Haarig…

Nein, diesmal geht es weder um die Hunde noch um Einbürgerungen. Hier geht es um ein wirklich haariges Thema: Menschenhaare – von Kopfhaar bis Körperbehaarung. Ich will darüber eigentlich schon lange einen Blogbeitrag schreiben, den letztendlichen Anreiz gab mir nun aber eine Kolumne der von mir gerne gelesenen Margarete Stokowski. Vor ein paar Tagen forderte sie in ihrem Körperbildmanifest mehr dicke Mädchen in Leggings. Es ging unter Anderem auch um das Okaysein von Körperbehaarung aller Art und die Unzulässigkeit von Kritik oder generell von Kommentaren zu andererleuts Körpern. Die Kolumne enthielt für mich keine neuen Erkenntnisse, aber sie war so eindringlich, allgemeinverständlich und nett geschrieben, dass sie mich irgendwie mitriss.

 

Lange Jahre steckte ich in einem Dilemma: Einerseits wollte ich der sehenden Welt beweisen, dass ich auf mein Äußeres achten und mich genauso gut und attraktiv präsentieren kann, wie eine sehende Frau. Ich hatte das Klischee von heruntergekommenen, ungepflegten blinden Menschen im Kopf, die ihren Körper und ihre Wirkung auf Andere aus Ignoranz oder Unwissenheit vernachlässigten. Leider traf ich auch hin und wieder auf solche Klischee-Blinden und bekam dann noch mehr Angst, jemand könnte mich in diese Schublade stecken. Andererseits bin ich erstens von Grund auf faul und zweitens schon sehr lange überzeugte Feministin. Als großer Fan von Diversität und gelebter Vielfalt fand ich eigentlich immer schon, dass jeder Mensch mit seinem Körper tun und lassen soll, was sie oder er selbst möchte. Sich beispielsweise zwanghaft alle möglichen Körperregionen zu enthaaren, nur um irgendeinem Ideal oder irgendeiner Erwartung zu entsprechen, kam mir unsinnig vor. Dennoch tat ich es selbst auch, in dem Glauben, das sei eben, was ich mit meinem Körper tun will. Dem widersprach bloß immer mein Gefühl: Es hatte etwas mit Druck, Erwartungen und dem Ausbügeln von Unzulänglichkeiten zu tun, also genau mit der Verachtung des eigenen Körpers, wie sie vor allem Frauen überall und ständig eingeimpft wird. Margarete Stokowski hat mich nun endlich überzeugt: Ich werde meine Beine und Achseln diesen Sommer nicht enthaaren – im Winter tue ich das ohnehin nicht. Und, was ich schon viel länger, nämlich eigentlich schon immer will: Ich werde meine immer grauer werdenden Kopfhaare ganz lang wachsen lassen.

 

Meine Mutter war, wie ich jetzt, schon mit Mitte 30 ziemlich grau. Als das Grau zwischen ihren tollen, schwarzen Haaren Überhand nahm, war ihre Konsequenz daraus, sich sofort eine Kurzhaarfrisur zuzulegen. Da ich ihre Haare – besonders die silbernen – wunderschön fand, konnte ich das als Kind absolut nicht nachvollziehen. Ich beschloss, dass meine dunkelbraunen Haare immer lang bleiben würden, egal wie grau ich wäre. Mit einer unfreiwilligen Ausnahme in der frühen Pubertät hatte ich immer lange Haare. Ich wollte sie immer länger haben, als sie sich züchten ließen. Leider war bei einer Länge bis ca. zu den Schulterblättern aber Schluss – dann wurden sie einfach zu dünn und ausgefranst.

 

Seit ich 16 war, färbte ich meine Haare rot. Irgendwann mit Ende 20 wurde an den Schläfen das Grau unter dem Rot so viel, dass das Henna-Ergebnis immer oranger wurde. Ich ignorierte das eine ganze Weile bzw. fand es ok, von vorne auszusehen wie Pumuckel, solange meine Haare hinten noch dunkel waren. Unterschwellig machte sich aber eine Idee breit, die ich auch schon seit einer ganzen Zeit mit mir herumtrug: Kurze Haare faszinierten mich. Zumindest wollte ich einmal die Erfahrung machen, wie sich Haare auf dem eigenen Kopf anfühlen, die nur ein paar Millimeter lang sind. Außerdem fand ich es hochinteressant, mich auf ein Spiel mit meiner Weiblichkeit einzulassen, mit der ich ja ohnehin immer ein bisschen hader(t)e.

 

Fast Alle, die ich fragte, fanden die Idee mehr oder weniger daneben. Ein guter Freund meinte, er fände das ok, ich würde dann allerdings als Frau für ihn uninteressant, da lange Haare zwingend zu seinem Konzept von Weiblichkeit gehörten. Das war mir so weit schnurz, ich fand es eher lustig, dass dieser eigentlich sehr aufgeschlossene Mensch so etwas sagte bzw. empfand. Eine Freundin und ihre Schwester waren etwas offener, schlugen mir allerdings vor, ich solle nicht gleich alle Haare superkurz schneiden sondern es mit einem Undercut probieren. Sie schnippelten ein bisschen an mir herum und heraus kam eine asymmetrische Fusselfrisur mit Undercut. Ich war begeistert und perfektionierte mit Haarschneider und Nagelschere das Ergebnis immer weiter. Irgendwann nach einigen Monaten war ich die Asymmettrie leid und kürzte alle Haare auf einen knappen Centimeter. Jetzt war definitiv jeglicher Überrest der roten Farbe raus und ich konnte quasi wieder bei Null anfangen. Eine kleine Weile kürzte ich meine Haare noch regelmäßig, dann ließ ich ihrem Wachstum freien Lauf.

 

Das war der Moment, als mir die Geschichte mit den Haaren meiner Mutter wieder einfiel. Seitdem habe ich nur ein einziges Mal eine Friseurin ein bisschen Form in mein Chaos bringen lassen, ansonsten wächst alles ganz ungestört. Ich will lange, graue Haare haben. Am Hinterkopf sind meine Haare immernoch dunkelbraun, das Grau beschränkt sich ziemlich dezidiert auf die Schläfen. Diese nette Fellzeichnung möchte ich mehr zur Geltung bringen. Ich träume von einem langen, geflochtenen Zopf mit grau-braunem Muster oder von einer wallenden Mähne mit Farbverlauf von Kastanienbraun bis Silber.

 

Graue Haare sind heute schon anerkannter, wenn nicht sogar angesagter, als vor 30 Jahren, als meine Mutter ihre Haare abschnitt. Aber irgendwie gibt es immernoch das ungeschriebene Gesetz, dass bei den allermeisten Frauen die Haare mit zunehmendem Alter immer kürzer werden. Diesem Gesetz füge ich mich nicht. Wenn ich schon das Privileg habe, so früh mit grauen Haaren spielen zu dürfen, will ich das auch richtig auskosten. Ich mag den Stilbruch zwischen meinem angeblich so jung wirkenden Gesicht und den vorne seitlich schon regelrecht weißen Haaren. Auch wenn ich es selber nicht sehe – ich stelle es mir reizvoll vor. Deshalb tue ich das, was ich am besten kann: Ich verhalte mich antizyklisch und lasse meine Haare wachsen, _weil_ sie grau werden.

 

Sowohl die weißen Haare auf meinem Kopf als auch die schwarzen Haare auf meinen Beinen sehe ich, frei nach Punkt 1 des Stokowski’schen Körperbildmanifests, als Demo gegen die herrschenden Umstände und Schönheitsideale. Beides sind ganz klare, durchdachte Statements. Aber das Schönste ist: Es sind eben nicht nur Statements sondern ich fühle mich so tatsächlich wohl und attraktiv. Falls ich doch mal wieder paranoid werden und mir vorweggenommene Urteile anderer Menschen zu Herzen nehmen sollte, kann ich mir immer wieder sagen: Es fühlt sich gut an, es hat eine Aussage und es macht keine Arbeit – perfekt! 🙂

 

PS: Als dickes Mädchen in Leggings gehe ich leider nicht durch, für diese Protestform bin ich zu sehr Minimensch =:)

 

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