Eine helle Schwarzlichtbirne

Ich bin in letzter Zeit ein bisschen uninspiriert. Zwar werde ich oft genug von meiner persönlichen Muse geküsst, aber meine Muse ist ein schwarzer Labrador. Von ihr geküsst zu werden, ist eher eine eklige Angelegenheit, wenn sie vorher Gänsekacke und verrotteten Fisch gemampft hat. Das tat sie letztes Wochenende ausgiebig. Außerdem gab es am Baggersee auch genug tote Fische, in denen sie sich wälzen konnte, um ihre Umgebung endlich wieder mit ihrem Lieblingsparfüm zu beglücken.

 

Ja, wir haben die warmen und wettertechnisch sehr interessanten Pfingsttage genutzt, um eine richtig schöne, lange Zeit auf dem Boot und in der Natur zu verbringen. Die Hunde haben es genossen und ich habe dank Arzus Fischwälzerei mein erstes Bad im See genommen, weil ich nicht nur sie sondern danach auch mich selbst gründlich waschen musste.

 

Direkt nach dem langen Pfingstwochenende, dienstags Morgens, gab es dann das Kontrastprogramm: Arzu hatte seit einiger Zeit eine kleine Warze am linken Augenlid. Diese musste entfernt werden, bevor sie zum Störfaktor wurde. Vor allem sollte sie aber weg, bevor sie weiter wuchs, damit die entstehende Narbe möglichst klein blieb – sonst würde die Narbe am Ende mehr stören als die Warze selbst. Das bedeutete Tierarzt, Vollnarkose und Herumgeschnippel am Augenlid. Ich vertraue unserem Tierarzt und machte mir relativ wenig Sorgen, dass etwas mit der Narkose oder der OP selbst schiefgehen könnte. Angst hatte ich mehr in Bezug auf die Zeit nach der OP. Arzu muss 10 Tage lang einen dieser schrecklichen Hartplastik-Lampenschirme um den Hals tragen, damit sie mit ihren Pfoten nicht an ihr frisch genähtes Auge kommt. Wenn sie versuchen würde, sich dort zu kratzen, würde sie die Naht aufreißen und ihr Auge nachhaltig schädigen. Das wäre nicht nur sehr unangenehm für sie sondern würde auch das Ende ihrer Arbeit als Führhund bedeuten.

 

Da ich weiß, wie intelligent, geschickt und ungeduldig Arzu ist, machte ich mir im Vorfeld viele Gedanken über die Bequemlichkeit und Sicherheit verschiedener Halskragen. Es sollte einer sein, der sie nicht zu sehr nervt, mit dem sie gemütlich liegen und schlafen kann und mit dem sie sich und uns Menschen nicht ständig wehtut, weil sie überall aneckt. Der weiche Kragen, den ich daraufhin kaufte, war aber erstens sehr schwer und zweitens laut Tierarzt zu biegsam, so dass sie ihr Auge irgendwie doch hätte erreichen und beschädigen können. Letztendlich bekam sie also aus Sicherheitsgründen das Standardmodell und ich machte mir noch mehr Sorgen, wie sie damit zurechtkommen würde.

 

Als wir sie nach der OP wieder einsammelten, war sie noch völlig gaga und orientierungslos. Sie jammerte und quengelte fürchterlich – vermutlich wollten die Leute in der Praxis deshalb, dass wir sie schnell abholten. Arzu war ein Häufchen Elend und tat ihre Unzufriedenheit lautstark kund. Damit hörte sie bis zum Abend auch immer nur für kurze Phasen auf, so dass ich ausführlich Gelegenheit hatte, mit ihr zu leiden.

Es ist Wahnsinn, wie viel Empathie zwischen Hunden und Menschen möglich ist. Wir haben die gleichen Grundemotionen, die der Mensch nur durch die Sprache und eine Fülle von Interpretationen und Grübelei bis ins Unermessliche verkompliziert hat. Durch die jahrtausendelange enge Verbindung und Kooperation zwischen Mensch und Hund können wir gegenseitig sehr gut unsere Signale entschlüsseln. Ich habe das Gefühl, mich ohne jede unzulessige Vermenschlichung fast vollkommen in Arzu hineinversetzen zu können. Dabei hilft sicher, dass ich mich in den letzten Jahren ein bisschen mit der Kognition und Psyche von Hunden beschäftigt habe. Jedenfalls leide ich mit ihr, wenn sie so jämmerlich vor sich hin weint und jault. Sie klingt dabei wie alles Mögliche, aber selten wie ein Hund. Ihre Unmutsäußerungen sind wie ein rhythmisches Schluchzen, Gurren oder Schnattern. Durchs Telefon klingt sie angeblich wie eine Ente und mensch kann diese Geräusche lustig finden. Aber wenn mensch sich klar macht, was die Motivation eines Tieres ist, solche Geräusche von sich zu geben, ist es mit der Lustigkeit vorbei. Es klingt ja nicht nur wie Schluchzen sondern es ist wirklich ein bitterliches, verzweifeltes Weinen – aus Schmerz, aus Unwohlsein oder aus einer anderen misslichen Lage heraus. Es ist ein unmittelbarer Ausdruck von Leid, Trauer oder Verzweiflung. Das als Mensch nicht mitzuempfinden, wenn mensch ein Tier in einer solchen Lage erlebt, ist für mich unvorstellbar.

 

Der Dienstag ließ mich das Schlimmste befürchten. Ich dachte, sobald alle Nachwirkungen der Narkose, Schmerzmittel und Antibiotika vorbei sind, wird sie wegen des Halstrichters amoklaufen. Ich habe vor einiger Zeitwegen ihrer ständigen Mampferei draußen mal versucht, ihr einen Maulkorb anzuziehen – den hatte sie nach wenigen Sekunden mit einer eleganten Pfotenbewegung abgestreift. Irgendeinen Weg würde sie auch finden, den Kragen loszuwerden oder zumindest würde sie ständig versuchen, daran herumzumanipulieren. Vielleicht verstärkte ich diese Sorgen noch, weil ich dieses Verhalten so verdammt nachvollziehbar fand. Wieso sollte ein Hund, dem mensch den Sinn dieses blöden Lampenschirms nicht erklären konnte und dessen Auge sicherlich juckte, das störende Ding um seinen Hals einfach so akzeptieren? Für mich war die Rebellion gegen diesen unverständlichen Fremdkörper eher ein Zeichen von Intelligenz als von Dummheit oder Renitenz. Und einen intelligenten Hund zu haben, fand ich schön.

 

Aber dann kam es ganz anders. Die Nacht war erstaunlich ruhig, Arzu hatte, als sie nicht mehr so sehr unter Drogen stand, schnell eine trotz Trichter bequeme Liegeposition gefunden und schlief mit einer kurzen Quengeleinlage die Nacht durch. Morgends eroberte sie das Bett und zwang mich, aufzustehen und Kaffee zu kochen. Irgendwann kam sie schwanzwedelnd und erstaunlich wenig aneckend zu mir in die Küche und frühstückte zwei Erdbeeren. Sie wirkte völlig normal und war offensichtlich wieder sie selbst. Ein paar Mal versuchte sie, mit den Pfoten den Trichter zu attackieren, aber nach sehr kurzer Zeit arrangierte sie sich mit dem Ding und lernte unglaublich schnell, wie sie navigieren musste, um nicht überall anzustoßen. Sie bewies mir also ihre Intelligenz auf etwas andere und deutlich angenehmere Art, als ich es erwartet hatte. So schnell mit einem so hinderlichen Gegenstand umgehen zu lernen und seine Energie nicht in einen ewigen Kampf sondern eben in diesen Lernprozess zu stecken, ist ziemlich klug. Vermutlich kennt sie diese Trichter, weil sie nach ihrer Kastration schonmal einen getragen haben dürfte, aber selbst etwas vor 3 Jahren Gelerntes so schnell wieder abrufen zu können, ist eine große Anpassungs- und Lernleistung.

 

Sie frisst und trinkt wieder, schnüffelt überall rum und wäre beim Spaziergang auch gerne ins Wasser gehüpft, was ich aus diversen Gründen verhindert habe. Ein Passant kommentierte Arzus Aussehen mit „Schöne Lampe!“. Ich sagte dazu nur „Schwarzlicht“ 🙂

 

Die Geschichte ist natürlich erst ausgestanden, wenn alles verheilt ist, die Fäden gezogen sind und sie den Lampenschirm nicht mehr tragen muss. Ich habe aber selbst bis hierher schon unheimlich viel aus der Warzenepisode gelernt. Meine Erkenntnis beschränkt sich nicht darauf, dass ich einen schlauen Hund habe, sondern ich habe auch sehr deutlich gemerkt, wie eng und empathisch unsere Bindung ist und welche verschiedenen Aspekte diese enge Bindung hat. Arzu ist für mich nicht nur ein Haustier, das mir, wie das Klischee es sagt, fast so nah ist wie ein Kind. Sie ist auch quasi meine Angestellte, von deren Arbeitsleistung ich abhängig bin. Sie zu verlieren wäre eine Katastrophe. Zu erleben, wie sie unter einem langfristig beschädigten Auge leidet, wäre sehr traurig, auch wenn sie sich damit vermutlich ähnlich schnell arrangieren würde wie mit dem blöden Trichter. Aber mich nicht mehr von ihr führen lassen zu können, würde mein Leben nicht nur emotional sondern auch organisatorisch und strukturell massiv beeinträchtigen. Die Abhängigkeit ist eine mehrfache und ich möchte dieses Wesen in meinem Leben nicht mehr missen – jedenfalls nicht vor der Zeit.

 

PS: Dass die Empathie zwischen Hunden ausgeprägter sein könnte, fiel mir sehr deutlich an Akiros Verhalten auf. Obwohl es Arzu offensichtlich wirklich dreckig ging, versuchte er die ganze Zeit, sie zu besteigen, so dass wir Arzu noch aktiver beschützen mussten als sonst.

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2 Gedanken zu “Eine helle Schwarzlichtbirne

  1. kommunikatz sagt:

    Der Tierarzt ist zufrieden, alles wird gut 🙂 Richtig erleichtert bin ich aber erst, wenn nächste Woche Freitag die fäden gezogen sind und ein paar Tage später der Trichter endlich weg kann. Sie versucht dauernd, ihr Auge daran zu reiben, und da sie frisst wie ein Schwein, darf ich das Ding nach jeder Fütterung saubermachen.

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  2. kommunikatz sagt:

    Sie trägt nun seit einer Woche keinen Lampenschirm mehr und lässt ihr Auge vorbildlich in Ruhe. Inzwischen ist auch die Hornhauttrübung wegen der reibenden Fäden abgeklungen und sie guckt wieder aus zwei großen, schwarzen Augen in die Welt. Damit endet ihre Krankschreibung und ich muss sie mal wieder ans Arbeiten kriegen 🙂

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