Albtraumstoffwechsel

Robyn fraß für ihr Leben gern. Sie war immer hungrig und ihre Chefin Lena Hauser konnte sie kaum davon abhalten, alles Fressbare, das auf dem Boden, auf Gehwegen und in der Natur herumlag in sich hineinzumampfen. Meist waren das weggeworfene Essensreste oder heruntergefallene Krümel, aber auch jeglicher andere vorstellbare Unrat war nicht sicher vor Robyn. Es steckte eindeutig so viel Labrador in ihr, dass ihr Sättigungsgefühl genetisch quasi ausgeschaltet war. Lena nannte die schwarze Hündin mit dem seltsamen Wachstumsverhalten und dem guten Traumstoffwechsel deshalb manchmal scherzhaft Staubsauger. Sie ahnte nicht, wie nah sie damit Robyns tatsächlicher Motivation kamen.

Die morgens bernhardiner- und abends nur noch mopsgroße Robyn schnüffelte tagsüber die Nachrichten der anderen Hunde ab. Alles, was sie dabei in sich aufnahm, floss in ihre Träume ein und aus der Vereinigung all dieser Informationen entstanden neue Traumwelten. Diese Traumwelten füllten Robyn über Nacht an und sorgten dafür, dass sie im Schlaf wuchs. Robyn bereicherte sich selbst und die Welt aber nicht nur um ihre nachts erträumten Einsichten, indem sie wiederum tagsüber ihre Botschaften hinterließ. Sie reinigte ihre Umgebung auch von Albträumen.

All die Dinge, die Menschen achtlos wegwarfen oder versehentlich fallen ließen, waren aus Robyns Sicht Fremdkörper, die es zu beseitigen galt. Genauso verfuhr sie mit anderem Verwertbaren wie den Kadavern von Vögeln, Fischen oder Mäusen, Fallobst und abgebrochenen Zweigen oder Stöcken. Alles, was in der Gegend herumlag und zu verrotten drohte, beseitigte Robyn schnell und sauber. Sie verdaute die Albträume von Verfall und machte sie unschädlich. Ihre Magensäfte waren aggressiv genug, um das Destruktive abtöten und dennoch von den nahhaften Bestandteilen zehren zu können. Gewissermaßen spielte sie Müllabfuhr für alles, was ihr Magen verdauen konnte.

Leider galt das aber nicht für alles, was Robyn fraß. Vor allem menschlicher Müll machte ihr zu schaffen. Viele Albtraumschnipsel wie Giftstoffe, Schwermetalle und unverdauliches Plastik wanderten in ihren Körper und Bestandteile davon sammelten sich in ihren Organen und Zellen. Vieles konnte sie abbauen und ausscheiden, wenn ihre Träume positiv und stärkend genug waren. Die Albträume lösten sich dann in den schönen Träumen auf und Robyn schied sie mit ihren allmorgentlichen Botschaften an die anderen Hunde aus. Manchmal fraß sie tagsüber aber so viele Albträume, dass diese nachts die Eindrücke und Ideen aus den Träumen der anderen Hunde überwogen. Dann schlief Robyn weit weniger erholsam und wuchs kaum. Sie hatte über Tag weniger mitzuteilen, aber alles, was sie mitteilte, ließ sie noch weiter schrumpfen. So entstand der paradoxe Effekt, dass Robyn immer kleiner wurde, je mehr Unrat sie fraß. Ihr Magen grummelte, ihr Körper schmerzte und Zellen begannen, sich bösartig zu verändern.

Robyn fühlte sich klein, krank und kraftlos. Ihre Menschen freuten sich zwar, wenn sie mehr Platz im Bett hatten, aber trotz aller praktischen Überlegungen bemerkten sie, wie schlecht es der kleinen Robyn ging. Dass das vor allem dann passierte, wenn Robyn besonders viel Abfall gefressen hatte, bestätigte die Menschen in ihrem Versuch, Robyns Mampferei zu unterbinden. Robyns Instinkt trieb sie aber dennoch dazu an, immer weiter ihre Umgebung aufzuräumen.

In einer Welt ohne Müll und Albträume gäbe es dieses Problem nicht. Wir können uns einer solchen Welt annähern, indem wir aufhören, unsere Umwelt zu vermüllen und unseren Abfall einfach überall dort fallen zu lassen, wo wir uns gerade aufhalten. Das Gleiche gilt für all den psychischen und emotionalen Müll, den wir uns gegenseitig zumuten, wenn wir unsere Mitlebewesen schlecht behandeln, verletzen oder traumatisieren. All diese Albträume sind so unnötig und irgendjemand leidet immer unter ihnen. Es wäre so einfach, die Welt zu einem besseren und saubereren Ort zu machen. Es gäbe viel mehr Raum und Entfaltungsmöglichkeiten für schöne Träume und neue Erkenntnisse, denn das Albtraumaufkommen wäre minimiert und kaum etwas würde die Entfaltung positiver, kreativer Energie stören. Kein Lebewesen müsste sich schwach und hilflos fühlen, alle wären groß und stark. Vor allem unsere Hunde wären gesünder und weniger Gefahren ausgesetzt, wenn sie nicht für uns Mülleimer spielen und all unsere Albträume, ob materiell oder nicht, aus der Welt schaffen müssten.

Fortsetzung: Der Traum vom Fliegen

6 Gedanken zu “Albtraumstoffwechsel

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