Traumstoffwechsel

Robyn war eine sympathische Mischung aus Allem, was sich auf den Straßen herumtrieb. Am ehesten ähnelte sie einem schwarzen Labrador, aber definitiv war mehr als das im Spiel. Auf ihrer Brust trug sie einen asymmetrischen weißen Fleck, der an eine Mondsichel erinnerte. Obwohl sie erst vier Jahre alt war, gab es überall an ihrem Körper vereinzelte weiße Haare und ihre Nase hatte etwas seitlich einen kleinen, rosafarbenen Punkt, wie ein inverses Muttermal. Robyns große, dunkle Augen waren in ihrem nachtschwarzen Gesicht kaum auszumachen. Ihre Augen waren so tief und klar wie bodenlose Brunnen, in denen alles versank, das leichtsinnigerweise hineinfiel. Ihr Fell hatte entlang der Wirbelsäule leichte Wellen und formte auf dem Rücken eine Art dezentes Zopfmuster. Außerdem war sie für einen Labrador ungewöhnlich schlank.

Eine Aussage über ihr Gewicht oder ihre Körpergröße war völlig unmöglich zu treffen. Ungefähr im frühen Nachmittag und tief in der Nacht war sie von einer durchschnittlichen Labradorhündin kaum zu unterscheiden. Im Laufe jedes Tages und jeder Nacht machte sie jedoch eine erstaunliche Wandlung durch. Abends war sie nicht größer als ein Mops. Sie war niedlich und knuddelig, brauchte wenig Platz und ihre Halterin Lena Hauser störte sich nicht daran, wenn sie sich am Fußende des Bettes zusammenrollte. Nachts wuchs Robyn jedoch still und unbemerkt, erreichte gegen 3 Uhr ihr mittleres Gewicht von etwa 26 Kilogramm, blähte und streckte sich weiter, bis sie gegen 8 Uhr, wenn Lena aufwachte, ihre maximale Ausdehnung erreichte. Jetzt war sie so groß wie ein Bernhardiner und füllte das halbe Menschenbett aus. Lena brauchten keinen Wecker, denn jeden Morgen schob Robyn sie unweigerlich pünktlich um kurz nach 8 Uhr aus dem Bett.

Die große Robyn blieb dann noch ein Weilchen liegen. Endlich hatte sie mal genug Platz und konnte in Ruhe ihren Träumen nachhängen. Aber sobald sie Lena in der Küche herumwuseln hörte, sprang sie mit einem großen Bumpf aus dem Bett und lief ihr hinterher. Sie war stets hungrig und alles, was in der Küche passierte, zog ihr Interesse magisch an. Sie mampfte für ihr Leben gern. Trotzdem schrumpfte sie tagsüber erst langsam und dann immer schneller. Kurz nach Mittag hatte sie wieder Labradorformat, abends Mopsgröße. Diese Prozedur durchlief sie täglich. Dabei erinnerte sie an einen Luftballon, der aufgeblasen und einfach wieder losgelassen wurde. Sie war so aktiv, neugierig und beweglich, als würde sie Energie aus ihrem Schrumpfungsprozess ziehen oder als würde eine Art Rückstoß sie beschleunigen.

Andere Hunde scherten sich glücklicherweise wenig um Robyns Größe. Hunde sind daran gewöhnt, sehr unterschiedliche Körpergrößen zu haben und auch mal auf eine dreimal so große Artgenossin oder einen Kollegen zu treffen, der bloß so groß ist wie ihr eigener Kopf. Insofern störte es niemanden in der Hundewelt, dass Robyn zu allem Überfluss auch noch je nach Tageszeit unterschiedlich groß war. Lena verstand das alles nicht, hatte sich aber an Robyns seltsame Metamorphosen gewöhnt. Sie versuchte einfach, das Beste daraus zu machen.

Jeden Abend, als letzte Amtshandlung vor dem Schlafengehen, machte Lena  mit der kleinen Robyn einen großen Spaziergang. Eigentlich tat sie das, weil ein kleiner Hund viel leichter zu handlen war als ein großer. Robyn profitierte davon aber ungemein. Wie eigentlich jedes Lebewesen sammelte und saugte sie im Laufe des Tages alle Reize und Ereignisse in sich auf. All die Botschaften, die andere Hunde tagsüber hinterlassen hatten, schnüffelte sie besonders abends ausgiebig und in aller Ruhe ab. Nachts gährte und brodelte in ihr all diese Information. Alle Nachrichten der anderen Hunde formten sich in ihr zu wilden, bewegten Träumen. Sie träumte sehr intensiv und oft zuckte dabei ihr ganzer Körper oder sie bellte und grunzte leise im Schlaf. Je mehr sie in ihren Träumen erlebte, desto größer wurde sie. Je tiefer Robyn schlief und je mehr die Träume der Anderen sich mit ihren vereinten, desto mehr wuchs Robyn.

Auf dem kurzen Morgenspaziergang teilte sie der Welt dann selbst wieder all die Neuigkeiten mit, die sie während der Nacht entdeckt hatte. Sie streute ihr Wissen und verbreitete ihre Ideen, damit Andere sie wiederum einsammeln und weiterspinnen konnten. Im Laufe des Tages strömten alle Ideen aus ihr heraus und sie wurde nach und nach immer kleiner, bis sie jeden Abend nur noch ein Mops war.

Der Stoffwechsel von Informationen, Träumen und Ideen funktionierte bei Robyn überdurchschnittlich gut, weshalb sie alltäglich diese irritierenden Veränderungen durchmachte. Im Grunde verfügt aber jedes bewusste Lebewesen über diesen Mechanismus und bei fast jedem lässt er sich zumindest in Nuancen beobachten. Wer hat noch nicht bemerkt, dass Hunde oder Katzen sich nachts ausdehnen und im Bett immer mehr Platz beanspruchen? Sogar wir Menschen wachsen im Schlaf – bei uns ist dieses Wachstum bloß auf das Strecken der Wirbelsäule beschränkt, das uns morgens aufrechter gehen und einige Millimeter größer erscheinen lässt.

Das wichtigste Wachstum im Schlaf findet aber bei allen Lebewesen in einem nicht sichtbaren Bereich, nämlich im Gehirn statt. Eindrücke aus den wachen Zeiten werden verarbeitet und fügen sich während der unterschiedlichen Schlafphasen zu neuen Strukturen zusammen. Das Hirn entrümpelt sich und füllt sich gleichzeitig mit neuen Zusammenhängen. Je ungestörter und tiefer wir schlafen, desto frischer und kreativer sind wir, wenn wir wach sind. Wir wissen, dass wir etwas richtig gemacht haben, wenn wir uns nach einem langen Abendspaziergang und einer wunderbar erholsamen Nacht morgens ganz groß fühlen und voller Energie sind – angefüllt mit dem Material der Träume.

Fortsetzung: Albtraumstoffwechsel

10 Gedanken zu “Traumstoffwechsel

  1. Alexandra sagt:

    und hier ist auch in der geschichte gleich die erklärung, warum anhaltende alpträume einen nicht mehr wachsen lassen, einen nicht mehr gröper aufwachen lassen, sondern kleiner. immer kleiner, bis man schließlich auf die größe eines kleinen kindes geschrumpft ist und sich gegen die erwachsenen nicht mehr wehren kann. gute erlebnisse und gute träume gilt es zu haben um zu wachsen. in die länge und im gehrin in die tiefe. auch alpträume haben ihr tiefenwachstum. aber es ist eher das eines krebsgeschwürs, das alles gute und gesunde infiltriert und zerstört, sich von allem guten nährt bis es vernichtet ist. das trifft freilich nur für die besonders schlimmen, sich auf realem stützenden träume zu. unser gehrin macht erstaunliche dinge. es trennt und vereint. es lernt und vergisst – aber niemals ganz. uns fehlt nur leider das schöne riechhirn der hunde, das bilder aus düften malt. das wäre eine sprache, die sicher vieles unaussprechliche zu bildern formen könnte. eine ergänzung der worte und bilder der augen. schön, dass dieses wesen so frei wachsen und schrumpfen darf, wie es beliebt. 😉

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    1. kommunikatz sagt:

      Genau, wow, sehr schöne und wahre Zeilen! In der Fortsetzung der Geschichte wird es um Albträume gehen und ich werde Inspiration aus Deinem Kommentar ziehen. Eigentlich ist der Text schon fast fertig und bisher viel banaler. Deshalb sind Deine Gedanken es Wert, dort noch einzufließen.

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