Ein neues Ei im Nest – oder: Welches H fehlt in diesem Wort?

Kurz vor dem langen Osterwochenende waren wir beim Notar. Ja, ich habe den Kaufvertrag für unser_ Haus unterschrieben. Aber auch, wenn es sich noch so gut und richtig anfühlt und wenn wirklich böse Überraschungen relativ unwahrscheinlich sind, steht doch immer und ganz natürlich diese nagende Unsicherheit im Hintergrund. Hoffentlich haben wir uns nicht pünktlich zum Eierfest ein Ei ins Nest gelegt.

Passend zu Ostern wäre es aber auf jeden Fall ein sehr buntes Ei. Das fängt schon bei den beteiligten Personen an. Die Eigentümer*innen, eine Erbengemeinschaft aus zwei Brüdern und einer Schwester, böten schon für sich alleine genug Stoff für einen Roman. Die Schwester lebt weit weg auf einem anderen Kontinent und tritt daher leider nicht in Erscheinung, die beiden Brüder sind unterschiedlich wie Tag und Nacht. Der jüngere, ein ziemlich schräger Vogel, bewohnt seit dem Tod der Mutter im vergangenen Herbst alleine das Haus. Dort bemalte er unter Anderem eine Wand im nicht ausgebauten Dachgeschoss mit dem psychedelischen Bild eines Auges. Als er Arzu sah, brach er spontan in Tränen aus, weil sie ihn an seine frühere Hündin erinnerte. Anschließend war er vor Begeisterung über unsere Hunde und uns kaum noch zu bremsen.

Der Ältere, bis auf einen halben Monat genau gleichalt wie mein Vater, kümmert sich um den Verkauf und pendelt dafür in letzter Zeit ständig zwischen seiner großen WG in Süddeutschland und dem Aachener Elternhaus. Er selbst hat dort – auf dem Dachboden – nur einige Monate seines Lebens verbracht. Dennoch hat er alle Unterlagen fein säuberlich geordnet und weiß über alles Wichtige das Haus betreffend Bescheid. Er ist im besten Sinne Bodenständig und sehr organisiert, aber ohne den geringsten Ruch der Spießigkeit. Mit beiden Brüdern waren wir nach Kurzer Zeit beim Du und regelten mit dem Älteren alles Mögliche beinahe am eigentlich auch noch irgendwie involvierten Makler vorbei.

Der Makler, die Finanzierungsberater von der Bank, der Notar, all diese formalen Kontakte, die halt dazugehören, wirkten auch nicht wie kapitalistische Monster, sondern gaben sich redlich Mühe, menschlich und nett zu sein. Beim Notar war es eigentlich sogar relativ lustig. Nicht nur, dass der Vertreter des selbst verhinderten Notars die unterm Tisch schlafende und erstaunlicherweise mal nicht schnarchende Arzu erst am Ende des Termins bemerkte und sich nach bisher eigentlich allen Beteiligten auch noch als Hundehalter und -fan entpuppte.

Beim verlesen des Kaufvertrags fiel auf, dass es für den Namen der Straße, an der unser neues Haus liegt, zwei verschiedene Schreibweisen gibt. Die meisten Grundstücke an dieser Straße sind im Grundbuch ohne ein „h“ an einer bestimmten Stelle geschrieben. Die Grundstücke, die seit dem Bau der Siedlung noch nie die Besitzer*innen gewechselt haben, firmieren aber offenbar noch unter einer alten, mittlerweile geänderten Schreibung mit „h“. Ich sagte, mir sei das egal, ich würde das Haus auch mit „h“ kaufen. Der als Eigentümer agierende ältere Bruder meinte, das sei ja klar, wenn mensch mit Nachnamen Heuser hieße. Und der Makler oder der Notarsvertreter kommentierte nur trocken „Ich kaufe ein H!“.

Bisher war das alles so angenehm, dass ich frei nach klassisch missverstandener Stochastik schon fast Angst bekomme, weil bald etwas verdammt schiefgehen muss. Vor diesem potentiellen Ei im Nest gruselt es mich ein wenig. Aber ich will nicht abergläubisch sein sondern halte es lieber mit Friedemann Schulz von Thun. In seinem kommunikationstheorethischen Standardwerk „Miteinander reden“ schreibt er die für mich unbestreitbaren Zeilen „Tatsächlich ist das Wirkungsgeflecht einer Handlung unmöglich vorauszusagen. Die einzige Möglichkeit, die Wirkungen zu erfahren, besteht darin, die Handlung zu riskieren und sich überraschen zu lassen“. Genau, wir riskieren es und sind unglaublich gespannt auf die Wirkungen und Überraschungen!

24 Gedanken zu “Ein neues Ei im Nest – oder: Welches H fehlt in diesem Wort?

  1. kommunikatz sagt:

    Wow, jetzt haben wir einen Schlüssel und können anfangen, Angebote einzuholen, Handwerker*innen zu beauftragen und selbst herumzuwerkeln. Heute Abend waren wir im Haus, haben mit dem älteren Bruder und mehreren Nachbar*innen auf den Anlass angestoßen, sehr nett gequatscht, Formalia wie Übergabeprotokoll und Zählerstände ablesen erledigt und wieder festgestellt, wie gut und richtig sich das alles anfühlt, inkl. der Menschen und Stories. To be continued 🙂

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  2. kommunikatz sagt:

    Achja, ein anderes H fehlt übrigens leider nicht: Der Energiepass unseres neuen Hauses weist die erschreckend unterirdische Energieklasse H aus. Dagegen tun wir sehr bald etwas in Form von Dachbodendämmung, Austausch der Heizung und Umwandlung der Loggia in einen Wintergarten für Arme 😉

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