Hilfe, wir brauchen ein Musikzimmer…

Ich schrieb es schon im Vorsätze-Beitrag vor ein paar Tagen. Wir suchen ein Haus mit Garten und mehr Platz. Mehr Platz wird immer dringender, denn langsam habe ich den Eindruck, dass wir sonst von Musikinstrumenten aus unserer Wohnung gedrängt werden.

Inzwischen gibt es hier eine linkshändig bespannte Akustikgitarre, eine rechtshändig bespannte Semiakustische, eine ebenfalls rechtshändige, akustische 3/4-Gitarre, jeweils eine links- und eine rechtshändige E-Gitarre, eine Caisa und – tadaa! – ein Keyboard. Das Keyboard kommt aus dem Second-Hand-Musikinstrumenteladen um die Ecke – ja, wir haben wirklich alles um die Ecke, was mensch im Leben braucht. Ich hatte dort schon ein paar Mal gefragt, ob es ein gebrauchtes Keyboard für kleines Geld gäbe, weil ich mich bei all dem Gitarrengedöns sehr nach meinen Klavierwurzeln sehnte. Ich wollte endlich mal wieder logisch angeordnete Töne vor mir haben, allein schon, um meinem Partner die Musiktheoriehintergründe besser erklären zu können, mit denen ich hin und wieder um mich werfe.

Als 6jähriges Kind hatte ich mit dem Klavierspielen angefangen und das Ganze mit 10 wieder hingeschmissen, als Jugendliche dann aber exzessiv mit einem Keyboard und einer Sequencersoftware am Computer meine eigene Musik produziert. Im Klavierunterricht hatte es mich als Kind immer genervt, dass ich nicht improvisieren und meine eigenen Ideen ausprobieren durfte. Nun durfte ich und tat es nach Herzenslust. Als ich anfing zu studieren, ging dieses Hobby aber verloren, da ich mir die Zeit nicht mehr nahm, den Platz für das Keyboard nicht mehr hatte und andere Dinge schlicht wichtiger fand. Seit meinem 19. Lebensjahr hatte ich also keine Klaviatur mehr angefasst. gute 15 Jahre lang musizierte ich eigentlich gar nicht. Eine Zeit lang sang ich zwischendurch in einem Chor, aber nur mehr schlecht als recht und ohne Enthusiasmus. Vor 2 Jahren gingen dann dank meines Partners die Gitarrenexperimente los – Gitarre hatte ich in meiner Jugend auch mal kurzzeitig gespielt und konnte so auf verschüttetes Wissen aufbauen. Aber das war mit 34 genauso frustrierend wie mit 14. Irgendwie wurde ich mit egal welcher Gitarre nie wirklich warm und träumte unterschwellig immer öfter von einem Tasteninstrument.

Nun hatte unser Musikaliendealer Anfang Januar plötzlich dieses Yamaha-Keyboard – den Traum jedes Alleinunterhalters – im Schaufenster. Es war einige Jahre alt aber offensichtlich wenig benutzt. Ich habe keine Ahnung, was das Ding ursprünglich einmal gekostet hat, mein Dealer wollte erst 85 Euro dafür haben, überließ es mir dann aber letztendlich für 70 Euro – vielleicht, weil ich trotz allem sehr zögerlich war, es wirklich zu kaufen. Irgendwie hatte ich Angst davor, nichts mehr hinzubekommen und noch mehr frustriert zu werden als von den Gitarren. Diese Angst war mehr als unsinnig. Ich trug es in meinem großen Reiserucksack nach Hause, stellte es auf den Couchtisch, stöpselte das Netzteil ein und drückte auf den Einschaltknopf: Und dann spielte ich einfach. Ich musste natürlich meine Finger sortieren und anfangs war es schwierig, nur eine Taste gleichzeitig anzuschlagen, aber nach kurzer Zeit improvisierte ich nur noch drauf los.

Als mein Partner etwa 3 Stunden später nach Hause kam, konnte ich ihm schon sehr wohlklingende Experimente vorspielen und erzielte einen gewissen Wow-Effekt. Ich selbst fasste es auch nicht: ich konnte es noch und gefühlt konnte ich es sogar besser denn je. Wir experimentierten bis spät in die Nacht mit den absurden Begleitautomatiken und Demosongs, mit den weit über das General-MIDI-Spektrum hinausreichenden Instrumentenstimmen bzw. Synthesizerklängen und lachten uns scheckig über Drumkits und Soundeffekte. Das wiederholte sich, als 2 Tage später ein seinerseits sehr musikalischer Freund bei uns war und am Keyboardspaß teilnahm. Das Gerät ist einfach unglaublich lustig und hat gleichzeitig einen richtig tollen Klang.

Alleinunterhalter*innen würden darauf fürchterliche Schlager, Schnulzen und Kinderlieder mit Konservenbegleitung spielen. Spaßeshalber kann mensch natürlich auch das tun und lustiges Liederraten veranstalten. Meine Passion ist aber das freie Improvisieren, Ausprobieren und Entdecken ohne Netz und doppelten Boden. Soll heißen: Ich nehme einfach den Standard-Klaviersound oder irgendeine andere Instrumentenstimme, die mir gerade gefällt, und bearbeite die Tasten.

Dank der guten Anschlagdynamik, die dafür sorgt, dass nur leicht angeschlagene Tasten leiser und sanfter klingen als fest gedrückte, und dank der tatsächlich recht authentischen Sounds, spielt es sich sehr angenehm und ausdrucksstark. Als ich Mitte der 90er Jahre mein erstes Keyboard hatte, hätte mensch für einen solchen Sound sicher über 1.000 DM ausgegeben – keine Ahnung, was das in heutigen Euro-Maßstäben ist. Mein damaliges Keyboard kostete jedenfalls sowas wie 200 DM und klang deutlich künstlicher, obwohl es Anschlagdynamik und vergleichbare Features hatte. Mein „neues“ Yamaha PSR-275 wird auch schon seit immerhin 2005 gebaut, was mensch an den Demotracks und Begleitautomatiken durchaus merkt,, aber es ist ein total geiles Ding und bereichert mich unglaublich.

Das allercoolste an meinem Keyboard ist aber der Grand-Piano-Button. Dieser Knopf aus weichem Kunststoff – ja, sowas ist vermutlich nicht mehr State of the Art – hat die Form eines Flüpgels und fungiert quasi als Reset-Knopf. Egal, wie idiotisch mensch vorher mit Sounds, effekten und Konservengedudel geprasst hat: drückt mensch auf das große Klavier, ist auf einen Schlag alles wieder ganz einfach. Wenn wir zu Mehreren mit dem Keyboard herumspielen, ist die größtmögliche Drohung der Satz „Ich mach gleich das große Klavier!“, denn das beendet mit Sofortiger Wirkung jegliches Gezirpe, Gequietsche und Gewummer 🙂

3 Gedanken zu “Hilfe, wir brauchen ein Musikzimmer…

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