Phantasien II

In meinem Blogbeitrag „Phantasien I“ habe ich beschrieben, wie Personen im öffentlichen Raum auf Arzu und mich als Führgespann reagieren. Leute haben alle möglichen Klischees über blinde Menschen und Blindenführhunde im Kopf, die viele Gedankenlosigkeiten und Wissenslücken der vermeintlich nicht-behinderten Durchschnittsgesellschaft offenbaren. Hier möchte ich nun von ein paar Erlebnissen erzählen, die nicht nur Lücken sondern große, schwarze Löcher vermuten lassen. Es gibt Menschen, die scheinbar noch nie eine Person mit Langstock oder einen Hund im Führgeschirr gesehen haben. Es kommt nicht häufig vor, aber gelegentlich bin ich schon Menschen begegnet, die Beides gar nicht oder nur absolut falsch interpretieren konnten.

Vor ein paar Jahren kam ich, während ich mit Arzu auf einen Bus wartete, mit einem Mann ins Gespräch. Von der belanglosen Unterhaltung blieb mir nur seine kreative Fehlinterpretation des Blindenführhundgeschirrs in Erinnerung: Er hatte nicht verstanden, dass ich blind bin und Arzu mich führt, sondern dachte, das Geschirr mit dem Griff sei dazu da, dem Hund Halt und Stabilität beim Laufen zu geben. Je nach Blickwinkel hatte dieser Gedankengang eine gewisse Logik: Ein Halte- oder Tragegeschirr als Laufhilfe für einen kranken oder behinderten Hund ist schließlich eine plausible Idee? Dass so eine Vorrichtung ganz anders konstruiert sein müsste als ein Führgeschirr, ist auf den ersten Blick wahrscheinlich nicht so genau zu erkennen.

Es scheint für viele Menschen unklar zu sein, wer in einem Führgespann welche Rolle spielt. Ich bin beispielsweise auch schon erstaunlich oft – nicht nur von Kindern – gefragt worden, ob mein Hund blind sei oder ich. Vielleicht haben mehr Menschen, als ich denke, noch nie einen Blindenführhund bei der Arbeit gesehen und deuten eine solche Erscheinung aus dem hohlen Bauch heraus völlig falsch. Der Mann aus der beschriebenen Begebenheit hatte in dieser Hinsicht einfach ein Erfahrungsdefizit, das ich ihm persönlich nicht vorwerfen kann.

Eine etwas verwirrendere Geschichte erlebte ich vor vielen Jahren zu Beginn meines Studiums. Auf dem Weg zu einem Seminar sprach mich ein Student, vermutlich aus meinem Semester, von der Seite an: „Na, immernoch verletzt?“. Ich verstand nicht, was er mir sagen wollte, und brachte das irgendwie zum Ausdruck. Er sagte sowas wie „Na deshalb!“, wobei er wohl auf meinen Langstock zeigte, was ich aber natürlich nicht mitbekam. Ich reagierte entsprechend verständnislos und bekam weitere, ähnlich unbefriedigende Antworten. Der arme Kerl wurde immer unsicherer, aber dann kam es raus: „Na, wegen dem Ding da in deiner Hand“. Er hatte den Langstock, mit dem ich deutlich sichtbare Pendelbewegungen auf dem Boden machte, für eine Art Krücke gehalten. Ich wiederum hielt ihn nun endgültig für einen Vollidioten, sagte aber nichts Dergleichen. Stattdessen erklärte ich ihm freundlich, wozu so ein Stock da ist, und ließ den staunenden Ersti, der mich wohl eigentlich anbaggern wollte, dann einfach stehen.

Der Langstock ist im Wesentlichen eine weiße Stange, insofern mag er einer Krücke ähneln. Aber erstens ist er deutlich länger und dünner, hat einen völlig anderen Griff sowie eine völlig andere Spitze und zweitens benutzt mensch ihn völlig anders. Auf die senkrecht und eher neben dem Körper gehaltene, stabile Krücke stützt mensch sein ganzes Körpergewicht, um beispielsweise ein verletztes Knie zu entlasten. Der leichte, biegsame Langstock wird, während mensch ihn vor dem Bauch locker in der Hand hält, schräg nach vorne gleichmäßig und ohne Druck über den Boden gependelt. Ich würde diese Bewegung durchaus als fließend bezeichnen, während das Laufen an Krücken oft etwas Verkrampftes hat. Nur, wer kein Konzept von Physik hat und noch nie einem blinden Menschen mit Langstock begegnet oder an Krücken gelaufen ist, kann Krücke und Langstock verwechseln.

Etwas tatsächlich Beleidigendes passierte mir, als ich 13 oder 14 war. Ich stand an der Bushaltestelle, um nachmittags von der Schule nach Hause zu fahren. Ein Bus hielt vor mir an, ich stellte einen Fuß in die offene Tür und fragte, wie ich es immer tue, den Fahrer nach der Buslinie. Dabei hielt ich meinen Langstock deutlich sichtbar vor dem Körper, da ich ihn ja gerade dazu benutzt hatte, den Einstieg des Busses zu ertasten. Anstatt mir die Liniennummer zu nennen, schnauzte der Busfahrer mich an: „Steht vorne drauf, kannst du nicht lesen?“ Ich war ziemlich baff, hatte ich mich doch ordnungsgemäß und unübersehbar als blind gekennzeichnet. Damals war ich sehr schüchtern und alles andere als schlagfertig, aber ich antwortete dennoch etwas wie „Nein, kann ich nicht, ich bin blind“, wobei ich ihm den Stock förmlich unter die Nase hielt und mit der Spitze laut hörbar auf den Plastikfußboden des Busses fallen ließ. Noch immer sehr unwirsch sagte er mir, welche Linie er fuhr. Es war nicht die, die ich nehmen wollte, so dass ich den unfreundlichen Deppen ziehen lassen konnte.

Möglicherweise hatte der Fahrer bloß nicht in meine Richtung geschaut und den Stock daher nicht gesehen. Es kann aber durchaus auch sein, dass ihm ein Langstock unbekannt war oder dass er an dieser Bushaltestelle, fernab von jeder Blindenschule, nicht mit einer blinden Jugendlichen rechnete und den Stock daher einfach für etwas Anderes hielt. Einige Jahre später, als ich nachts ein Taxi rief, um von einer Verabredung nach Hause zu fahren, hielt die Taxifahrerin im ersten Moment mich für betrunken und meinen Stock für den Stiel eines Wischmops. Als ich in ihr Taxi einstieg bemerkte sie aber ihren Irrtum und entschuldigte sich belustigt. Der Busfahrer hingegen schien überhaupt nicht zu bemerken, dass er mir Unrecht getan und mich diskriminiert hatte. Oder er hatte eine so negative Meinung über Schüler*innen im Allgemeinen, dass er sich aus Prinzip bei ihnen für gar nichts entschuldigte. Alle diese Möglichkeiten mache ich ihm ruhigen Gewissens zum Vorwurf.

Zu guter Letzt muss ich noch eine Begebenheit erzählen, in der ich weder Stock noch Hund dabei hatte. Offensichtlich gekennzeichnet war ich also nicht, was von unbeteiligten Beobachter*innen natürlich etwas mehr Kombinationsgabe verlangt. Die Geschichte passierte mir auf meiner eigenen Abiturfeier. Wir feierten in einem Raum, der mir erstens bekannt und zweitens für eine effektive Nutzung des Langstocks zu eng und wuselig war. Außerdem wollte ich beim essen, rumlaufen und auf der Bühne beim Background singen in unserer Abi-Band nicht ständig etwas in der Hand haben und war zudem eh in Begleitung da, so dass mich immer jemand führen konnte, wenn ich irgendwo hin wollte. Ich ging davon aus, dass meine Mitschüler*innen mich schließlich kannten und ihren Eltern und sonstigem Anhang schon erklären würden, warum ich mich vielleicht manchmal sonderbar verhielt.

Leider hatte ich mich da verschätzt. Einige Tage später erfuhr ich von einem Freund, dass sich auf der Feier viele Gäste über mich das Maul zerrissen hatten. Ich sei wohl auf Drogen, ich würde immer so unfokussiert in die Luft starren, außerdem würde ich so unsicher laufen, müsste mich scheinbar stützen lassen und sei überhaupt seltsam. Offenbar hatte sich keine*r meiner Mitschüler*innen die Mühe gemacht, das Missverständnis aufzuklären. In Folge dieses Erlebnisses habe ich mir angewöhnt, mich in öffentlichen und für mich relevanten Situationen immer zu kennzeichnen. Dass das auch nicht immer hilft, zeigen die anderen Geschichten, aber zumindest haben die Leute dann eine Chance, mein Verhalten richtig einzuordnen. Es gibt kaum etwas Beschämenderes und Ärgerlicheres, als so völlig falsch eingeschätzt und daraufhin falsch behandelt, verurteilt und beleidigt zu werden.

Zum Glück erlebe ich in den letzten Jahren immer häufiger, dass Menschen mich sogar ohne sichtbare Kennzeichnung einfach aufgrund meines Verhaltens sofort korrekt als blind identifizieren und entsprechend reagieren. Wenn ich mich dann bedanke und aufrichtig freue, sind die Leute oft verwundert, weil sie es völlig logisch finden, meine Signale entsprechend zu deuten. Ich weiß aber, wie wenig selbstverständlich das ist und danke hiermit ganz offiziell allen aufmerksamen, mitdenkenden und wachen Menschen! Inklusion wirkt eben langsam und die Öffentlichkeit gewöhnt sich erst nach und nach daran, dass Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen und Hilfsmitteln zum alltäglichen, gesellschaftlichen Leben dazugehören. Menschen brauchen offenbar sehr lange, um diesen Umstand zu begreifen, die richtige Wahrnehmung und Strategien dafür zu entwickeln. Dass Situationen wie die hier beschriebenen immer seltener werden, halte ich für ein sehr gutes Zeichen.

PS: Falls jemand den uralten Witz noch nicht kennt: Ein blinder Mensch läuft mit dem Langstock pendelnd eine Straße entlang. Ein Passant spricht ihn an „Und, haben sie schon Wasser gefunden?“
Spoiler: Der Passant hält den Langstock für eine Wünschelrute.

4 Gedanken zu “Phantasien II

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