Zu faul für Streit

Als friedensbewegte Kommunikationswissenschaftlerin interessiere ich mich sehr dafür, wie Menschen mit Konflikten umgehen. Das School of Life Video „How to argue with your Partner“ verengt diese Frage auf Streitigkeiten innerhalb von Liebesbeziehungen, aber sei’s drum – eigentlich lässt sich daraus viel mehr universelle Gültigkeit ziehen.

24589772063_216909ac95_k

How to Argue With Your Partner

Das Video leitet dazu an, Konflikte nicht durch Rache und Gegengewalt zu eskalieren sondern sich auf die eigenen Gefühle und Wünsche zu besinnen. Es schildert, dass Konflikte zwischen Paaren wegen Kleinigkeiten sich nur deshalb so oft hochschaukeln, weil beide Beteiligten verletzt und traurig sind. Die Partnerin oder der Partner hat – vielleicht ohne es überhaupt zu bemerken oder zu wollen – etwas Verletzendes gesagt oder getan. Der Impuls vieler Menschen scheint zu sein, darauf mit Rache, Strafe und Gegenangriff zu reagieren, damit dieser böse Mensch mal merkt, was er einem angetan hat. In Wahrheit wollen beide Seiten aber nur geliebt und fair behandelt werden, sie wollen von dem Menschen, den sie lieben, keine Verletzungen oder Verleugnungen erfahren.

Darin steckt sehr viel von Marshall Rosenbergs Gewaltfreier Kommunikation. In seiner Theorie geht es darum, wertschätzend mit sich selbst und anderen Menschen umzugehen. Dafür ist es wesentlich, sich zuerst auf einen (vielleicht nur inneren) Konflikt und alle damit verbundenen Gefühle einzulassen. Hat mensch verstanden, was mensch da eigentlich gerade fühlt, kommt als nächster Schritt die Frage nach dem daraus resultierenden Bedürfnis. Was fehlt mir? Was brauche ich, um das Bedürfnis zu befriedigen und das negative Gefühl loszuwerden? Habe ich das empfunden und verstanden, kann ich es meinem Gegenüber unaufgeregt und ehrlich sagen – genau, wie die School of Life es anregt. Mein Gegenüber kann dann seinerseits aus der Spirale von Angriff und Gegenangriff, Rache und Vergeltung aussteigen und auf mein ehrliches Bekenntnis reagieren. So entsteht im Idealfall ein Dialog ohne Aggression, dafür aber mit viel mehr aufrichtigen Eingeständnissen, als wir normalerweise gewöhnt sind.

Folgt mensch diesem Prinzip, wird es viel leichter, mit Wut und Aggressionen umzugehen, die wirklichen Beweggründe für das eigene Verhalten zu verstehen und die eigenen Gefühle viel konkreter einzuordnen. Mit dem Gegenüber steigert mensch sich dann nicht immer weiter in einen Streit hinein, sondern der Streit wird schon im Keim erstickt und durch einen Ausdruck echter Emotionen und Bedürfnisse ersetzt. Das Gegenüber erfährt viel mehr über meine Verletzung, meine aufrichtige Liebe und meine Angst vor Enttäuschung und Zurückweisung, als wenn ich selbst aus Rache mit Angriff, Verletzung und Zurückweisung reagieren würde. Genau wie in der Weltpolitik führen Aufrüstung, Drohkulissen und Vergeltungsakte niemals zu Frieden sondern immer nur zu mehr Krieg. Wieso sollte das im privatesten Teil des Lebens anders aussehen? Das Private ist und bleibt hochpolitisch!

Ich selbst halte mich in diesem Bereich schon für einigermaßen fortgeschritten. Der Kurs in Wertschätzender bzw. Gewaltfreier Kommunikation, den ich im letzten Jahr gemacht habe, hat mir methodisch viel Neues gebracht, aber von der Grundidee her hauptsächlich Dingen einen Namen gegeben, die ich auch vorher schon empfand. Vielleicht spielt mir dafür auch meine Persönlichkeitsstruktur in die Hände – und vielleicht lassen sich daraus Tips ableiten, wie mensch zu einem solchen, wertschätzenden Umgang kommen kann.

Die erste, vermutlich hilfreiche Eigenschaft ist Pazifismus. Ich halte Konflikte zwar nicht für vermeidbar oder unnötig, ich halte es aber für absolut essentiell, sie möglichst schnell und möglichst gütlich für alle Beteiligten zu lösen. Konflikte sind Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt – und zwar, indem mensch sie aus der Welt schafft und nicht nur, indem mensch einen Kontrolletti danebenstellt. So werden die Konflikte nicht gelöst sondern nur betäubt. Menschen werden daran gehindert, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Die Aggressionen der Menschen gehen davon aber nicht weg und sobald der Kontrolletti seinen Posten verlässt, geht das Hauen und Stechen weiter. Erst, wenn alle Seiten angehört wurden, sich ausgetauscht und verstanden haben – wenn sie sich letztlich nicht mehr als Gegner*innen sehen, sondern als Gruppe, die gemeinsam eine Lösung finden muss und kann – dann hat diese Gruppe eine Chance auf echten Frieden. So funktioniert Zivile Konfliktbearbeitung – ein Konzept, das auf Rosenbergs Gewaltfreier Kommunikation fußt.

Die zweite Eigenschaft ist Hedonismus. Ja, Ihr habt richtig gelesen, ich meine genau das. Ich bin ein ziemlich hedonistischer Mensch, wenn mensch Hedonismus als die ständige Suche nach positiven Erlebnissen versteht. Das Streben nach Spaß und Zerstreuung, der Widerwille gegen unangenehme Tätigkeiten und unangenehme Menschen, die Abscheu gegen Konflikte, welche so ziemlich das Nervigste und Negativste überhaupt sind, sind für mich starke Motivatoren, Konflikte so schnell und nachhaltig wie möglich zu Lösen. In Kombination mit der vierten Eigenschaft, dem Altruismus, wird dann langsam ein Schuh daraus: Ich suche nicht nur für mich selbst nach schönen Dingen und guten Gefühlen, sondern ich möchte auch anderen Menschen dazu verhelfen, so zufrieden wie möglich zu leben. Ich vermeide bzw. löse Konflikte daher auch meinem Gegenüber zuliebe gerne ohne Aggression und Stress.

Und zu guterletzt bin ich pragmatisch und sehr faul. Faulheit ist für mich ein starker Ansporn, Dinge so effektiv wie möglich zu erledigen und Aufgaben aller Art so schnell wie möglich wegzuarbeiten, damit ich einen freien Kopf habe und mir keine lange to-do-Liste das Hirn blockiert. Also schaffe ich Dinge aus der Welt, indem ich sie erledige. Das gilt auch für Konflikte. Würde ich aggressiv und aufbrausend reagieren, würde das den Konflikt verlängern und verkomplizieren. Wenn ich den Konflikt möglichst schnell los sein will, muss ich also so unaufgeregt, freundlich und ehrlich sein, wie ich nur kann.

Mit all diesen Eigenschaften im Hintergrund war es für mich immer logisch, Konflikte einfach, schnell und gütlich zu lösen. Die Strategien dazu ergaben sich aus Erfahrung und gesundem Menschenverstand – was natürlich seine Zeit brauchte. Es ist schade, zu beobachten, dass dieser gesunde Menschenverstand oder diese Eigenschaften in der gesellschaftlichen Mehrheit nicht so verbreitet zu sein scheinen. Vielleicht bin ich mit dieser Einschätzung überheblich, aber das School of Life Video zeichnet ebenfalls das Bild, dass sehr viele Menschen sich mit der beschriebenen, von Wertschätzung und Offenheit geprägten Handlungsweise schwer tun. Wahrscheinlich ist der einzige Grund dafür, dass es Menschen generell schwer fällt, Verletzlichkeit zuzulassen und zu zeigen. Je offener ich über meine Gefühle und Bedürfnisse spreche, desto verletzlicher bin ich. Je mehr ich eine Mauer aus Verteidigung und Gegenangriffen um mich errichte, desto weniger Angst habe ich vor Verletzungen, weil ich mich hinter meinem Bollwerk sicher wähne. Dass ich mich so erst recht verletzlich mache, weil ich die verletzenden Reaktionen meines Gegenübers unmittelbar provoziere, muss ich mir erstmal vergegenwärtigen.

Das lohnt sich aber wirklich, also denkt mal drüber nach, wie Ihr mit Konflikten umgeht und was Ihr mit Eurem Verhalten eigentlich bezweckt. Vielleicht lässt sich an dieser Stelle viel Frust, Traurigkeit und Mühe einsparen und Ihr eröffnet Euch neue Chancen auf positive, bestärkende Erlebnisse und ehrlich ausgedrückte Wertschätzung.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s