Tarnkappe – eine paranoide Episode

Es wäre so schön, sich unsichtbar machen zu können. Zuerst wären endlich mal gleiche Voraussetzungen hergestellt, denn ich und Blindfische meinesgleichen sehen Euch, die visuell funktionstüchtigen Menschen nie, während Ihr uns ständig beobachten könnt.

Ich sitze in meinem Baustellen-Wohnzimmer neben der offenen Terrassentür. Weder vom Gartentor noch von der Haustür aus bin ich sichtbar. Von vor dem Haus schaut mensch durch die hässliche Butzenscheibentür nur auf eine Wand mit halb abgefummelter, Beschreibungen zufolge sonderbar grün-braun-gemusterter Tapete – eine hervorragende nicht-Sichtachse! Bloß, wenn jemand von hinten sehr weit in den Garten hineinliefe, also den Zaun und die Bäume als Grenze ignorierte, könnte sie oder er über die Terrasse ins Wohnzimmer schauen. Und da es draußen hell ist, während ich hier drinnen im Dunkeln sitze, wäre es auch dann noch schwierig, etwas zu erkennen.

Wenn ich jetzt aber auf die Toilette gehen wollte, müsste ich durch die Diele direkt auf die teils durchsichtige Haustür zu laufen. Wenn ich mir etwas zu trinken holen wollte, müsste ich in die Küche gehen und wäre durchs Küchenfenster sichtbar, wenn auch nur zwischen den Zweigen des Vorgartens hindurch. Wenn jemand zum Haus kommen würde, würde meine Hündin Arzu sofort zur Tür laufen und entweder eine freudige Begrüßung oder ein lautes Belltheater veranstalten. Dann wüsste eine Person vor der Tür auf jeden Fall, dass jemand zu Hause ist, egal, ob ich vorher sichtbar war oder nicht.

Von innen durch die geschlossene Tür hindurch hätte ich keine Chance herauszufinden, wer vor der Tür stände. Jeder sehende Mensch würde einfach durch die Glasscheiben schauen. Wenn ich, wie jetzt, keine Lust auf Besuch habe, kann ich ein Klingeln ignorieren, da ich ja von der grün-braunen Wand verdeckt bin. Arzu könnte ja auch alleine hier sein. Wie ungewöhnlich das wäre, wüsste die außenstehende Person ja nicht. Ich könnte mich also einfach tot stellen – solange jemand von vorne käme. Käme jemand durch den Garten und wäre dreist genug, alle Regeln der Privatsphäre zu missachten, könnte diese Person mir aber im wahrsten Sinne des Wortes in den Rücken fallen. Egal, von wo der/die/das Eindringling käme: Selbst, wenn die Person vor mir stände, wüsste ich nicht, um wen es sich handelt. Das könnte ich erst herausfinden, wenn die Person etwas sagt. Allerdings bin ich erstens im Erkennen von Stimmen nicht die Schnellste und zweitens legt das ganze Szenario ja nahe, dass die Person vielleicht gar nicht identifiziert werden wollen würde. Ich wäre, deutlich gesagt, ein sehr leichtes Opfer.

Wenn Menschen nicht nur durch Fenster oder Türen meine Bewegungen sehen sondern direkt mit mir interagieren, beobachten sie mich noch viel penetranter als die fiktiven Fremden vor oder hinter dem Haus. Jede meiner Bewegungen und Handlungen wird möglicherweise registriert und kommentiert, in die kleinsten Regungen werden Absichten hineininterpretiert und ich muss mich oft für den letzten Unsinn rechtfertigen. Ich kann in Gesellschaft Sehender beispielsweise nicht einfach mit der Hand auf dem Tisch herumgucken und erkunden, wo sich welche Gegenstände befinden. Vielleicht interessiert mich einfach nur, was für ein Sammelsurium von Dingen gerade auf dem Tisch liegt, aber mein Gegenüber denkt mit großer Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendetwas suche. Ich muss dann Hilfsbereitschaft oder blöde Kommentare abwehren, wohingegen ich die Bewegungen meines Gegenübers gar nicht mitbekomme und deshalb auch nicht darauf – passend oder unpassend – reagieren kann. Ein sehender Mensch kann einfach seinen Blick über den Tisch oder durch den Raum schweifen lassen, ohne dass das überhaupt auffallen muss – nichtmal mit blöden Kommentaren anderer sehender Menschen muss er oder sie also rechnen.

Ich empfinde diese Ungleichheit als sehr nervig. Zwischen mir und dem überwiegend sehenden Rest der Welt gibt es im visuellen Bereich eine Art Einbahnstraße. Ich bin den Blicken Aller ausgeliefert, während ich selbst keinerlei visuelle Information über meine Umwelt bekomme. Ich fühle mich transparent und geradewegs gläsern, während meine Umgebung für mich vollkommen opak und kryptisch bleibt. Wenn mir diese Einbahnstraße dann auch noch ständig von sehenden Mitmenschen aufs Brot geschmiert wird, indem sie mein Verhalten kommentieren, obwohl es überhaupt nicht dazu gedacht ist, kommentiert zu werden, macht mich das wütend und aggressiv. Das Dumme ist nur: Diese ständige Beobachterei passiert ohne Absicht und bösen Willen. Es ist ein ganz natürlicher Reflex aller Lebewesen, mit allen verfügbaren Sinnen ihre Umgebung zu scannen. Bewegungen nimmt vermutlich jedes Gehirn besonders intensiv wahr und sie ziehen die Aufmerksamkeit und somit die Konzentration der Sinne unmittelbar auf sich. Ich würde sagen, es ist dabei egal, ob es um gesehene, gehörte oder taktil wahrgenommene Bewegung geht, vielleicht sogar gerochene oder geschmeckte. Das Sehen ist aber nunmal, sofern mensch es kann, der primäre Sinn und Bewegungen sind am einfachsten visuell wahrzunehmen.

Sehende Menschen können dementsprechend ihre Fixierung auf visuell wahrgenommene Bewegungsreize gar nicht abschalten. Diese schnell abrufbare Aufmerksamkeit ist Teil vieler Prozesse, vor allem ist sie ein Kern der Kommunikation. Auf den Ebenen von Körpersprache, Gestik und Mimik wird so viel Information kommuniziert, die den verbalen Ausdruck ergänzt oder sogar ersetzen kann. Aber mir fehlt dieser ganze Kommunikationskanal – zumindest eben in einer Richtung. Meine nonverbalen Signale kommen ungefiltert bei meinem Gegenüber an, während ich über die Signale meiner Gesprächspartner*innen nur rätseln kann. Das ist eine unbeabsichtigte und wohl auch unabänderliche strukturelle Diskriminierung, eine systemimmanente und für die allermeisten Menschen unbewusst passierende Ausgrenzung.

Mir als Kommunikationswissenschaftlerin, die ihre Abschlussarbeit zu Teilen über genau diesen Themenbereich geschrieben hat, ist dieser unkorrigierbare Missstand viel zu bewusst, als dass ich ihn ignorieren könnte. Wenn ich also auch nur ansatzweise schlecht gelaunt oder angespannt bin, habe ich Angst davor, beobachtet oder aus einem „Hinterhalt“ überrascht zu werden. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie vielen anderen blinden Menschen es ähnlich geht oder ob es den meisten vielleicht völlig egal oder gar nicht bewusst ist. Ich kann nur eindringlich alle Sehenden bitten: Erspart uns Eure Kommentare, denn alles, was Ihr uns damit sagt ist „Bätsch, ich sitze in meinem sicheren Versteck und sehe genau, was du tust, du blindes Huhn!“. Der Effekt geht nicht dadurch weg, dass er nicht benannt wird, aber zumindest legt Ihr dann nicht permanent Eure Finger in eine unheilbare Wunde. Seid rücksichtsvoll, kommentiert nicht irgendwelche irrelevanten Verhaltensweisen mit blöden Sprüchen, warnt uns frühzeitig, wenn Ihr Euch aus einer möglicherweise unerwarteten Richtung nähert und verbalisiert Dinge, die Ihr nonverbal ausdrückt, damit wir eine Chance haben, Euch zu verstehen. Alles Andere ist unfair und unsolidarisch, denn Ihr nutzt dann schamlos auf unsere Kosten eure Vorteile aus.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Tarnkappe – eine paranoide Episode

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.