Meine Handpan

Eigentlich bin ich ein von Grund auf sparsamer, wenn nicht sogar geiziger Mensch. Ich gebe so gut wie nie spontan Geld aus – schon gar keine größeren Summen. Dabei ist es nicht so, dass ich mein Geld horten und vermehren will. Geld ist für mich ein notwendiges Übel, mit dem mensch irgendwie umgehen muss, solange mensch im Kapitalismus lebt. Es soll möglichst wenig auf die Nerven gehen und möglichst wenig in Erscheinung treten, genau wie der Kapitalismus selbst, solange er noch nicht zusammengebrochen oder überwunden ist. Deshalb beschäftige ich mich auf dieser naiven Ebene äußerst ungern mit Geld. Daraus resultiert unmittelbar, dass ich es am liebsten nicht antaste und nur die nötigsten Dinge kaufe – ganz abgesehen davon, dass mensch viele Dinge ja gar nicht kaufen muss, sondern sie mit Anderen gegen irgendetwas tauschen oder einfach direkt von Sperrmüllhaufen, aus dem Fairteiler, von Bäumen oder Büschen pflücken kann. Manchmal – sehr selten – passiert es aber auch mir, dass ich ohne große Überlegung und ohne den Versuch, zu verhandeln, eine hohe dreistellige Summe von der Bank hole und einfach jemandem in die Hand drücke, der mir dafür einen unglaublich großartigen Gegenstand überlässt.

Wenn ein Gegenstand etwas mit schönem Klang und interessanter Haptik zu tun hat, wächst die Wahrscheinlichkeit erheblich. So kam es, dass ich stolze Besitzerin eines UFOs wurde. Zumindest hat meine Neuerwerbung die visuelle und taktile Anmutung einer fliegenden Untertasse und den sphärischen Klang einer Steeldrum auf LSD. Es ist eine Caisa – ausgesprochen Caisha – die etwas grobschlechtigere Schwester der Hang.

Ich träumte schon seit Jahren von einem solchen Musikinstrument. 2013 oder 2014 hatte ich beim Kreativtag im Westpark eher zufällig die Ehre, auf einer echten Hang aus der Schweiz zu spielen und mit dem Besitzer zu sprechen. Seitdem war ich im Bann dieses Instruments. Einen so reinen und klaren Klang hatte ich noch nie gehört – zumindest nicht analog erzeugt. Zusätzlich faszinierten mich die Form und das Material. Eine Hang besteht aus zwei Halbschalen aus dünnem Stahl, die zu einer Sphäre zusammengeklebt und durch einen Ring gehalten werden. Die obere, nach oben gewölbte Schale hat mehrere, in die Oberfläche eingearbeitete Klangfelder, während die untere Schale in der Mitte ein rundes Loch namens Gu hat. Die Form der Caisa ist ein bisschen anders. Die obere Hälfte hat große Ähnlichkeit mit der einer Hang, die untere Hälfte ist aber flacher und hat kein mittiges Loch sondern eine ringförmige Öffnung um die stabile Mittelplatte herum, in der sich Befestigungsmöglichkeiten für verschiedene Ständer befinden. Das gesamte Instrument hat einen Durchmesser von etwa einem halben Meter und mensch spielt es mit den Händen. Mit verschiedenen Handhaltungen und percussiven Techniken lassen sich auf den unterschiedlichen Klangfeldern vielfältige Töne und Klangfarben erzeugen.

Die Erfinder*innen und für lange Zeit einzigen Hersteller*innen der Hang hatten bereits Jahre zuvor die Produktion wieder eingestellt und sich auf andere Musikinstrumente verlegt. Eine originale Hang kostete über 3.000 Euro, war für mich also völlig unerschwinglich. Dazu kam, dass es sich bei diesen Instrumenten um eine echte Rarität handelte, an die schwer heranzukommen war, selbst wenn Geld keine Rolle gespielt hätte. Ich kümmerte mich also nicht aktiv um das Projekt Hang, weil ich es einfach für unrealistisch hielt. Allerdings hielt ich ständig meine Ohren offen und begrub die Idee nie ganz.

Letztes Jahr traf ich beim Aachener Südstraßenfest zufällig wieder auf einen Menschen mit einer Handpan, spielte kurz ein bisschen darauf herum und unterhielt mich mit ihm über verschiedene Spieltechniken und das Faszinosum Hang. Er erzählte, dass es in Dortmund Leute gäbe, die solche Instrumente bauten – im Gegensatz zum schweizer Original „nur“ für knapp über 2.000 Euro. Auch das überstieg meine finanziellen Möglichkeiten bzw. meine vernunftgeprägte Bereitschaft, Geld auszugeben. Dennoch recherchierte ich ein wenig und verbrachte viel Zeit auf der Webseite des Herstellers – bis das Ganze wieder in den mentalen Parkmodus ging und ich mich damit abfand, es mir nicht leisten zu können.

Dieses Jahr, das gleiche Fest, der gleiche Typ, eine Warteschlange vor der einzigen Toilette und dementsprechend Zeit zum Quatschen: Ich erfuhr, dass es in Dortmund inzwischen zwei verschiedene Hersteller gibt. Die einen bauen eine Art Hang, die anderen bauen die Caisa. Er hatte mehrere Handpans: eine Hang und zwei Caisas. Weil er sich eine zweite Hang kaufen wollte, sollten die Caisas ein neues Zuhause finden, seine Preisvorstellung pro Caisa lag bei 900 Euro. Wir besuchten ihn in seinem Eifeldomizil, das mit skurrilen und faszinierenden Musikinstrumenten geradezu vollgestopft war. Er trifft sich dort regelmäßig mit einem lockeren Haufen musikbegeisterter Leute und jamt einfach drauf los. Ab diesem Zeitpunkt war es keine Frage mehr: Ich musste eine der beiden Caisas haben. Nach wenigen Tagen hatte ich mich für die in G moll gestimmte entschieden, weil ihr tieferer und reinerer Klang mich überzeugte. Kurz darauf landete das UFO in unserem Wohnzimmer.

Die Caisa ist eine wunderbare Bereicherung meiner Ausdrucksfähigkeit und ich fühle mich diesem Instrument wesentlich näher und verbundener, als ich es jemals mit einer Gitarre erlebt habe. Vielleicht hat es etwas mit meiner Faulheit und meinen negativen Erfahrungen mit dem Erlernen von Musikinstrumenten ohne echte, eigene Motivation zu tun. Als ich in meiner Kindheit Klavierunterricht hatte, sollte ich immer Stücke spielen, die ich nicht wollte, während meine eigenen Improvisationen und Erfindungen seitens meiner Klavierlehrerin unerwünscht und deshalb verboten waren. Als ich später,  mit 13 oder 14, Gitarre lernte, beschloss ich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt, mich nur noch für elektronische Musik zu interessieren, die mit einer Gitarre absolut nicht abzubilden war. Also fehlte mir auch dabei der eigene Antrieb und ich verinnerlichte, dass Musikinstrumente immer etwas mit Frustration und Zwang zu tun haben. Mit der Caisa kann ich beinahe aus dem Stand heraus schöne Klänge erzeugen. Es ist kaum möglich, darauf etwas zu spielen, das richtig schlecht klingt. Insgesamt geht es sehr leicht und es gibt unausweichlich mehr Erfolgserlebnisse als Rückschläge. Genau sowas brauche ich offenbar, um mich selbst zu motivieren und bei der Stange zu halten. Sogar schwanzwedelnde Hunde können Caisa spielen, was einfach nett ist.

Natürlich stehe ich trotzdem ganz am Anfang und muss noch viel lernen und üben. Mein Rhythmusgefühl ist über die Jahre ziemlich den Bach runtergegangen – eine seltsame Parallele zu meinem Gleichgewichtssinn. Auch die verschiedenen Schlag- und Berührungstechniken wollen gelernt sein. Die Klangfelder zu treffen, ohne sie zu sehen, ist ebenfalls Übungssache. Auch ob es funktionieren wird, die Caisa mit der Gitarre zu kombinieren und zu zweit zu spielen, müssen wir herausfinden. Die Caisa ist in ihrem Tonumfang relativ eingeschränkt – meine hat immerhin ganze 10 Töne und eine festgelegte Stimmung auf einen Akord, der auf der Gitarre eine echte Pest ist. Dennoch haben wir bereits Ansätze dazu gefunden, ich experimentiere mit verschiedenen Patterns und Melodiemotiven herum und eine Caisa ist von ihrer Form her beinahe wie dafür gemacht, von mehreren Menschen gleichzeitig gespielt zu werden. Ich weiß es sehr zu schätzen, in einem gut schallgedämmten Haus mit dicken Wänden und abgehängten Decken zu wohnen: Wir sitzen hin und wieder bis spät in die Nacht um die Caisa herum (sofern mensch zu zweit um etwas herum sitzen kann) und spielen ohne Rücksicht auf jegliche Nachtruhe. Handpans können verdammt laut sein und dabei verdammt schön klingen. Der Sound flutet und erfüllt den ganzen Raum. Mensch kann auf den Klängen regelrecht abheben und mit dem UFO davonschweben. An der Motivation wird es diesmal also sicher nicht scheitern.

Sobald ich mich rhythmussicher genug fühle, werde ich hier Klangbeispiele meiner eigenen Caisa einstellen.

 

4 Gedanken zu “Meine Handpan

  1. kommunikatz sagt:

    Heute hatte ich die Chance, wieder auf der selben Hang zu spielen, die vor einigen Jahren meine Begeisterung für diese Instrumente ausgelöst hat. Inzwischen treffe ich den Besitzer regelmäßig, weil auch er sich gegen die Braunkohle engagiert. Irgendwie scheint er seine Hang fast immer mit sich herumzutragen. Heute nach der Banneraktion vor dem Immerather Dom saßen wir eine ganze Weile zusammen, aßen, tranken und musizierten. Das war wunderbar und ich bin so dankbar für solche Kontakte und Zusammenkünfte.

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  2. Miriam Paesler sagt:

    dein input hat mir sehr geholfen danke
    tatsächlich gefällt mir die Caisa viel besser als die Ugur.
    deine Stellungnahme hat mir jetzt die letzten Zweifel genommen

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