Die Agentur fürs Abstellgleis

Bevor ich mich als Texterin selbstständig machte, war ich für einige Jahre bei der Agentur für Arbeit arbeitssuchend gemeldet. Auch während der Selbstständigkeit blieb das die meiste Zeit so, schließlich hätte ich durchaus gerne eine halbe Stelle bei irgendeinem netten Unternehmen oder Verein, um zusätzlich zur oft schwer kalkulierbaren Freiberuflichkeit regelmäßige Einkünfte zu generieren.

Zwischendurch ließ ich meine ASU-Meldung immer wieder auslaufen, denn eigentlich brachte das alles herzlich wenig. Ich bekam alle paar Monate einen Vermittlungsvorschlag zugeschickt und selbst dann passten die meisten der vorgeschlagenen Stellen vorne und hinten nicht auf mich. Entweder forderten die Arbeitgeber*innen Fachwissen in mir völlig fremden Themenfeldern, verlangten nach Jahre langer Berufserfahrung oder suchten explizit eine Person, die sich in der Öffentlichkeitsarbeit gleichermaßen um textliche Inhalte wie um Layout, Bildbearbeitung und andere graphische Dinge kümmerte. Solche Aufgaben kann ich blindheitsbedingt schlicht nicht erledigen. Erfahrung hatte ich zwar reichlich, allerdings nur aus dem ehrenamtlichen Bereich. Und Ahnung von allen Fachthemen hat wohl niemand. Ich bewarb mich dementsprechend auf kaum eine der mir vorgeschlagenen Stellen. Manchmal kamen auch Vermittlungsvorschläge für Stellen, deren Bewerbungsfrist längst abgelaufen war. Auch das motivierte mich eher weniger, dort noch Bewerbungen hinzuschicken.

Wenn ich mich irgendwo bewarb, ging es um Stellen, die ich selbst recherchiert hatte. Ich wurde erstaunlich oft zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, meistens liefen diese auch gar nicht schlecht, aber letztlich wollten sie mich doch alle nur als Quotenbehinderte im Bewerbungsverfahren und hatten vermutlich von vornherein nicht vor, mich wirklich anzustellen. Dokumentieren musste ich den Unsinn für meine Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur trotzdem.

Meine Sachbearbeiterin ist nur deshalb für mich zuständig, weil ich eine Behinderung habe. Die gelangweilte Dame kurz vor der Pensionierung kümmert sich um alle arbeitssuchenden Menschen mit Behinderung in der Stadt. Es wirkt ein bisschen so, als hätte die Arbeitsagentur diese Stelle extra mit einer Person besetzt, die nicht viel auf die Reihe bekommt, weil bei Schwerbehinderten ja eh Hopfen und Malz verloren sind und sich da niemand besonders Mühe zu geben braucht – die perfekte Aufgabe für eine motivationslose Person, die noch irgendwie bis zur Rente durchgeschleift werden muss. Ich weiß, das ist missgünstig und gemein, aber genau diesen Eindruck hatte ich jedes Mal, wenn ich dort war. Die Frau war spürbar überfordert damit, meine Qualifikationen und möglichen Arbeitsfelder in ihren Computer einzugeben, schien nur bedingt zu begreifen, was ich ihr zu erklären versuchte und musste selbst die Frage nach der Finanzierung einer einfachen Softwareschulung an einen Kollegen delegieren, weil sie die Antwort nicht wusste. Immerhin verstand sie, dass sie mir keinen Job in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung anbieten konnte, aber vermutlich wusste sie eben deshalb nichts mit mir anzufangen.

Wenn sie mich zu Terminen einbestellen oder mir einen der seltenen Vermittlungsvorschläge zukommen lassen wollte, tat sie das mit konstanter Boshaftigkeit per Post, während ich mit ihr immer wieder per e-Mail zu kommunizieren versuchte. E-Mails sind im Gegensatz zu Papierbriefen direkt barrierefrei lesbar. Papierbriefe muss ich einscannen und mit einer Texterkennungssoftware bearbeiten, um sie mir zugänglich zu machen. Trotz meines wiederholten Hinweises auf diese unnötige Barriere bekam ich auf meine Mails immer wieder Antworten per Post, selbst wenn es bloß um eine banale Terminverschiebung oder Dergleichen ging. Obwohl die Dame vermutlich schon seit Jahren die Fälle von Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen bearbeitete, hatte sie keinen Funken von Empathie oder Verständnis gegenüber den Belangen und Bedürfnissen ihrer Klient*innen entwickelt – geschweige denn die Bereitschaft, von Routinen abzuweichen und eigene Arbeitsmethoden zu hinterfragen.

Einmal erhielt ich einen Brief der Arbeitsagentur, in dem mich ein anderer Sachbearbeiter zum Gespräch einlud. Diesmal handelte es sich um den Ansprechpartner für Akademiker*innen. Ich frohlockte innerlich: Hatte die Agentur endlich gemerkt, dass ich nicht nur behindert sondern auch Hochschulabsolventin bin und wollten sie mich am Ende sogar aus den Fängen meiner bisherigen Sachbearbeiterin befreien, um mir eine ernsthafte Vermittlungschance angedeihen zu lassen? Das Treffen mit dem Sachbearbeiter, einem aufgeschlossenen und aufgeweckten älteren Herrn, lief richtig gut. Er wusste, was er tat, und trug alle möglichen Informationen über mich in seine Software ein. Endlich hatte das Ganze einen nachvollziehbaren Bezug zu Dingen, die ich gelernt hatte. Und endlich saß mir ein Mensch gegenüber, der verstand, was ich konnte, suchte und brauchte.

Leider stellte der gute Mann am Ende des Gesprächs mit aufrichtigem Bedauernfest, dass ich trotz allem eigentlich nur zur falschen Person geschickt worden war und doch wieder zu meiner alten Sachbearbeiterin musste. Ich war wohl von der Software falsch zugeordnet worden, weil ich gleichzeitig schwerbehindert und Akademikerin bin. Das ist im System nicht vorgesehen und anscheinend ist mein Status als Akademikerin dem als Schwerbehinderter nachgeordnet. So verschwanden dann auch alle Daten, die der verständige Sachbearbeiter eingegeben hatte, mit einem Mausklick wieder aus dem System und meine Zuversicht war dahin. Bei der Sachbearbeiterin für Menschen mit Behinderung fühlte sich alles nach Abstellgleis an. Dieses Abstellgleis hatte ich noch nie für meine Welt gehalten und es war irgendwie schmerzhaft, so nachdrücklich darauf zurückgeworfen und auf meine Behinderung reduziert zu werden.

In Sachen Teilhabe und Barrierefreiheit bekleckert sich die Arbeitsagentur allerdings auch sonst nicht mit allzu viel Ruhm. Ein Sicherheitsmensch am Eingang versuchte einmal, mich mit meiner Hündin aus dem Gebäude zu verweisen, obwohl Arzu deutlich als Blindenführhund erkennbar war. Ich klärte ihn über den Sinn und die Aufgaben eines solchen Hundes auf und er ließ mich mit gnädiger Geste vorbei. Erst hinterher fiel mir ein, dass ich ihn eigentlich hätte fragen müssen, wo denn die Arbeitsagentur ihre Operationssäle, die Intensivstation oder lebensmittelverarbeitende Betriebe hat. Nur in solchen Bereichen haben Assistenzhunde aus Gründen der Hygiene wirklich nichts verloren. Überall da, wo Menschen ohne besondere Vorkehrungen in Straßenschuhen und -klamotten rumlaufen dürfen, ist auch ein Hund kein Problem.

Da ich mich vor Kurzem zur Abwechslung mal wieder arbeitssuchend gemeldet habe, werde ich meiner Sachbearbeiterin wieder einen Besuch abstatten müssen. Das Spielchen mit Briefen und e-Mails ist bereits in vollem Gange und da ich wegen des Lebens auf der Baustelle gerade einfach keinen funktionierenden Scanner habe, sind Papierbriefe für mich momentan nicht nur ärgerlich sondern komplett kryptisch. Anstatt mit mir einen Termin per Mail abzustimmen oder die offenen Fragen einfach telefonisch zu klären, schickt meine Sachbearbeiterin mir Brief um Brief – jedes Mal mit gleichlautendem Text, nur jeweils einem neuen Termin. Wenn ich es schaffe, diese Briefe rechtzeitig von einer sehenden Assistenzperson vorgelesen zu bekommen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich den anberaumten Termin wegen anderer Verpflichtungen nicht wahrnehmen kann, trotzdem extrem hoch. Ich bin gespannt, wie viel Porto, Briefumschläge, Druckerpapier und Nerven meine Sachbearbeiterin noch strapazieren will, anstatt mir einfach mal auf eine e-Mail zu antworten.

3 Gedanken zu “Die Agentur fürs Abstellgleis

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