Aachens 2. Ghostbike

34194628351_b2139c6055_kAm vergangenen Donnerstag wurde in Aachen eine 29jährige Fahrradfahrerin von einem Linienbus überfahren. Ich weiß nicht, wie genau der Unfall ablief, wer möglicherweise Schuld war und wie die Rahmenbedingungen aussahen. Ich weiß nur, der Unfall passierte nachmittags, zu einer belebten, hektischen Tageszeit auf einem großen, verkehrsreichen Platz mitten in der Stadt. Vielleicht hat die oder der Busfahrer*in die Frau einfach übersehen. Vielleicht war die Radfahrerin leichtsinnig, vielleicht war die oder der Busfahrerin rücksichtslos, mensch kann es nicht wissen, ohne dabei gewesen zu sein.

Fakt ist aber: Menschen, die in Blechdosen wie Bussen oder Autos sitzen, fühlen sich sehr sicher. Sie neigen offenbar dazu, alle Verkehrsteilnehmenden so zu behandeln, als wären sie genauso gut geschützt wie sie selbst. Für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen gilt das aber nicht, denn sie sind den Blechdosen komplett ausgeliefert. Sie sind verletzlich, ihnen fehlt jede Art von Knautschzone. Bei der Critical Mass Tour im März wurde ein Teil unserer Gruppe von einem Linienbus abgedrängt und gefährdet, nur weil der Busfahrer an der Haltestelle halten wollte und keine 20 Sekunden warten konnte, bis unser Tross vorbei war. Das war eine sehr gefährliche Situation und ich kann mir vorstellen, dass die Unfallszene am Hansemannplatz ähnlich ablief. Auto- und busfahrende Menschen drängen Menschen auf Fahrrädern genauso ab, als wären sie Ihresgleichen, als hätten sie irgendeinen unsichtbaren Panzer oder als wären sie aus Gummi. Für die Radfahrer*innen geht es dann um Leben oder Tod, sie müssen verdammt reaktionsschnell sein und Glück haben.

34325508185_76b3515278_kBei der gestrigen Critical Mass, einen Tag nach dem Unfall, fuhren wir natürlich am Hansemannplatz vorbei und hielten inne. Dort hatte schon jemand ein Ghostbike aufgestellt, das hoffentlich als Mahnmal sehr lange dort sichtbar bleiben wird. Vielleicht sind die inzwischen zwei Ghostbikes auch ein Warnsignal gegenüber der Stadt Aachen, damit diese sich etwas mehr für die Belange von Menschen auf Fahrrädern einsetzt – solche Todeszeichen möchte eine Stadt sicher nicht in rauhen Mengen im öffentlichen Raum herumstehen haben, wenn schon die Toten selbst keine Motivation sind, etwas zu verändern. Innerhalb von 7 Monaten ist das der zweite radfahrende Mensch, der sein Leben an eine Blechdose verliert. Nach dem toten Radfahrer an der Schanz im September 2016, dessen Mahnmal immernoch sichtbar ist, ist die junge Frau vom Hansemannplatz ein weiteres, absolut unnötiges und betrauernswertes Autoopfer.

Mir, die ich meistens als Fußgängerin unterwegs bin, ohne meine Umgebung visuell einschätzen zu können, macht die Unaufmerksamkeit und Rücksichtslosigkeit vieler Autofahrer*innen zunehmend Angst. Autofahren impliziert offenbar eine viel zu große Entfremdung von Dingen wie Verletzlichkeit, Geschwindigkeit, Risiko und Gefahr. Dieser Entfremdung gilt es etwas entgegenzusetzen. Wie wäre es da mit Rücksichtnahme, Empathie und Entschleunigung? Oder noch besser: Auto stehenlassen oder ganz abschaffen und selber aufs Fahrrad steigen oder einfach zu Fuß gehen – oder die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und hoffen, dass die Fahrerinnen und Fahrer aufmerksamer sind als die oder der beklagenswerte ASEAG-Mitarbeiter*in vom Hansemannplatz.

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