Rote Linien und kein Ende

Vor einem Jahr schilderten mein Partner und ich hier den Beginn der red line Story, der damals genau ein Jahr her war. Nun sind es zwei Jahre und die Geschichte nimmt kein Ende bzw. schlägt immer wieder neue Kapriolen.

Unsere rote Linie, eine 100m lange und etwa 50cm breite rote Stoffbahn, kommt ursprünglich von den Großdemonstrationen zur COP21 Ende 2015 in Paris. Mein Partner nahm eines der Stoffbänder an sich, da niemand sonst es haben wollte, und brachte es nach Aachen. Wir benutzten es für unzählige Protestaktionen für Divestment und gegen den Braunkohletagebau in unserer Region. Die rote Linie reiste aber auch durch viele andere Städte und Gegenden. Als starkes Symbol der 350 und Fossil Free Bewegung war das rote Stoffband perfekt und schnell etabliert. Die Kontinuität zu den in Paris beschlossenen Klimazielen bot sich an, um diese immer wieder anzumahnen und ihre Umsetzung einzufordern. Ständig wurden und werden schließlich klimapolitisch rote Linien überschritten.

Seit Anfang November ist die Stoffbahn nun in Buir beim Bündnis gegen Braunkohle, um jederzeit auch ohne uns direkt vor Ort verfügbar zu sein. Wir mussten aber nicht lange auf eine rote Linie verzichten. Schon zwei Wochen später landete wieder eine in unserem Wohnzimmer: Das Banner der indigenen Völker, ebenfalls aus Paris und dem Kontext der COP21. Diese knapp 100m lange und mehr als 2m breite Stoffbahn ist nicht nur rot sondern beschriftet. In riesigen Lettern trägt sie die Botschaft „IT’S UP TO US TO KEEP IT IN THE GROUND“ („Es liegt an uns, es im Boden zu lassen“).

Von dieser Mutter aller roten Linien hatten wir schon lange geträumt. Bei den diesjährigen Feierlichkeiten zur Verleihung des

Aachener Friedenspreises an JunepA, das Jugendnetzwerk für politische Aktionen, hatte ein Mitglied des Netzwerks uns bereits lange Zähne gemacht. JunepA hatte Zugriff auf das Banner und plante damit eine Aktion zur COP23. Mehr Infos gab es zunächst nicht. Erst kurz vor der Klimakonferenz hörten wir wieder von JunepA. Es waren andere Leute als die, die den Friedenspreis entgegengenommen hatten, aber sie wussten von unserem Interesse und dem Wunsch, ihre Aktion zu unterstützen. Also wurden wir in die konspirativen Planungen einbezogen. Wegen unserer strategisch günstigen Wohnlage und unserem großen Wohnzimmer waren wir schneller, als ich protestieren konnte, nicht nur Support für die Pressearbeit sondern Keimzelle der ganzen Aktion. Die JunepA-Leute trafen sich bei uns, probten um die Ecke im Westpark das Entrollen des Banners, besprachen bis spät in die Nacht ihre Pläne und schliefen vor und nach der Aktion auf unserem Fußboden. In unserer Wohnung, die manche Menschen schon für uns zwei und die Hunde zu klein finden, pennten 14 Menschen – es war ein heilloses Chaos, total anstrengend, aber auch spaßig.

Müde aber motiviert und etwas aufgekratzt zogen wir alle gemeinsam am 17.11.17 die Banneraktion im Tagebau Hambach durch. Für einen Tag wurde das Banner der indigenen Völker zum Banner der Jugend. Es entstanden starke Bilder und das Medieninteresse konnte sich sehen lassen: Wenn die Deutsche Presseagentur und der WDR Leute schicken, hat das Wirkung. Natürlich kam es JunepA auch enorm zugute, dass wir erst ein paar Tage vorher im Hambacher Forst zufällig Amy Goodman und ihr Team von Democracy Now getroffen und auf die geplante Aktion hingewiesen hatten. So landete JunepA nicht nur innerhalb Deutschlands oder Europas sondern bis in die USA einen großen Erfolg. Ihre absolut friedliche Aktion zivilen Ungehorsams dauerte bestimmt eine halbe Stunde und wurde ohne jede Konfrontation mit RWE-Securities oder Polizei wieder beendet. Besser hätte es nicht laufen können.

Zurück bei uns zu Hause stellte sich die Frage, was als Nächstes mit dem Banner passieren sollte. Es gab keine konkreten Aktionspläne, das Banner war also freie Verfügungsmasse und wir boten an, es erstmal bei uns zu lagern. Die Gerichtsverhandlung zur Klage des BUND gegen RWE wegen der Rodung des Hambacher Forsts stand an und es war absehbar, dass wir genug Gelegenheiten haben würden, es hier in der Region einzusetzen. Das Banner war nach seinen Aufenthalten im Park und Tagebau feucht und dreckig, brauchte also etwas Pflege und Aufmerksamkeit. Wir breiteten es, so gut es ging, mehrlagig im nun wieder nutzbaren und erstaunlich aufgeräumten Wohnzimmer aus und hofften auf trockenes Wetter, um es draußen effektiver trocknen zu können. Stattdessen wurde es in der folgenden Nacht etwas durch den Mageninhalt eines Hundes in Mitleidenschaft gezogen – aber alles ist gut, es ist längst wieder sauber und mittlerweile sogar trocken.

Vielleicht verlässt das schöne Banner uns aber nun doch schneller als gedacht. Zwei Jahre nach der COP21 sind in Paris wieder Klimaproteste geplant. 350 France würde das Banner in diesem Rahmen gerne benutzen und hat angeboten, den Transport zu bezahlen bzw. die Fahrtkosten einer Person zu übernehmen, die das Banner mitbringt. Am liebsten wäre ihnen ein Mensch aus dem Hambacher Forst, der im Stil der Klimazeug*innen vom aktiven Widerstand gegen RWE berichten kann. Falls jemand Anderes Lust hat, mit einem 28kg schweren und nicht in eine IKEA-Tasche passenden Baumwollberg am kommenden Wochenende nach Paris zu fahren, ist das aber auch überlegenswert. Meldet Euch gern bei mir. Ansonsten wird das Banner seinen nächsten Einsatz hoffentlich trotzdem nächstes Wochenende haben. Wir nehmen es dann mit in den Hambacher Forst zum möglicherweise letzten Waldspaziergang mit dem großartigen Waldpädagogen aka. Waldmeister Michael Zobel. In welcher Form wir es dort entrollen können, müssen wir allerdings noch überlegen.

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3 Gedanken zu “Rote Linien und kein Ende

  1. kommunikatz sagt:

    …und heute kam das Banner endlich wieder zur Geltung. Wir waren mit ca. 100 Menschen – viele davon Freund*innen und wertgeschätzte Bekannte von uns – am Immerather Dom. Diese knapp 130 Jahre alte, neuromanische Kirche heißt eigentlich St. Lambertus und steht im beinahe vollständig entvölkerten Dorf Immerath direkt an der Abbruchkante des Tagebaus. Entweiht ist sie bereits seit einigen Jahren, kommenden Montag beginnt ihr Abriss. Unter dem Motto „Ein Dom für IMMERath“ finden zur Zeit viele öffentlichkeitswirksame Aktionen statt, bei denen Menschen aller (Un-)Glaubensrichtungen Seite an Seite den Erhalt der Kirche und aller noch stehenden, aber dem Tod geweihten Dörfer fordern. Vor dem Dom bzw. dem ihn umgebenden Bauzaun haben wir das riesige Banner entrollt und in viele Kameras gehalten. Der Immerather Dom ist schon jetzt zu einem starken Symbol geworden und wenn RWE ihn wirklich übermorgen abreißen lässt, wird das einer ganzen Menge Menschen die Augen öffnen, die bisher nichts gegen diesen Wahnsinn unternommen haben. Möge der Widerstand wachsen!

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  2. kommunikatz sagt:

    Der Immerather Dom ist schon lange abgerissen, aber das Banner der indigenen Völker liegt jetzt sicher verstaut im trockenen Keller eines Bekannten, bis wir es wieder bei uns aufnehmen können.

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