen selbst zu sein. Durch ihr teils brutales Vorgehen gegen die Aktivist*innen in den Baumhäusern und im Wiesencamp wird das Ausmaß der Einschüchterung und Provokation deutlich. Beispielsweise wurde eine friedlich protestierende Baumschützerin von sechs Polizisten mittels eines Kampfsportmanövers zu Boden gerissen, als sie offenbar lediglich an ihnen vorbeilaufen wollte. Ein Aktivist wurde mit dem Gesicht durch Kies und Sand geschleift, seine Kletterausrüstung und sein Rucksack wurden zerstört. Zwei in einem Tunnel unter Oaktown angekettete Aktivisten verloren beinahe ihr Leben, weil die Polizei trotz entsprechender Warnungen mit schwerem Gerät in das Baumhausdorf einrückte. Berichten Betroffener zufolge wurden Insass*innen der Gefangenensammelstelle (Gesa) im Aachener Polizeipräsidium indes nachts via Lautsprecher mit Kettensägengeheul wachgehalten und dadurch schwer traumatisiert.

44671550282_26608a6937_kDennoch, und obwohl den ganzen Tag Hubschrauber über unseren Köpfen kreisten, blieb die gestrige Großdemo genauso friedlich und bunt, wie alle Waldspaziergänge der letzten Jahre. Eltern, Großeltern, Babies, Kinder und Hunde protestierten einhellig mit den Aktiven von NGOs, Bürgerinitiativen und Parteien. Mehrere 100 Demonstrierende – genauso gemischt wie die gesamte Demo – durchbrachen friedlich eine Polizeikette und schafften es nach Oaktown, wo sie den Besetzer*innen Zuspruch und Unterstützung spendeten, beim Bau neuer Barrikaden und Baumhäuser halfen und laut kursierender Videos und Fotos eine unglaublich gute Stimmung verbreiteten. Wegen ihrer Präsenz und Sitzblockade wurde die Räumung zeitweise gestoppt.

44671503842_0084d6e91f_kMehrere Wasserwerfer auf der genehmigten Seite der Demo sollten offenbar eine klare Drohkulisse erzeugen. Die vielen Kinder, die direkt vor den Wasserwerfern spielten und posierten, gaben den Bildern jedoch eher eine absurde als bedrohliche Wirkung. Ohne jeglichen erkennbaren Grund wurde der offizielle Demozug daran gehindert, den für die Abschlusskundgebung genehmigten Platz im Geisterdorf Morschenich zu erreichen – kurzum, die Polizei provozierte, wo sie nur konnte. Aber es blieb ruhig, es gab nur wenige hitzigere Wortgefechte und die einzigen Rangeleien entstanden Berichten zufolge lediglich da, wo sich Waldspaziergänger*innen tatsächlich in den Wald begaben, weil die Polizei sie daran zu hindern versuchte.

44671209812_ad53e63cb1_kWir waren Viele und wir waren laut. Wir trafen unglaublich viele liebe Menschen und stellten einmal mehr fest, wie gut wir in der Bewegung vernetzt und bekannt sind. Aufkleber von Ende Gelände, Flyer von unserer Rise for Climate Aktion, Banner und Fahnen wurden uns förmlich aus den Händen gerissen – so viel Mobilisierungsmaterial loszuwerden und so viel positives Feedback zu bekommen, war aufbauend und schön.

43941660294_f737477eba_kWas wir vor allem in rauhen Mengen unter die Leute warfen, waren die neuen „Stopp Braunkohle“-Plakate. Entstanden in der Aachener Hambi-Support-Gruppe verbreiten sich diese Fensterplakate momentan wie ein Lauffeuer nicht nur in der Aachener Innenstadt. Es gibt sie in DIN A3 und A4, sie sollen in möglichst vielen Fenstern von Geschäften, Privathaushalten und an öffentlichen Orten jeder Art aufgehängt werden. Sie zeigen die stilisierte Kulisse eines Dorfs mit Häusern, Kirche und Bäumen, das von dem riesigen Schaufelrad eines Baggers weggefressen wird. Das weithin sichtbare Motiv soll Menschen auf die zerstörerischen und tödlichen Auswirkungen der Braunkohleverstromung aufmerksam machen und die Forderung nach einem möglichst baldigen Kohleausstieg unterstreichen. Bei bisherigen Verteilaktionen stießen die Verteiler*innen fast nirgends auf Widerstand. Beinahe alle Läden nahmen die Plakate dankend an, die meisten hängten sie sofort auf.

43767668835_1a8dbc47dc_kSchon am Dienstag bei einer Mahnwache vor der Düsseldorfer Staatskanzlei und einer anschließenden Aktion vor dem Bauministerium des Landes NRW hatten wir über Aachen hinaus viele der Plakate verteilt. Dort hatten wir gegen die an Absurdität nicht zu überbietende Begründung der Waldräumung demonstriert: Angeblich müssen die Baumhäuser unverzüglich geräumt werden, weil es Brandschutzbedenken gibt. Gleichzeitig kursieren Fotos, auf denen Polizist*innen Feuerlöscher aus dem Wald tragen. Wir übergaben daher dem Bauministerium einen mit zahlreichen Devotionalien der Klimabewegung dekorierten Feuerlöscher und riefen Armin Laschets Landesregierung zu einem sofortigen Stop des RWE-Protektionismus auf.

IMG_0592aEine Druckvorlage der Fensterplakate gegen Braunkohle bietet der Solarenergie-Förderverein (SFV) zum Download an. Wer nicht selber drucken kann, kann dort auch Plakate bestellen. Flagge zeigen wird immer wichtiger. Angesichts des absurden Theaters von Polizei, RWE und schwarz-gelber Landesregierung können wir diesen Diskurs nur gewinnen!

AuflinksEine umfangreiche Fotogalerie der Waldspaziergang-Demo vom 16.09.18 gibt es hier.

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4 Gedanken zu “#hambibleibt!

  1. kommunikatz sagt:

    So, heute war es offiziell nicht nur ein Waldspaziergang ohne Wald sondern auch ohne Spaziergang. Genehmigt war nur eine Standkundgebung, diese allerdings für ganze fünf Stunden. Und passend zum absurden Brandschutzargument für die Räumung der Baumhäuser fuhren heute Vormittag plötzlich keine Züge mehr aus Aachen und Köln nach Buir, weil angeblich ein Lokführer krank war – ja klar, wie praktisch aber auch! Trotzdem war es eine riesige Menschenmasse und die Allermeisten sind bei strömendem Regen dennoch in den Wald gegangen und haben sich die absolute Zerstörung angeschaut, die in den Baumhausdörfern Gallien und Oaktown angerichtet wurde. Es gibt dort keine Spur von Baumhäusern mehr, nur jede Menge verletzte Bäume und Müll auf dem Boden, der bis vor ein paar Tagen noch Inventar und Vorräte der Baumbesetzung war. In Beechtown hat die Polizei gegen eine nach bisherigem Informationsstand völlig friedliche Menschengruppe Pfefferspray eingesetzt. Deeskalation sieht anders aus!

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  2. kommunikatz sagt:

    Wow, heute waren wir im Wald, ganz offiziell genehmigt und mit über 10.000 Menschen. Die Wort- und Musikbeiträge bei den Kundgebungen waren absolut bewegend und toll, aber besonders toll war, dass sehr viele Waldspaziergänger*innen sich rund um das letzte, noch nicht geräumte Baumhaus namens §11 am Bau gigantischer Barrikaden aus Baumstämmen beteiligt haben.

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  3. kommunikatz sagt:

    Wahnsinn, dieser Waldspaziergang heute war der beeindruckendste und bewegendste seit Langem. Nach der Großdemo mit 50.000 Menschen gestern, die von mehreren großen und kleinen NGOs ausgerufen worden war, gab es heute einen Spaziergang mit „nur“ rund 1.400 Teilnehmenden. Aber Bodo Wartke trat auf und spielte neben seinem großartigen Hambi-Song noch weitere wirklich tolle Lieder, es gab die, wie immer, sehr guten Redebeiträge von Michael Zobel, Eva Töller und allen üblichen Verdächtigen, wir gingen in den Wald, kletterten über massenhaft Barrikaden, die gestern gebaut worden waren, begrüßten Aktivist*innen und lauschten im ehemaligen und hoffentlich bald wieder auferstehenden Baumhausdorf Oaktown den Lebenslauten, dem wundervollen Protestorchester, das 2014 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde.
    Ich bin platt, dieses Wochenende war der Hammer und die gebührendste Art und Weise, die gerade begonnene zweite Rodungsverhinderungssaison im Hambi zu feiern. Danke, BUND und OVG Münster, danke Aktivistis und Waldschützer*innen, danke Michael, Eva, Todde, Bodo, Gerd, Klaus, Gary und all die Vielen, deren Namen ich hier noch nennen könnte oder auch nicht, weil ich sie gar nicht kenne – es ist so toll, Teil einer so erfolgreichen und schönen Bewegung zu sein. Möge es so konstruktiv und positiv weitergehen!
    Hambi bleibt!

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