Warum Lob sehr viel mit Wertschätzung zu tun hat

Oft heißt es, Lob sei süßes Gift und quasi das Gegenteil von echter Wertschätzung. Ich möchte diese Ansicht als fatalen Irrtum entlarven. Ich halte Lob, wenn es ehrlich und aufrichtig ist, für eine grundlegende Motivationsquelle und eine absolut unverzichtbare Möglichkeit, Wertschätzung auszudrücken.

Aber von Anfang an. Es gibt das Konzept der Wertschätzenden Kommunikation, welches auf der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg beruht. Bei diesem Ansatz geht es darum, Gefühle bewusst zu durchleben, dahinterstehende Bedürfnisse zu verstehen und letztlich sich selbst oder anderen Menschen dabei zu helfen, diese Bedürfnisse zu befriedigen. In Bezug auf mich selbst fällt mir das inzwischen relativ leicht. Wenn ich merke, dass ich beispielsweise schlechte Laune habe, lasse ich mich voll und ganz auf dieses Gefühl ein und ergründe seine verschiedenen Aspekte. Hat mich irgendwer oder irgendwas verletzt? Habe ich mich über irgendwen oder irgendwas geärgert? Habe ich selbst irgendwas Dummes oder Falsches getan oder gesagt, wofür ich mich nun schäme? Oder fahren meine Hormone mit mir Achterbahn und meine schlechte Laune ist bloß ein Zeichen dafür, dass ich an einem bestimmten Punkt meines Zyklus stehe?

Wenn Letzteres der Fall ist, reicht es, wenn ich ein oder zwei Tage lang eine etwas ruhigere Kugel schiebe und mehr Geduld mit mir selbst habe. Gibt es einen Grund für mein Stimmungstief, der außerhalb von mir selbst liegt und etwas mit anderen Menschen zu tun hat, schließt sich die Frage an, welches Bedürfnis diesen Menschen gegenüber sich in meiner schlechten Laune ausdrückt. Vielleicht fühle ich mich von jemandem missachtet und übergangen, vielleicht fühle ich mich missverstanden, abgelehnt oder einfach unfair behandelt. Vielleicht möchte ich ernst und wahrgenommen werden, vielleicht möchte ich ein Missverständnis aus der Welt schaffen, vielleicht möchte ich aber auch einfach nur einen aufrichtigen Ausdruck von Zuneigung in Form einer Umarmung haben – es gibt unendlich viele weitere Möglichkeiten, so individuell wie die Situationen, in denen mensch aus heiterem Himmel schlechte Laune bekommt. Ich schaffe es meistens ohne Probleme, meine Bedürfnisse herauszufinden. Ihre Befriedigung zu erreichen, ist wesentlich schwerer. Viel zu oft bekomme ich es nicht hin, einen Mangel oder eine Unzufriedenheit auszudrücken, ohne dabei vorwurfsvoll zu klingen – viel zu oft sage ich daher nichts und bleibe auf meinen unerfüllten Bedürfnissen sitzen. Es gibt noch viel zu lernen.

Viel leichter als das Herausfinden und vor allem das Erfüllen meiner eigenen Bedürfnisse finde ich es, auf die Bedürfnisse Anderer einzugehen. Wenn ein Mensch sich irgendwie blöd oder ungerecht mir gegenüber verhält, werde ich nicht böse sondern frage mich erstmal, was diesen Menschen dazu bewegt. Meistens finde ich dann relativ schnell eine Erklärung – vielleicht sogar in meinem eigenen, vorausgehenden Verhalten – die es mir ermöglicht, mein grummeliges Gegenüber wieder in einen zufriedenen und entspannten Menschen zu verwandeln. Jemandem offen und freundlich zu begegnen, die richtigen Fragen zu stellen und Verständnis zu zeigen ist nicht so schwer – zumindest, wenn mensch sich ausreichend im Griff hat, um nicht bei jeder vermeintlichen Provokation sofort an die Decke zu gehen sondern erstmal zu hinterfragen, was eigentlich gerade passiert ist.

Noch viel leichter ist es, auf die ohnehin bei jedem Menschen bestehenden Grundbedürfnisse einzugehen. Eines dieser Grundbedürfnisse ist das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Jeder Mensch möchte Dinge richtig machen, anderen Menschen gefallen und sich nicht blamieren. Jeder Mensch möchte geliebt und vielleicht sogar ein Stück weit bewundert werden. Ich kenne das – und den verzweifelten Versuch der Leugnung – aus meiner eigenen Perspektive sehr gut und habe mir gegenüber Anderen intuitiv eine simple und effektive Art angewöhnt, damit umzugehen. Diese Methode tut nebenbei auch mir selbst sehr gut, denn sie führt zu einem viel positiveren Denken und eben zu einem sensiblen und empathischen Umgang mit den Menschen um mich herum.

Wenn ein Mensch etwas tut – beispielsweise Gitarre spielen – habe ich verschiedenste Möglichkeiten, das wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Angenommen, der Mensch ist kein*e perfekte*r Gitarrist*in sondern lernt, übt und probiert aus. Es klingt also nicht immer alles wirklich gut, sie oder er spielt keine ausgefeilten Lieder sondern klampft und klimpert nur so vor sich hin. Manchmal kommen dabei zufällig oder absichtlich wunderschöne Klänge heraus, manchmal klingt es aber auch schräg und verunglückt. Und manchmal hören sich verunglückte Passagen richtig toll an, wenn ich nicht auf der Suche nach reinen, harmonisch perfekten Klängen und Rhythmen bin sondern es auch mal experimentell mag. Oder ich erkenne den guten Willen oder die kreative Idee hinter dem nicht ganz gelungenen Spiel und freue mich allein darüber.

Wenn ich nun also einfach so zuhöre, passieren in meinem Kopf verschiedene Dinge. Ich höre die Schönheit der Musik, ich höre aber auch Fehler und Unperfektheiten. Manche davon stören mich, andere finde ich spannend und genauso schön, wie die absichtlichen und gelungenen Wohlklänge. Die meisten Menschen stürzen sich in solchen Situationen auf die Fehlersuche. Sie benennen und kritisieren die Dinge, die nicht klappen, geben Tips, wie mensch es besser machen sollte oder verlangen sogar, dass mensch mit der Geräuschbelästigung aufhört. Das ist negatives Feedback, selbst wenn es noch so wahr und konstruktiv gemeint ist. Solche Kritik kann sehr verletzend und demotivierend sein, wenn sie beispielsweise auf den fruchtbaren Boden von Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühlen fällt. Wahrscheinlich hat die kritisierte Person ihre Fehler längst selbst bemerkt – sie hat schließlich auch Ohren. Warum sollte ich ihr also Dinge erzählen, die sie schon weiß und wegen denen sie vermutlich bereits genug Selbstkritik und innere Unzufriedenheit empfindet?

Wenn ich stattdessen ein genauso wahres und aufrichtiges positives Feedback gebe, sieht das ganz anders aus. Es gibt ja fast immer Aspekte, die mir gefallen und über die ich mich freue. Es macht mir große Freude, diese Aspekte zu benennen und einer Person zu sagen, wie schön ich beispielsweise ihr Gitarrenspiel finde. Ich verschweige nicht die Missklänge und ich heuchele auch kein falsches Lob. Ich lobe ganz ehrlich die Dinge, die mir gefallen. Die so gelobte Person zieht daraus eine Menge Positives. Ihr Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung wird befriedigt und sie wird motiviert, weiter zu spielen, weiter zu üben und sich auf diese Weise weiter zu entwickeln – all das, was ich durch rein negative Rückmeldungen abwürgen würde. Ich selbst kann weiter zuhören und mich am schönen Klang erfreuen – und auf dem positiven Fundament meines Lobs kann ich dann auch viel leichter Ideen und Verbesserungsvorschläge äußern, ohne dass diese die Motivation meines Gegenübers gefährden.

Ich muss mich nicht verstellen, mein Gegenüber anlügen oder ihm mutwillig Dinge verschweigen. Ich sage ihm ganz ehrlich meine Meinung und lege dabei bloß den Schwerpunkt auf die positive und erfreuliche Seite. Ich stelle meinen eigenen Genuss und die gemeinsame Freude in den Vordergrund, anstatt Genervtheit auszudrücken – was tatsächlich unmittelbar dazu führt, dass auch ich positiver empfinde und denke. Die eigene Aufmerksamkeit auf angenehme Dinge zu lenken, ohne die unangenehmeren zu verleugnen, hat einen direkten Einfluss darauf, wie ich die Welt sehe und mit ihr interagiere. Je wertschätzender und freundlicher ich mit anderen Menschen umgehe, desto wertschätzender und freundlicher begegnen sie nicht nur im Gegenzug mir, sondern desto mehr positive Gedanken und Gefühle finden bei allen Beteiligten statt. Wenn es so einfach ist, sich gegenseitig zu guter Laune zu verhelfen und Motivation zu schaffen, warum zur Hölle sollte mensch das nicht tun?

Sicher, geheucheltes und unaufrichtiges Lob ist Mist. Aber wieso wird jedes Lob gleich in diese Schublade gesteckt? Es gibt so viele wirklich lobenswerte Dinge und ich selbst lobe andere Menschen so gern, dass ich der gängigen Lehrmeinung, Lob sei schädlich, absolut nichts abgewinnen kann. Lob macht Spaß und tut gut. Solange wir dabei ehrlich sind – und alles Andere als Ehrlichkeit wäre wiederum nicht wertschätzend. Mein Appell ist daher: Lobt Euch gegenseitig, so viel Ihr könnt. Haltet mit aufrichtigem positivem Feedback nicht hinterm Berg, nur weil Euch jemand erzählt hat, unaufrichtiges Lob sei ganz schlimm. Die Unterscheidung zwischen ehrlichem und geheucheltem Lob sollten wir doch eigentlich alle hinbekommen – spätestens wenn niemand mehr unehrlich lobt, weil alle gemerkt haben, dass es immer auch genug echte Dinge zu loben gibt.

 

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