Yellow Submarine

Das letzte Wochenende verbrachten wir damit, das Boot winterfest zu machen. Wir hatten nicht viel Zeit und das Wetter war sehr unsicher, so dass wir diesmal gar nicht erst aus dem Hafen fuhren. Die trockenen und sonnigen Phasen nutzten wir stattdessen neben der Arbeit am Boot dafür, zu Fuß mit den Hunden die Gegend zu erkunden. Erstens konnten wir alle etwas Bewegung gut gebrauchen und zweitens ist Werkendam trotz – oder zum Teil auch wegen – seiner industriellen Prägung landschaftlich und baulich ein spannender Ort.

Alles hat irgendwie mit Wandel und Umwandlung, gleichzeitig aber auch mit Gleichförmigkeit und Ruhe zu tun. Wir verwandelten das Boot in eine Art gelbe Wurst, da wir den Mast umlegten, das kleine Beiboot umgedreht aufs Dach der Kajüte hieften und alles unter einer riesigen, bananengelben LKW-Plane – unserer Winterpersenning – verpackten. Es sieht jetzt ein wenig aus wie ein gelbes U-Boot mit einem am Heck heraussteckenden Mast: gut gesichert gegen Regen und Sturm, fertig für den Winterschlaf.

Einen Vorgeschmack bezüglich Regen und Sturm bekamen wir immer wieder durch die Wolkenbänder und Ausläufer des Sturms Brian zu spüren, der gerade über Großbritannien hinweggefegt ist. Wir rechneten nicht direkt damit, dass dieser Sturm uns betreffen würde – dennoch ist uns selten ein Sturm so nahe gekommen, der Zeitweise Hurrikanstatus hatte. Das Wetter ändert sich und wird von Jahr zu Jahr extremer – auch hier im sicheren Europa kommen die Einschläge zweifellos näher.

Die Menschen in den Niederlanden scheinen das zu wissen – wie sollten sie es auch ignorieren? In Europa ist kein anderes Land so direkt und existenziell vom Anstieg des Meeresspiegels und von Überflutungen durch Stürme bedroht wie die Niederlande. Die bestehenden Deiche sind nur noch begrenzt ausbaufähig – den Leuten ist klar, dass irgendwann unweigerlich alles absaufen wird. Häuser, die bereits jetzt nicht mehr von den Deichanlagen geschützt sind, weil die höheren und sichereren Deiche ein Stück weiter landeinwärts stehen, scheinen bewusst dem Verfall überlassen zu werden. Einen Steinwurf von unserem Hafen in Werkendam entfernt steht ein Haus, das vollständig von Efeu überwachsen ist. Es scheint so, als sei das Haus verlassen und als werde es nur noch vom Efeu zusammengehalten – dennoch hängen Vorhänge in den Fenstern und es macht einen bewohnten Eindruck. In dieser Häuserreihe wird kein Haus mehr renoviert. Die Menschen scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass es sich einfach nicht mehr lohnt, in diese Gebäude zu investieren.

Die omnipräsenten „te koop“-(zu verkaufen)-Schilder wirken beinahe lächerlich. Niemand kauft diese Häuser, genau wie niemand in Woudrichem das offenbar seit Jahren leerstehende, alte und wunderschöne Hotel kaufen wird, die vielen, kleinen, hunderte von Jahren alten Häuschen, die mittelalterlichen Festungen und Ruinen. Niemand investiert freiwillig sein Geld in Orte, die spätestens in ein paar Jahrzehnten überschwämmt sein werden, weil kein Hochwasserschutz mehr hilft.

In solchen Gegenden haben Boote ihren ganz eigenen Reiz. Sie sind letztendlich der einzig sichere Rückzugsort, wenn es irgendwann immer weniger Festland gibt. Einen besonderen Stellenwert haben Boote in den Niederlanden ohnehin, da das Land nunmal am besten durch diverse Wasserwege erschlossen ist. Je mehr Wasser und je weniger Land es gibt, desto rettender und hilfreicher werden Boote aber. Menschen pflegen ihre Boote mehr als ihre Häuser. In Werkendam haben sie, wie an so vielen Orten in den Niederlanden, auch direkt vor Augen, warum sie das tun: In Sichtweite steht das riesige Steinkohlekraftwerk Drimmelen, am Wasser entlang finden sich massenhaft Rafinerien. Fossile Brennstoffe sind allgegenwärtig, als hätten die Menschen längst resigniert. Vor dem Hintergrund ihres eigenen Schicksals bzw. des Schicksals ihrer materiellen Heimat ist diese Resignation beinahe nachvollziehbar. Wer gibt sich noch Mühe, wenn er genau weiß, dass der eigene Wohnort, das eigene Elternhaus oder der eigene Immobilienbesitz bald nur noch mit dem U-Boot zu besichtigen ist?

Das sollte allerdings Allen, denen es besser geht, nachhaltig zu denken geben. Die Niederlande sind bei Weitem nicht das am stärksten bedrohte Land. Diverse Inselstaaten, allen voran die Fidji-Inseln, die die diesjährige Klimakonferenz in Bonn ausrichten, weil sie es auf ihrem eigenen Staatsgebiet schon nicht mehr können, stehen unmittelbar vor dem nicht nur sprichwörtlichen Untergang. Verhindern lässt sich das Klimachaos längst nicht mehr. Es gibt aber nach wie vor die Möglichkeit, den Wandel zu verlangsamen und so den am schlimmsten betroffenen Menschen zumindest Zeit zu verschaffen, irgendeine Art von Lösung für dieses Desaster zu finden. Klimaziele zu setzen und einzuhalten ist nicht optional, es ist absolut erste Menschenpflicht, denn Menschen sind unmittelbar betroffen und in existenzieller Gefahr. Dass Deutschland, das ehemals als Vorreiter galt und den Begriff Energiewende zum internationalen Germanizismus gemacht hat, gerade so fatal an den eigenen Klimazielen scheitert, ist vor dem Hintergrund der COP23 in Bonn mehr als zynisch.

Wir müssen Anfang November den in Bonn tagenden Vertreter*innen aller Staaten deutlich machen, dass Lippenbekenntnisse schon lange nicht mehr reichen. Es muss sich im Verhalten jedes einzelnen Menschen, allen voran aber im Verhalten der Entscheider*innen auf staatlicher Ebene, dringend sehr viel ändern. Ziele dürfen nicht nur formuliert und bejubelt werden – der eigentliche Witz an der Sache ist ihre Umsetzung. Daran hapert es bislang – nicht nur in Deutschland. Kommt deshalb Alle am 4. November nach Bonn und bringt den größten, breitesten Protest auf die Straßen, den mensch sich vorstellen kann!

PS: Den Titel dieses Beitrags habe ich mir albernerweise bei den Beatles ausgeliehen.

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