Highly stupid

Schon Mitte Januar hat meine Krankenversicherung meinen Antrag auf die Kostenübernahme für medizinisches Cannabis freundlich aber bestimmt abgelehnt. Heute habe ich nun endlich mit meiner Ärztin das weitere Vorgehen besprochen und setze nun die Dokumentation der Geschichte fort. Mein Sachbearbeiter führt in seinem Schreiben netterweise relativ konkret aus, wie die Ablehnung zustande kommt. Deshalb kann ich hier entsprechend detailliert darauf eingehen, was ich bei Zeiten auch gegenüber der Krankenkasse tun werde.

Der Sachbearbeiter nennt in seinem Schreiben zwei Voraussetzungen, die für die Kostenübernahme erfüllt sein müssen. Erstens muss durch die Behandlung mit Cannabis eine sog. „nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome“ bestehen. Das ist bei mir, wie ich im Beitrag „Highly likely“ beschrieben habe, eindeutig der Fall. Wie ich den Brief verstehe, stellt er das auch nicht in Frage. Zweitens darf es keine alternative vertragliche Behandlungsmöglichkeit geben. Ich kannte beide Bedingungen und ging davon aus, dass auch die zweite erfüllt ist. Aus Sicht des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK), der die Krankenkasse bei der Entscheidung über solche Anträge berät, habe ich mich an dieser Stelle aber geirrt.

Laut meinem Sachbearbeiter hat der MDK festgestellt, dass es für mich sehr wohl „eine alternative Therapiemöglichkeit gibt, die vertraglich erfolgen und mit uns abgerechnet werden kann“. Heißt im Klartext: Sie lehnen meinen Antrag ab, weil es ihrer Ansicht nach sehr wohl eine Alternative für mich gibt. Diese Alternative ist sogar ein Cannabispräparat, das über ein Betäubungsmittelrezept verordnet wird, allerdings fällt es als Fertigarzneimittel nicht unter die medizinischen Cannabisprodukte, die erst seit März 2017 durch Ärzt*innen verordnungs- und durch die Krankenkassen übernahmefähig sind. Es ist bereits seit 2011 auf dem deutschen Markt und kann auch bereits seitdem auf Kosten der Krankenkasse ärztlich verordnet werden.

Das Medikament namens Sativex ist ein Spray, welches auf die Mundschleimhaut gesprüht wird. Es enthält zwar natürliche und nicht synthetisierte Wirkstoffe, davon allerdings nur sehr wenig. In einer Packung sind 30ml, empfohlen sind durchschnittlich ca. 8 Sprühstöße pro Tag. Da die Wirkstoffe THC und CBD in beinahe nur homöopathischen Mengen enthalten sind, ist die Wirksamkeit entsprechend eingeschränkt. Die Darreichungsform ist zudem komplett unflexibel – es ist halt ein Spray, wenn ich aber der Meinung bin, dass ich mit essbaren Produkten, Joints, einer Pfeife oder einem Vaporizer besser zurechtkomme oder eine bessere Wirkung erziele, habe ich Pech. Wenn ich gute Erfahrungen mit einer bestimmten Cannabissorte gemacht habe und genau deren Zusammensetzung – nicht nur von THC und CBD sondern auch der vielen weiteren Cannabinoide und Terpene – haben will, geht ein standardisiertes und hochgradig verarbeitetes Fertigarzneimittel wie Sativex ebenfalls an meinem Bedarf vorbei.

Der eigentliche Negativknaller ist aber der Preis. Die Firma Bayer verlangt für ein 30ml-Fläschchen Sativex sage und schreibe 310,00 Euro. Vergleiche ich das z.B. mit den ebenfalls in der Apotheke erhältlichen Bedrocan- Cannabisblüten, von denen ich 5 Gramm für rund 75 Euro bekäme und womit ich eine wesentlich größere Flexibilität der Einnahmeform und Dosierung hätte, kann ich mich nur ganz stark wundern. Bedrocan fällt im Gegensatz zu Sativex in die Gruppe der Cannabismedikamente, deren Kosten nur auf Antrag von der Kasse übernommen werden. Es erschließt sich mir absolut nicht, wieso die Krankenkassen so sonderbar mit dem Geld ihrer Versicherten umgehen und einfach so ein horrend teures Medikament bezahlen, ein deutlich billigeres aber hinter der Hürde eines Antragsverfahrens verstecken. Selbst Bedrocan ist immernoch deutlich teurer als Gras auf dem Schwarzmarkt, aber immerhin weiß mensch bei Apothekenware, dass sie sauber ist und einer Qualitätssicherung unterliegt. Der Mondpreis von Sativex steht zu den mir bekannten Schwarzmarktpreisen aber in keinerlei nachvollziehbarem Verhältnis mehr.

All das habe ich also heute Vormittag mit meiner Ärztin diskutiert. Sie sah ein, dass Sativex mit großer Wahrscheinlichkeit keine befriedigende Lösung ist und dass es vermutlich auf einen Widerspruch gegen die Ablehnung der Kostenübernahme für andere Cannabismedikamente hinausläuft. Wir waren uns allerdings einig, dass wir dem Zeug zumindest eine Chance geben wollen. Vielleicht sehe ich ja alles viel zu negativ und es wirkt ganz toll, vieleicht tut es das aber auch nicht und ich habe durch den Versuch zumindest eine bessere Argumentationsgrundlage gegenüber der Krankenkasse. Dümmer werde ich davon sicher nicht, also probiere ich es. In den nächsten Tagen werde ich also das heute Mittag bestellte Sativex in der Apotheke abholen und dann hier weiter berichten, sobald es etwas zu berichten gibt. Da meine Ärztin signalisiert hat, dass sie mir auch ein Rezept für beispielsweise Bedrocan oder etwas Vergleichbares geben würde, was ich dann bloß selbst bezahlen müsste, kann ich sogar den Gegentest machen, um meine Krankenkasse ggf. zu überzeugen.

Advertisements

4 Gedanken zu “Highly stupid

  1. kommunikatz sagt:

    Also, erstmal muss ich mich korrigieren: Eine Packung enthält nicht ein 300ml-Fläschchen sondern drei 100ml-Fläschchen, die außerdem ununterbrochen kühl gelagert werden sollen, obwohl das Spray im Wesentlichen eine Alkohol-Lösung ist. So weit, so strange. Allerdings kann ich schon nach dem allerersten Test sagen, dass es eine gewisse, subtile Wirkung hat – und das war nur ein einziger Sprühstoß. Was mich am meisten überrascht, ist aber: Es schmeckt nicht nach Pfefferminze, wie ich irgendwo las, sondern nach authentischen, üblicherweise in Cannabis enthaltenen Terpenen, also den ätherischen Ölen, die dem Kraut seinen kräuterigen, oft waldigen Duft und Geschmack verleihen. Wie die langfristige Wirkung auf meine Symptome aussieht, kann ich natürlich noch nicht sagen, aber bisher bin ich positiv erstaunt. Der Preis als deutlicher Kritikpunkt bleibt jedoch. Wenn wir beim Beispiel Bedrocan bleiben und bedenken, dass im Beipackzettel und verschiedenen Onlineveröffentlichungen nahegelegt wird, pro Woche eine ganze Packung Sativex zu verbrauchen, kostet dieses Fertigarzneimittel das Dreifache von der selben Wirkstoffdosis in Form von Bedrocan. Derartige Blüten sind, wie oben schon erwähnt, viel flexibler einsetzbar und die natürliche Rezeptur der Pflanze enthält eine Vielfalt weiterer Wirkstoffe, die in Sativex auf blankes THC und CBD eingedampft sind.

    Gefällt mir

  2. kommunikatz sagt:

    Achja, besonders nett auch: Im Beipackzettel steht, dass ein Fläschchen wegen der begrenzten Haltbarkeit des Sprays nach spätestens 42 Tagen verbraucht sein muss. Das ist doppelt lustig – wer verstehts? 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s