Der mentale Bildschirmschoner

Gewöhnung ist ein interessantes Phänomen. Sie macht Lebewesen anpassungsfähig, lässt uns überflüssige weil immer gleiche Informationen ausblenden und erleichtert es uns insgesamt, mit Widrigkeiten umzugehen. Sie gibt uns die Freiheit, uns nicht immerwährend mit irgendeinem lästigen Problem zu beschäftigen sondern Wichtigerem zuzuwenden. Meine Hündin Arzu und ihr Lampenschirm sind ein brilliantes Beispiel dafür. Innerhalb eines Tages hatte sie den Umgang mit dem Halstrichter gelernt, den sie zum Schutz ihres frisch operierten Augenlids tragen muss. Nach zwei weiteren Tagen schien das Ding sie nichtmal mehr zu stören bzw. sie lernte sogar, ihren Kopf seitlich so am Trichter zu reiben, dass es ihrem Auge scheinbar – oder vermeintlich – Erleichterung verschafft.

 

Aber Gewöhnung besteht nicht nur aus aktiven Lernprozessen. Der Körper gewöhnt sich an bestimmte Einflüsse. Wenn ich wegen einer chronischen Krankheit ein Medikament über einen langen Zeitraum nehme, werden die Nebenwirkungen immer schwächer, weil mein Stoffwechsel sich an den Umgang mit den Substanzen gewöhnt. Das Ganze spielt sich immer mehr ein und die unangenehmen Effekte lassen spürbar nach. Alle möglichen körperlichen Anpassungsprozesse laufen so – etwas, das immer da ist, wird als Standard und unabänderliche Bedingung akzeptiert. Mensch bemerkt es irgendwann gar nicht mehr, weil es quasi mit der Tapete verschwimmt – es gehört einfach dazu.

 

Dieser Mechanismus hat aber auch seine ärgerliche Seite, denn er betrifft negative wie positive Dinge gleichermaßen. Etwas Unangenehmes mit der Zeit ausblenden zu können, ist eine sehr sinnvolle Sache. Aber etwas Angenehmes irgendwann nicht mehr wahrzunehmen, nur weil es längst ins Inventar übergegangen ist, kann sehr schade sein. Oder, anders gesagt: Dinge, die Mensch sehr gut kennt, werden irgendwann langweilig. Je häufiger ich mein Leibgericht esse oder je häufiger ich meine Lieblingsmusik höre, desto uninteressanter werden diese Dinge. Dabei ist es ganz egal, wie speziell und großartig etwas ist. Wenn ich jeden Tag ein mehrgängiges Menü mit bestem Wein im Fünfsternerestaurant konsumiere, wenn ich meinen Alltag in einem herrlichen Schloss oder in der idyllischsten Weltgegend verbringe, werden diese Privilegien irgendwann so normal, dass ich sie nicht mehr wertschätzen kann. Vielleicht beginnen solche eigentlich perfekten Dinge irgendwann sogar, mich zu nerven, weil sie eintönig werden und mir alles so bekannt ist, dass ich keine neuen, spannenden Aspekte mehr entdecken kann.

 

Das wirkt zuerst vielleicht wie ein Problem der Schönen und Reichen – sie langweilen sich in ihrer sorglosen Glitzerwelt zu Tode und verlieren den Bezug zur Realität. Selbst der größte Reichtum befriedigt dann kein Bedürfnis mehr – das unbehelligte Leben ist viel zu ereignislos. Aber dafür muss mensch nichtmal reich sein. Die Dinge, mit denen Menschen sich den Alltag nett machen, sind auch in weniger gut betuchten Kreisen oft immer die gleichen. Menschen treffen sich jedes Wochenende mit den selben Personen, um jedes Mal die selben Dinge zu tun, Menschen fahren an den immer gleichen Urlaubsort, Menschen verbringen jeden Abend schweigend vor dem Fernseher. Sie schauen nie über ihren Tellerrand hinaus, lassen sich nie auf Experimente ein und versauern so oft unbemerkt in der Eintönigkeit. Was sie bemerken, ist vielleicht ein unterschwelliges Gefühl der Unzufriedenheit und Langeweile, aber woher dieses Gefühl kommt, machen sie sich meistens nicht klar.

 

Rituale können helfen und angenehm sein, aber sie sind die Inkarnation der Langeweile. Ich plädiere hier für die Abwechslung. Es lohnt sich absolut, nicht in festen Strukturen zu versauern. Den Gewöhnungseffekt zu nutzen, um mit negativen Einflüssen besser zurechtzukommen, reicht völlig. Gewöhnung an angenehme Dinge sollte mensch tunlichst vermeiden, denn sonst gibt es irgendwann nichts mehr zu genießen.

 

Um Dinge effektiv genießen zu können, ist Abwechslung unerlässlich. Jeden Tag das Gleiche zu essen, jeden Abend das gleiche Bier zu trinken oder jedes Wochenende mit den exakt gleichen Abläufen zu verbringen, mag ein Gefühl von Halt und Sicherheit geben, aber interessant ist es nicht. In den meisten Lebensbereichen habe ich das mit der Abwechslung recht gut im Griff. Es wird hier eigentlich selten langweilig, weil es trotz bestimmter Regelmäßigkeiten jeden Tag eine Menge unvorhergesehener, spannender oder auch verwirrender Ereignisse gibt. Die wenigen Dinge, die wirklich immer beinahe gleich sind, zeigen aber genau die Abnutzungseffekte, die aus Gewöhnung entstehen. Sie verblassen und ich nehme nicht mehr wahr, wie schön und besonders sie sind. Zwischendurch etwas ganz Anderes zu tun, sich auf Experimente einzulassen, Neues auszuprobieren, hält das Leben spannend und die Sinne wach – es können dann gar keine blinden Flecken entstehen, weil die Abwechslung wie ein Bildschirmschoner auf einem alten Röhrenmonitor dafür sorgt, dass sich an keiner Stelle ein Bild einbrennt.

 

Genau, Bildschirmschoner: Das Bild bleibt immer in Bewegung, wie auch die Menschen es tun sollten. Bewegung hält fit – nicht nur körperliche sondern vor allem auch geistige Bewegung. Nichts Anderes ist für mich ein abwechslungsreiches Leben – mental beweglich zu bleiben und die eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen bewusst vielfältig zu gestalten, um sich flexibel, offen, inspiriert und wach zu halten. Probiert öfter mal etwas Neues aus, seid offen für Dinge, die einfach passieren. Seid spontan und lasst Euch mitreißen. Kauft nicht immer die gleichen Getränke und Nahrungsmittel, sondern orientiert Euch z.B. daran, was gerade im Angebot ist. Abonniert eine Biokiste, so dass Ihr jede Woche irgendwelche schrägen Obst- und Gemüsesorten frei Haus geliefert bekommt, mit denen Ihr dann kreativ sein könnt. Geht gezielt an Orte, die Ihr noch nicht kennt, entdeckt und erforscht Eure Umgebung und Eure Mitmenschen, lasst Euch auf Gespräche und Erlebnisse ein. In welchen Lebensbereichen mensch das will oder kann und in welchen Sicherheit und Ruhe wichtiger sind, muss Jede*r für sich selbst entscheiden. Die wirklich spannenden und inspirierenden Dinge passieren aber nicht auf den ausgetretenen Pfaden der Gewohnheit.

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