Die Bleimause

Eine Neujahrs-Kurzgeschichte ganz ohne Feuerwerk, aber am Ende sind trotzdem Alle tot.

Die Bleimause

Die Bleimause saß auf einem Zweig und ließ ihren schweren Kopf hängen. Die Party des Vorabends saß ihr in den bleiernen Knochen. Sie gab sich keine Mühe zu zwitschern, ein gelegentliches Piepsen musste reichen.

Sie war ohnehin nicht zu hören, denn unter ihrem Baum fuhr geschäftig und lärmend ein Stapelgabler hin und her. Er gabelte Stapel für Stapel auf und sortierte alles scheinbar völlig willkürlich von der einen auf die andere Seite.

Die Bleimause war genervt. Nichtmal am Neujahrstag konnte man in ruhe seinen Flauschrausch ausschlafen. Viel zu früh hatte der blöde Stapelgabler sie aus dem Nest geworfen. Dabei war es dort so gemütlich. Die Bleimause hatte ihren Schlafplatz mit weicher Sternwatte ausgepolstert. Als edlen, seidigen Satinfinish hatte sie die Oberfläche mit Hundefedern bestückt. Doch Entspannung in ihrem (f)lauschigen Bettchen war ihr heute nicht vergönnt.

Das Kaninchen, das den Stapelgabler steuerte, schien allerdings seinen Spaß zu haben. Es machte sich offeenbar ein Spiel daraus, die Stapel so hoch wie möglich aufzuschichten und dann aufzugabeln, ohne sie dabei zum Einsturz zu bringen. „Jenga mit schwerem Gerät“, dachte die Bleimause kopfschüttelnd. Das Kopfschütteln verging ihr aber sofort, als die Nachwirkungen des Flauschrauschs sich wieder meldeten. „Dämlicher Aktivismus, geh doch zurück in dein Loch, du Hundefutter!“ brüllte die Bleimause gegen den Motorenlärm an.

Da das Kaninchen Gehörschutz trug, bekam es davon aber nichts mit. Es gabelte und stapelte weiter vor sich hin. Was stapelte das dumme Stück da eigentlich? Gabeln waren es nicht, so viel war sicher. Messer waren es auch nicht, das wäre ja viel zu gefährlich gewesen. Die Bleimause reckte ihren Hals, um genauer zu sehen, was unter ihrem Baum passierte.

„Löffel! Der bescheuerte Löffelträger stapelt Löffel!“ entfuhr es ihr und sie schüttelte wieder heftig ihren bleiernen Kopf. Sofort krallte sie sich panisch an ihrem Zweig fest, weil ihr auf einen Schlag fürchterlich schwindelig war. Eh sie es sich versah, hing sie mit ihren Krallen kopfüber am Zweig, anstatt darauf zu hocken.

„Jetzt bin ich ein Faultier“, dachte sie. Die Idee gefiel ihr. Faultiere haben schließlich die Lizenz zum faul sein. Wenn sie schon nicht in ihrem Sternwattenest faul sein konnte, war sie es nun zumindest unter ihrem Zweig in der Krone der knorrigen Hainbuche. Langsam dämmerte sie dahin. Der Lärm des Stapelgablers driftete in den Hintergrund und die Bleimause driftete ihrerseits in eine Traumwelt voller Flausch. Das klappern der Löffel und der heulende Motor des Stapelgablers wurden zu einem meditativen Klangteppich.

Die Bleimause ließ entspannt ihre Flügel hängen. Ein leichter Wind schaukelte sie langsam hin und her. Mit der Zeit wurde es anstrengend, die Muskelspannung in den Füßen aufrecht zu erhalten, um mit den Krallen nicht den Halt zu verlieren. Aber diese Anstrengung nahm sie nicht wirklich wahr. Dafür war sie längst zu sehr im Halbschlaf und noch immer zu sehr im Flauschrausch.

Das Kaninchen stapelte derweil immer höhere Türme von Löffeln auf. Scheinbar strebte es nach einem Weltrekord. Stapel auf Stapel und Turm neben Turm entstand eine Trutzburg aus Löffeln. Woher nahm das Kaninchen all das Zeug? Kurz erwachte die Bleimause, getrieben von dieser Frage, aus ihrer Trance. Sie öffnete die Augen und blickte unter sich. Dort steckte gerade ein Müllwurf seine Nase aus der Erde. Hinter sich her zog er einen kleinen Wagen mit dem nächsten Löffelstapel.

Die Bleimause war baff. Sie war so baff, dass sie für einen Moment vergaß, ihre Krallen anzuspannen. Jetzt wurde ihr schlagartig klar, dass es nicht nur Vorteile hat, ein Faultier zu sein. Sie war viel zu schläfrig und beflauschrauscht, um sich im Fall zu drehen und ihre Flügel auszubreiten. Sie fiel einfach wie ein Pflasterstein, direkt auf den Kopf des Müllwurfs.

Bleimause und Müllwurf gaben gleichzeitig all ihre Löffel ab. Das Kaninchen bemerkte erst jetzt das Desaster. Es erschrak so sehr, dass es das Steuer verriss und der Stapelgabler mitten in seine sorgfältig aufgeschichtete Löffelburg schepperte. Die Löffeltürme begruben das Kaninchen und sein Gefährt unter sich. Die Türme waren so hoch und es waren so viele, dass sie auch den Müllwurf und die Bleimause verschütteten.

Von der Episode bleibt also im sichtbaren Bereich außer einem riesigen Haufen Löffel am Neujahrstag mitten im Park nichts übrig. Falls Ihr am 01.01.2018 oder in irgendeinem anderen beliebigen Jahr solch einen Löffelhaufen gesehen habt, wisst Ihr aber nun zumindest, wie es dazu kam. Es gab mehr Tote, als Ihr dachtet.

2 Gedanken zu “Die Bleimause

  1. kommunikatz sagt:

    Gestern hatten wir eine echte Bleimause in der Küche. Sie war wohl durch die offene Terrassentür ins Haus geflogen und fand dann keinen Weg mehr nach draußen. Da sie auf ihrer Suche nach einem Ausweg einige Male gegen verschiedene Fensterscheiben flog, war sie irgendwann auch keine normale Blaumeise mehr 😉
    Netterweise hat mein Partner es durch langsame Annäherung und beruhigendes Verhalten geschafft, die Meise auf seiner hand landen zu lassen und sie so wieder in Richtung Terrassentür zu buchsieren. Mit einem kleinen Zwischenstop auf einem Bilderrahmen konnte sie dann wieder das Weite suchen und wurde auf der Terrasse von einigen Artgenoss*innen in Empfang genommen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..