Weird fishes

 

CulminationCulmination by Jessica Doyle

Vielleicht hatte ich kürzlich die erste visuelle Halluzination meines Lebens. Es war eher eine Illusion als eine Halluzination, da die Bilder nicht komplett aus dem Nichts kamen sondern es einen klaren Auslöser gab, aber das, was ich letztendlich sah, war definitiv Ergebnis irgendeines seltsamen Prozesses in meinen Augen, meinem Nervensystem oder meinem Gehirn.

Zur Vorgeschichte: Ich bin so gut wie blind, mein Sehrest liegt irgendwo in der Nähe von einem Prozent dessen, was normalsehende Menschen mit ihren Augen wahrnehmen. Bis vor knapp 10 Jahren sah ich ca. 2%und lag damit genau auf der Grenze zwischen Blindheit und hochgradiger Sehbehinderung. Trotz der Tatsache, dass ich mittig in beiden Augen massive Gesichtsfeldausfälle habe und nur mit dem peripheren Rand etwas erkennen konnte, war der Sehrest für erstaunlich Vieles nutzbar. Einen Langstock benutzte ich natürlich auch damals schon, aber ich orientierte mich zusätzlich relativ stark mittels meines Sehrests.

2008 kam dann beidseitig ein grauer Star, also eine ganz klassische Linsentrübung dazu. Da meine ursprüngliche Sehbehinderung auf einem Defekt von Netzhaut und Sehnerv beruht, dachte ich, ich kann ganz normal meine natürlichen Linsen gegen künstliche austauschen lassen und sehe dann wieder genau so, wie vor dem grauen Star. Diese Operation ist der häufigste ambulante Eingriff überhaupt, weil Linsentrübungen sehr verbreitet sind. Die OPs liefen komplikationslos, nur leider passten die künstlichen Standardlinsen nicht zu meinem peripheren Gesichtsfeld. Mit der Kombination aus Nachstar, Verzerrung und störendem Linsenrand mitten in meinem aktiven Sehfeld sah ich auch Monate nach dem Eingriff noch immer viel weniger als vor der ganzen Geschichte. Seitdem ist alles graue Suppe. Die Farben, die ich vor der Linsentrübung sehen konnte, verschwimmen jetzt zu einem undifferenzierten Brei, so dass ich mit vergrößerter Schrift oder Bildern keinen Blumentopf mehr gewinnen kann. Bedenkt mensch, dass ich vorher ein Bildschirmlesegerät und Vergrößerungssoftware nutzen konnte, war das ein gehöriger Einschnitt.

Farben kann ich nach wie vor sehen, wenn sie extrem lichtstark, intensiv und großflächig sind und wenn es keine anderen, störenden Lichtquellen gibt. Wenn ich z.B. abends im Dunkeln vor einer LED-Ampel stehe, färbt sich für mich die ganze Welt rot oder grün. Ähnlich ist es, wenn ich vor einer einfarbig angestrahlten Bühne stehe. Ich sehe dann eben keine graue sondern meinetwegen gelbe oder blaue Suppe. Normalerweise sehe ich aber nur Licht und Schatten, also hell-dunkel mit Graustufen.

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Dass ich Licht sehen kann, ist eine praktische Sache – z.B. wenn mein verhasstes iPhone bootet oder ein Update einspielt. Während es das tut, zeigt es in der Mitte des Displays ein kleines, sehr hell leuchtendes Apfelsymbol. Wenn die Umgebung dunkel ist und ich mir das Telefon direkt vors Auge halte, sehe ich dieses Äpfelchen als hellen, klar umgrenzten Lichtpunkt. Dann weiß ich zumindest, ob das Ding noch mit dem Boot- bzw. Updatevorgang beschäftigt oder schon abgestürzt ist. So war es auch vor ein paar Wochen. Das Telefon hatte schon den ganzen Tag gemosert, dass es ein Update haben wollte, so dass ich mich abends dann endlich erbarmte. Ich saß ganz entspannt im Dunkeln auf meinem recht bequemen Schreibtischstuhl und starrte mit dem linken Auge den kleinen Leuchtapfel an. Das Telefon updatete ewig vor sich hin, ich hatte also viel Zeit zum Starren.

Irgendwann – ich habe keine Ahnung, wie viele Minuten vergangen waren – begann der weiße Lichtpunkt vor meinem Auge, sich zu verändern. Er franste aus und verformte sich. Was mich aber viel mehr faszinierte: Er bekam Farbe. Die Spektralfarben Blau und Rot bewegten sich Wellen- und streifenartig über den Punkt bzw. das seltsam verformte und sich weiter verformende Etwas vor meinem Auge. Mal war es ein klar umrissenes, irgendwie oval geformtes Ding, mal wurde es rund und mal wolkig und unscharf. Mal war das Ding nur rot, mal nur blau, mal beides mit einer klaren Grenze dazwischen, mal verschwammen die Farben zu einem hellen Pink oder einem dunklen Violett. Manchmal bekam das Ding in der unteren, linken Ecke einen kleinen, weißen Fleck, so dass ich mich unwillkürlich an alte Windows-Icons erinnert fühlte, die in dieser Ecke immer ein kleines, weißes Quadrat mit einem schwarzen Pfeil darin hatten. Irgendwie hatte es manchmal aber auch etwas von einem rot-blau gemusterten Fisch mit einer helleren Schwanzflosse oder einem weißen Maul. Dieses Ding war in der Mitte meines Gesichtsfelds, drumherum war ein relativ breiter, schwarzer Rand.

Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass all das wirklich auf dem Display meines Telefons passierte. Ich fand es interessant, dass Apple anscheinend das langweilige Apfelsymbol durch ein bewegtes, farbiges Icon ausgetauscht hatte und kommentierte hingerissen, was ich beobachtete. Dann nahm ich das Telefon von meinem Auge, hielt es meinem Partner hin und fragte, was genau es anzeigte. Er sagte verwundert, dass nach wie vor nur das weiße Äpfelchen zu sehen sei. Ich war überrascht und wollte nun erst recht wissen, was hier los war. Also hielt ich das Display wie zuvor an mein linkes Auge – und nach kurzer Zeit stellten sich die Bilder wieder ein. Mit dem rechten Auge funktionierte es genauso. Es brauchte nur ein paar Sekunden, bis aus dem hellen, weißen Punkt die rot-blauen Fische, die seltsamen Icons und die pink- und lilafarbenen Wolken wurden.

Ich starrte mein Telefon an, bis meine Augen schmerzten. Irgendwann war das Update fertig und das Apfelsymbol verschwand. Alles, was ich gesehen hatte, war unglaublich intensiv gewesen. So krasse Farben, klare Formen und fließende Bewegungen hatte ich seit beinahe 10 Jahren nicht mehr wahrgenommen. Aber ich glaubte fest an einen physikalisch erklärbaren optischen Effekt.

Die Spektralfarben, die fließenden Veränderungen meines visuellen Eindrucks, der helle Punkt in der unteren linken Ecke, alles ergab Sinn. Meine Gesichtsfeldeinschränkung in Kombination mit der durch den Nachstar getrübten Linse und dem Linsenrand, an dem einzelne Lichtbestandteile vorbeistrahlten, fügten sich in meiner Interpretation zu einer logischen Erklärung des Phänomens zusammen. Die Bewegungen interpretierte ich als Effekt leichter und sehr langsamer Kopf-, Augen- oder Handbewegungen. Die Farben waren alle Überlagerungen von Rot, Blau und Weiß,, also dem, was sich durch Brechung und Verschiebung des Lichts ergeben kann. Der weiße Punkt war das Äpfelchen, das je nach Einfallwinkel direkt auf die Netzhaut strahlte oder durch die trübe Linse abgedämpft wurde. Jetzt musste ich diese Interpretation nur noch verifizieren, also das Erlebnis reproduzieren und weiter ergründen.

Das versuchte ich am nächsten Tag, indem ich das iPhone aus- und wieder einschaltete, um den Leuchtapfel während des Bootvorgangs anzustarren. Nichts passierte – ich sah nur einen weißen Lichtpunkt. Ich schob das zunächst darauf, dass das Telefon einfach zu schnell bootete und mein Auge nicht genug Zeit hatte, sich auf diese optischen Effekte einzustellen. Oder war meine Erwartung zu groß und ich blockierte den Effekt dadurch? Ich versuchte es in den folgenden Tagen und Wochen immer wieder, auch mit anderen Lichtquellen, die ich auf einen Punkt zu verengen versuchte. Aber der Effekt trat nicht wieder ein – keine Farben, Fische oder Wolken mehr, nur noch ein beinahe schmerzhaft heller Punkt.

Nach wie vor weiß ich nicht, was da in meinen Augen, meinen Nervenbahnen und meinem Gehirn stattgefunden hat. Da es sich bisher nicht reproduzieren ließ, muss ich aber von einer hochinteressanten Illusion bzw. von einer durch einen minimalen Reiz getriggerten Halluzination ausgehen. Vielleicht spielt der Feierabendjoint, den ich vor dem Erlebnis geraucht hatte, eine gewisse Rolle, aber für so intensive visuelle Halluzinationen sind THC und CBD eigentlich nicht bekannt – es war schließlich kein LSD! Außerdem ließ der Effekt sich auch bekifft nicht wieder hervorrufen.

Weird FishesWeird Fishes by Bluecloud

Falls zufällig jemand hier reinschaut, die oder der Ophtalmolog*in, Optiker*in, Ortoptist*in oder vielleicht auch einfach Physiker*in oder Biolog*in mit Schwerpunkt Optik ist, würde ich mich sehr über einen fachlichen Austausch freuen. Ich möchte ergründen, wie diese Bilder zustande kamen und glaube noch immer an eine physikalisch-physiologische Erklärung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Halluzination dermaßen intensiv sein kann, ohne dass es einen deutlicheren Auslöser dafür gibt. Wenn jemand mir in diesem Punkt widersprechen will und Ahnung von durch Cannabis ausgelösten Halluzinationen hat, finde ich aber auch dazu einen Austausch sehr spannend.

PS: Der Titel dieses Beitrags ist bei den grandiosen Jungs von Radiohead geklaut.

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4 Gedanken zu “Weird fishes

  1. kommunikatz sagt:

    Es ist reproduzierbar. Gestern gab es wieder ein großes Update für mein Mobiltelefon, so dass ich wieder einen perfekten Lichtpunkt anstarren konnte. Mit dem linken Auge waren die Bilder sofort wieder da, nur etwas ausgefranster und in blasseren Farben als beim letzten Mal. Das rechte Auge war zu sehr auf das weiße Licht fixiert und kam nicht ins Schwimmen, deshalb gab es dort gar keine Farben sondern nur einen zeitweise pulsierenden oder wolkig werdenden weißen Punkt. Ich konnte aber nach kurzer Zeit in beiden Augen die Bilder klar steuern, indem ich den Kopf oder die Hand mit dem Telefon bewegte, so dass sich der Einfallwinkel des Lichts und der genaue Projektionspunkt im Auge änderten. Der Effekt auf die Bilder, die ich sah, machte unter diesen Aspekten Sinn. Vorher hatte ich einen halben Joint geraucht. Der THC-Einfluss scheint also evtl. eine Rolle für die Farbintensität zu spielen. Beim nächsten Update teste ich es straight.
    Es ergibt insofern Sinn, als dass das bekiffte Gehirn wohl gerne Muster erkennt, wo keine Sind. Im akustischen Bereich kenne ich das auch – inwieweit es sich auf Gerüche erstreckt, muss ich noch herausfinden.

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  2. kommunikatz sagt:

    Ich glaube, nun habe ich es verstanden: Es ist vermutlich wirklich eine Kombination aus optischem Effekt und Halluzination. Die Farben und das Licht inkl. aller Brechungseffekte sind wirklich da, aber die Bilder der Fische, Wolken und Icons erzeugt mein Gehirn durch die übers Ziel hinausschießende Mustererkennung.

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