Highly contrary

Nach „Highly dysfunctional“ war es eigentlich klar. Heute ging, nachdem ich schon vor ein paar Tagen fristwahrenden Widerspruch eingelegt hatte, nun auch die ausführliche Begründung auf den Postweg. Die Vorgeschichte lest Ihr in den restlichen Beiträgen der Highly-Reihe. Es geht um die Ablehnung meines Antrags auf Kostenübernahme für medizinisches Cannabis durch meine Krankenkasse.

Mein Brief enthält im Wesentlichen die Punkte, die ich schon hier im Blog geschildert habe. Der Vollständigkeit halber dokumentiere ich ihn aber, da ich darin versuche, die Argumentation auf anderthalb DIN A4-Seiten einzudampfen.

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Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr $Sachbearbeiter,

wie bereits am 15.02.18 per e-Mail und am 16.02.18 telefonisch mitgeteilt, lege ich gegen Ihren Ablehnungsbescheid vom 15.01.18 Widerspruch ein. Ich habe mir damit so viel Zeit gelassen, da ich zunächst der Empfehlung des MDK folgen und das Medikament Sativex ausprobieren wollte.

Der Test hat leider die Unpraktikabilität des Medikaments für meinen Fall ergeben. Eine Wirkung liegt zwar vor, jedoch ist diese nicht ideal und die Nebenwirkungen in der empfohlenen Darreichungsform sind für mich sehr einschränkend. Laut Beipackzettel soll Sativex über den gesamten Tag verteilt angewendet werden. Das hat eine ständige Präsenz der sedierenden, verlangsamenden und die Orientierungsfähigkeit beeinträchtigenden Seiteneffekte zur Folge. Für eine im Arbeitsleben stehende und auf körperliches sowie geistiges Funktionieren angewiesene Person wie mich ist dies im Alltag nicht tragbar.

Meine Blindheit und der durch die MS geschädigte Gleichgewichtssinn beeinträchtigen meine Mobilität bereits stark. Die Sativex-Nebenwirkungen erschweren meine selbstständige Teilhabe am öffentlichen Leben noch zusätzlich. Unter Sativex-Einfluss kann ich wegen meiner verlangsamten Reaktionen und des Verlusts meines Gleichgewichtssinns nicht sicher am Straßenverkehr teilnehmen. In diesem Zustand traue ich mich weder den Langstock noch meine dankenswerterweise durch Sie finanzierte Blindenführhündin Arzu als Hilfsmittel zu nutzen. Ein sehender Mensch wäre so auch nicht mehr in der Lage, ein Fahrzeug zu steuern. Meine berufliche Tätigkeit als selbstständige Texterin und Übersetzerin kann ich mit Sativex-Nebenwirkungen ebenfalls nicht effektiv ausüben, was langfristig meinen Lebensunterhalt gefährden würde.

Die standardisierte Wirkstoffzusammensetzung von Sativex wird aber auch, wenn ich es abweichend von der Empfehlung nur abends anwende, meinem Bedarf nicht gerecht. Von einzelnen Cannabis-Sorten kenne ich eine deutlich weniger sedierende und desorientiert machende Wirkung. Eine solche würde ich angesichts meiner ohnehin bestehenden Einschränkungen stark bevorzugen. Ein Präparat wie Sativex, das mehr einschränkende Symptome produziert als es lindert, ist eindeutig ineffizient.

Der therapeutische Nutzen von Cannabis liegt für mich hauptsächlich in der Langzeitwirkung. Ich benötige daher eine Darreichungsform, bei der ich Art und Zeitpunkt der Einnahme selbst bestimmen und so organisieren kann, dass die akuten Auswirkungen meinen Alltag nicht beeinträchtigen. Mit Sativex ist dies nicht möglich, mit Cannabisblüten jedoch schon. Diese muss ich nicht im Laufe des gesamten Tages konsumieren, sondern kann mich hiermit auf Zeiten beschränken, in denen ich weder arbeiten noch mobil sein muss. Zudem kann ich Sorten auswählen, die möglichst wenige der unerwünschten Nebenwirkungen und möglichst viele positive Effekte haben.

Ich bitte Sie nachdrücklich, Ihre Ablehnung der Kostenübernahme für weniger stark verarbeitete Cannabismedikamente nach § 31 Abs 6 SGB 5 unter diesen Aspekten zu überdenken. Dies ist auch unter finanziellen Gesichtspunkten stark angeraten, da Sativex mit Abstand teurer ist als beispielsweise Bedrocan-Blüten. Durch eine Bewilligung meines ursprünglichen Antrags helfen Sie daher nicht nur mir sondern sparen auch signifikante Ausgaben ein.

Ich danke Ihnen für Ihre Mühe und Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen

Lea Heuser

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2 Gedanken zu “Highly contrary

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