Alle Möwen heißen Marvin

Vier Wochen auf dem Wasser – ein bisschen wie letztes Jahr und doch ganz anders: Wir waren mit Zuidwester van Zuidland, dem 9 Meter langen, 50 Jahre alten und den perfekten Urlaub versprechenden Segelboot meines Partners unterwegs. Das Boot ist, wie wir beim Wälzen alter Unterlagen nun herausgefunden haben, mit voller Typbezeichnung eine Zeeschouw kinderdijkse – ein definitiv nicht hochseetaugliches aber für Binnengewässer absolut perfektes Boot mit Stahlrumpf.

Wir sind in Maastricht an unserem ehemaligen Heimathafen gestartet und diesmal so schnell wie möglich die Maas runter gefahren, haben die Waal, den südlichen Mündungsarm des Rheins, durchquert, den Abschnitt zwischen Biesbosch und Grevelingen in starkem Wind und Wellengang erlebt und letztendlich das Grevelinger Meer, den größten Salzwassersee Europas erreicht. Anschließend sind wir, wie es unser grober Plan war, nach Werkendam bei Biesbosch zurückgekehrt, wo wir letztes Jahr eine Woche verbracht und, wie der Ortsname es nahelegt, am Boot gearbeitet haben.

Die Niederlande mussten immer schon mit Wassermassen kämpfen und sich mittels riesiger Bauwerke gegen Überflutungen schützen. Deshalb sind die Niederländer*innen absolute Expert*innen für alles, was mit Wasser, Deichen, Brücken, Schleusen und Schifffahrt zu tun hat. Am Grevelinger Meer merkt mensch das vor allem daran, dass dieser Teil des Mündungsdeltas von Maas, Rhein und diversen anderen Flüssen tatsächlich ein in sich abgeschlossener See ist, ohne Tidenhub, obwohl drumherum Ebbe und Flut sehr präsent sind, und mit absolut klarem, sauberem Salzwasser, obwohl es sich um ein Flussdelta mit viel Süßwasser handelt. Auf der einen Seite bei Bruinisse gibt es eine Schleuse, die von Booten passiert werden kann. Auf der anderen Seite, in der Gegend von Brouwershaven, hin zur Nordsee, gibt es zwar Schleusen, aber Boote dürfen dort nicht durch. Das Grevelinger Meer ist ein Freizeit- und Urlaubsparadies mit vielen kleinen, künstlich aufgeschütteten Inseln. Überall gibt es Anlegeplätze, jede Insel hat ein Seeklo und einen Müllcontainer, der regelmäßig geleert wird – vermutlich der coolste Müllabfuhrjob schlechthin, dauernd mit einem Boot herumzufahren und diese Container zu leeren. Außerdem gibt es im Grevelinger Meer, vor allem um die Inselgruppe Archipel herum, riesige Quallen. Diese Medusen sind bis zu medizinballgroß und schimmern blau oder gelblich. Sie fühlen sich an, als wären sie aus fester Gelantine – zumindest oben. Unten habe ich mich nicht getraut, sie anzufassen, da sie dort ihre stechenden Minitentakel haben.

 

Video: Segeln auf dem Grevelinger Meer

 

Natürlich ist das Grevelinger Meer, wie so Vieles in den Niederlanden, eine Art abgeschirmter Vergnügungspark. Das zeigt sich besonders an der fehlenden Tide, denn Salzwasser ohne Tidenhub ist eine irgendwie schräge Sache. Aber um dort im Sommer Wassersport zu betreiben oder einfach rumzuhängen und abzuschalten, sind solche geschützten Räume perfekt – zumal auch die Natur, alle Tiere und Pflanzen, von dem geschützten Raum profitieren. Das Wasser ist unglaublich sauber. Eigentlich kenne ich es so, dass ich mich nach einem Bad im Salzwasser irgendwie dreckig fühle und dringend eine Dusche brauche. Nicht so hier: Wir lagen an einem kleinen Anleger an der Insel Mosselbank und sind morgens ins kalte Wasser gestiegen, um Zuidwester am Rumpf von den Süßwassermuscheln zu befreien, die sich dort im Laufe des letzten Jahres sesshaft gemacht hatten und dann durch das Salzwasser getötet worden waren. Ein kurzer Aufenthalt im Salzwasser ist offenbar perfekt, um Muscheln loszuwerden, denn sie ließen sich ganz leicht ablösen – großteils mit bloßen Händen. Das Wasser war herrlich kalt, da es vorher ein paar Tage lang geregnet und gestürmt hatte – es tat so gut und anschließend machte es mir absolut nichts aus, erst am nächsten oder übernächsten Tag im Hafen von Ooltgensplaat duschen zu können.

Aber nicht nur das Grevelinger Meerh war wunderbar und beeindruckend. Biesbosch, ein Nationalpark mit vielen kleinen Wasserwegen und einer atemberaubenden, wenn auch teils durch Menschenhand gestalteten Natur, zieht uns jedes Mal in seinen Bann. Wir durchquerten ihn auf dem Hin- und Rückweg und übernachteten jeweils einfach irgendwo, wo es nett war. Wir erkundeten mit den Hunden die Gegend, die beinahe nur aus wilden Ufern zu bestehen scheint, kletterten auf umgestürzten Bäumen herum, die ganze Felsbrocken in ihrem Wurzelwerk mit nach oben gerissen hatten, und genossen die Abgeschiedenheit.

Schon auf dem Weg in Richtung Grevelinger Meer hatten wir an mehreren Stellen ganze Wände von Brombeersträuchern am Ufer entdeckt. In Ooltgensplaat hatten wir mit – oder trotz – Hilfe der Hunde vom Beiboot aus eimerweise Brombeeren gepflückt und im Rahmen unserer begrenzten Möglichkeiten an Bord von Zuidwester zu Marmelade und Chutney verarbeitet. Wir saßen dort auf dem Hinweg wegen schlechten Wetters zwei Tage lang fest und konnten in dem winzigen Hafen, in dem wir gestrandet waren, alle möglichen Boote und Menschen beobachten, Geschichten dieser Menschen hören oder erleben und durch den beinahe toten aber absolut idyllischen Ort streifen. Viele Dörfer in den Niederlanden wirken wie ausgestorben. Niemand scheint dort zu sein, an jedem Haus hängen Schilder, die auf Verkauf oder Vermietung hinweisen. Alte Festungen und Gebäude, die anderswo als Museen vermarktet würden, stehen dort einfach verlassen in der Gegend herum und niemand stört sich daran, wenn Pirat*innen wie wir einfach hindurchstreunen oder darauf herumklettern.

Fast Überall fühlt mensch sich wie in einem Bilderbuch oder einem Postkartenfoto. An vielen Häfen gibt es Schafe oder Ponys, überall gibt es Seeschwalben, Haubentaucher, Gänse und Möwen in allen Schattierungen. In Ooltgensplaat hatten Bachstelzen direkt neben unserem Liegeplatz unter der Kaimauer ein Nest und wir durften während unseres Aufenthalts dort ihre nachbarschaft genießen – inklusive des ersten Ausflugs eines der Küken. Die Eltern hatten unser Boot schnell als guten Platz zum zwischenlanden auserkohren und verloren erstaunlich schnell die Scheu vor uns. Ja, und natürlich die Möwen. Je mehr wir uns dem Salzwasser näherten, umso mehr von ihnen gab es. Ihre Rufe sind wunderbar und ihr Erscheinungsbild muss beeindruckend sein – eine Seemöwe folgte uns – so wirkte es jedenfalls – und wir nannten sie bzw. ihn Marvin. Ein kleiner Kunststoffmarvin schmückt seit unserem Aufenthalt in Brouwershaven unser Boot. Wir fragten die Frau im Bootszubehör- und Souvenierladen, wie Möwen auf Niederländisch heißen. Was sie sagte, war vermutlich Meeuw, klang aber wie Miau, weshalb sich neben Marvin als Oberbegriff für alle Möwen auch Seemiau bei uns etablierte.

Wie es sich für ein Piratenboot gehört, passierten uns aber auch einige Beinahekatastrophen. Von einem im Propeller verfangenen Seil innerhalb einer Schleuse über ein nicht mehr in den Rückwärtsgang schaltendes Getriebe in einer anderen Schleuse, während wir um ein Haar zwischen zwei riesigen Schiffen eingeklemmt wurden, bis hin zu einem altersschwachen und unter Belastung fast reißenden Stahlseil des Masthebemechanismus, das beinahe dafür gesorgt hätte, dass uns der Mast auf die Köpfe fiel – wir überlebten so manche Schrecksekunde und brenzlige Situation. Wir sind noch viel mehr als im letzten Sommer zum Team zusammengewachsen und haben genau das etabliert, was auf einem Boot notwendig ist: Frei nach den Grundsätzen der karibischen Piraten des 18. Jahrhunderts haben wir an Bord eine klare Befehlskette aber keine Hierarchie. Es ist logisch: Wer die meiste Ahnung und den meisten Überblick hat, darf bestimmen, was gemacht wird. So ergibt sich das, was unter dem Namen Befehlskette viel martialischer klingt, als es gemeint ist. In Stresssituationen, wenn es wirklich darauf ankommt, lasse ich mich gerne von jemandem herumkommandieren, der weiß, was er tut und welche Zuarbeit er braucht – solange dieses Verhalten sich nicht auf andere Lebensbereiche ausweitet.

Für ein Fazit des Urlaubs ist es viel zu früh, zumal wir den Urlaub nach einer kurzen Pause fortsetzen werden. Das Boot liegt jetzt in Werkendam, einen Steinwurf von Biesbosch und eine Tagesbummelfahrt von Hollands Diep entfernt. In dieser Gegend soll es bleiben und wir werden in den nächsten Tagen dort hin zurückkehren. Mein Fazit bis hier her ist aber, ähnlich wie im letzten Jahr, so funktioniert perfekter Urlaub.

Advertisements

2 Gedanken zu “Alle Möwen heißen Marvin

  1. kommunikatz sagt:

    Doch, ein Fazit gibt es schon: Ich werde endlich einen Niederländischkurs machen. Es ist viel schöner und wertschätzender, den Leuten in ihrer Landessprache zu begegnen, anstatt sie dazu zu nötigen, Englisch oder Deutsch zu sprechen. Die meisten Niederländer*innen können das ausgezeichnet, aber sie wissen es dennoch sehr zu schätzen, wenn mensch sich Mühe gibt, Niederländisch zu sprechen und zu verstehen. Am verstehen scheitere ich meist nur halb, weil ich zwei Minuten von der Niederländischen Grenze entfernt aufgewachsen bin und die Sprache schon immer im Ohr habe, aber sie zu sprechen, habe ich nie strukturiert gelernt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s