Piratologie

Ein Freund von mir ist Piratologe. Das erfuhr ich ganz zufällig, als wir eigentlich konspirativ zusammensaßen, um Divest- und Anti-Braunkohle-Aktionen zu planen. Von Hause aus ist er Sozial- bzw. Geisteswissenschaftler. Er hat über alle möglichen historischen und gesellschaftlichen Themen geschrieben, unter Anderem eben auch über Piraten und das goldene Zeitalter der karibischen Piraterie zwischen 1690 und 1730.

 

Der Gedanke, dass es wirklich soetwas wie Piratologie gibt, elektrisierte mich. Ich finde Piraten schon sehr lange reizvoll und spannend, aber ich wusste nie viel über sie. Meine Sympathie kam aus der freien und anarchischen Anmutung des ganzen Konzepts – ungetrübt von sonderlich viel Hintergrundwissen. Ich war dementsprechend begeistert, all meine Bildungslücken nun endlich schließen zu können. Während mein Partner in der Küche mit interessanten Experimenten beschäftigt war, saugte ich also wie ein Schwamm die Erzählungen unseres Freundes auf.

 

Der Titel seiner Ausarbeitung, die er mir anschließend mailte, sagt schon eine Menge. Das Papier ist mit einem Zitat überschrieben: „Zum Teufel mit dem König und allen höheren Mächten!“ – die Reaktion von Piraten auf eine königlich initiierte Ausstiegs-Amnestie und ein Trinkspruch der Schiffsbesatzungen. Ja, Piraten lebten herrschafts- und weitgehend hierarchiefrei. Sie lehnten staatliche und kirchliche Institutionen gleichermaßen ab bzw. nahmen sie einfach nicht ernst. Während es eigentlich immer als unhinterfragte Regel galt, dass auf einem Schiff der Kapitän das absolute Sagen hat und alle ihm widerspruchslos gehorchen mussten – anderenfalls sei der Untergang vorprogrammiert – bewiesen die Piraten das glatte Gegenteil. Sie wählten ihren Kapitän demokratisch und entschieden alles gemeinsam. Kapitänswahlen wurden nicht nur im Todesfall abgehalten. Auch Misstrauensvoten oder Absetzungen wegen Feigheit oder Inkompetenz waren üblich. Die Versammlung aller Besatzungsmitglieder wählte aber auch Funktionsträger wie den Chefarzt und den Quartermaster, der wohl vor allem als Interessenvertretung der Mannschaft gegenüber dem Kapitän fungierte.

 

Der Rat der Besatzungsmitglieder führte aber nicht nur Wahlen durch. Er traf alle wichtigen Entscheidungen, insbesondere über den zu steuernden Kurs des Schiffes und den Umgang mit Gefangenen. Piraten hatten anscheinend so viel Spaß am demokratischen  Prinzip, dass sie manchmal ständig eigentlich unnötige Neuwahlen abhielten, alle möglichen Ämter und Positionen erfanden, um mehr wählen zu können, und alberne pseudo-Gerichtsprozesse veranstalteten, einfach nur aus Freude am Diskutieren. Eine gewisse karnevaleske Lust an albernen Dingen, Völlerei, Musik, Tanz und extravaganter Kleidung war ihnen eigen. Piraten verkleideten sich regelrecht und unterstrichen so ihren komplett aus allen Konventionen fallenden Lebensstil. Besonders die Kapitäne neigten zu exaltierten Erscheinungsbildern, weil sie so um Prestige und Ansehen buhlten.

 

Im Mittelalter waren auch auf Handelsschiffen demokratische Strukturen nicht unüblich gewesen – der Schiffsrat, gegen dessen Entscheidungen der Kapitän nicht handeln durfte, tagte erstaunlicherweise vor allem in Gefahrensituationen wie z.B. im Sturm. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden sowohl Handels- als auch Kriegsschiffe aber immer mehr zu schwimmenden Gefängnissen unter despotischer Führung des Kapitäns. Die Realität passte sich allerdings eher dem Klischee an als umgekehrt – und die Oppositionshaltung der Piraten gegenüber diesem System verfestigte sich.

 

Piratenschiffe funktionierten nach ihren eigenen Regeln. Jede Piratenmannschaft stellte ein Statut auf, das von allen Mitgliedern unterschrieben wurde. Diese Statuten umfassten Abstimmungsregeln, nach denen jedem Besatzungsmitglied genau eine Stimme zugesprochen wurde, egal, welche Position es inne hatte. Auch die Aufteilung der Beute, wenn die Piraten ein Schiff kaperten und ausraubten, war klar geregelt. Jedes Mitglied der Mannschaft erhielt festgelegte Beuteanteile. Die Unterschiede zwischen Kapitän, bestimmten Funktionsträgern und einfachen Mitgliedern waren dabei relativ gering. Ein erhaltenes Statut legt z.B. fest, dass der Kapitän zwei Beuteanteile erhielt, bestimmte Funktionsträger zwischen ein und zwei Anteile und jedes einfache Mannschaftsmitglied einen Anteil. Der Kapitän bekam also nur doppelt so viel wie jede andere Person auf dem Schiff. Vergleicht mensch das mit den sozialen Unterschieden auf einem Handels- oder Kriegsschiff, ist die Ungleichheit unter den Piraten minimal.

 

Jedes Besatzungsmitglied hatte außerdem gleichen Zugang zu frischen Lebensmitteln und Spirituosen, an denen es sich jederzeit bedienen konnte. Es gab aber genauso die Regelung, dass im Fall einer Verknappung Einschränkungen dieser Rechte beschlossen werden konnten. Außerdem regelten Piratenstatuten den Umgang mit und die Vermeidung von internen Konflikten und die Versorgung im Kampf verkrüppelter Mitglieder durch eine Invalidenkasse. Tatsächlich hatten Piraten also eine Art Krankenversicherung im heutigen Sinne. Es gab ein gewisses soziales Netz und es wurde allgemein darauf geachtet, dass es innerhalb der Mannschaft gerecht zuging.

 

Demokratie und Gleichheit waren gemeinsamer Kern aller Piratenstatuten. Es gab aber auch Unterschiede. Manche Piratencrews hatten die klare Regel, Besatzungen überfallener Schiffe zu schonen, sofern diese sich kampflos ergaben. Andere Mannschaften wollten nicht um Pardon bitten sondern lieber gemeinsam untergehen – was sich dann in der Regel auch bald bewahrheitete. Aber warum verhielten Piraten sich so fair und fortschrittlich? War es eine reine Nutzenmaximierung für den Einzelnen durch Gruppeninterne Solidarität? Für Viele mag das der hauptsächliche Anreiz gewesen sein, Andere waren aber auch echte Anarchisten und Sozialrebellen. Ein Solcher war z.B. Captain Bellamy, der Kapitäne gekaperter Schiffe mit anarchistischen Tiraden überzog, wenn sie sich ihm nicht anschließen wollten. Den Besatzungen versicherte Bellamy, er und seine Piraten seien „Robin Hoods Männer“.

 

Piraten wollten Gerechtigkeit. Sie wollten eine Umverteilung des Reichtums und eine Bestrafung Derjenigen, die diesen Reichtum bisher an sich gerissen hatten. Hierzu übten sie Selbstjustiz, indem sie Handelskapitäne bestraften und für die Umverteilung ihrer Besitztümer sorgten. Ihre Spott-Gerichtshöfe parodierten gleichzeitig die Welt des Staates und der Standesunterschiede. Sie bezichtigten sich dabei abwechselnd gegenseitig der Piraterie und klagten einander z.B. wegen Nüchternheit durch den Konsum von Dünnbier an. Die Urteilsbegründung in diesem Fall lautete letztendlich u.a., dass das Essen fertig sei. Man sei nicht hier, so der grotesk gekleidet auf einem Baum sitzende „Richter“, um Vernunftgründen zuzuhören, sondern um das „Gesetz“ zu erfüllen. Die Welt der Piraten war der oft überzeichnete Ausdruck einer Gegenkultur – ähnlich wie die Ursprünge des Karnevals, die gleichermaßen in Obrigkeits- und Militärkritik bestanden und von heutigen Karnevalist*innen leider meistens nicht verstanden und extrem ad Absurdum geführt werden.

 

Der Jolly Roger, die meist von einem Schädel und gekreuzten Knochen gezierte, schwarze Flagge, ist bis heute das Symbol für Piraterie. Den karibischen Piraten des goldenen Zeitalters gab sie ein Zusammengehörigkeitsgefühl, da die Flaggen aller Piratenschiffe ähnlich aussahen. Die Flaggen waren fast immer schwarz und trugen immer Symbole des Todes oder der Vergänglichkeit wie Schädel, Skelette, Waffen, Sensen oder Stundengläser als Motive. Jedes Schiff hatte ihre Flagge als Identifikationsmerkmal, alle waren aber Abwandlungen des Jolly Roger und zeigten die Zugehörigkeit zur Piraterie und der damit verbundenen Freiheitsliebe. Die Flagge war ein Zeichen der Ablehnung aller Staatlichkeit, aber zugleich machte mensch deutlich, zu welchem alternativen Netzwerk mensch gehörte. Die Symbolik jagte einerseits den Besatzungen anderer Schiffe Angst und Schrecken ein, andererseits war sie ein weiterer Ausdruck der karnevalesken Exzentrik. Piraten, die den Jolly Roger flaggten, bildeten eine transnationale Gemeinschaft, deren Mitglieder sich gegenseitig halfen, sich zum Feiern trafen und gelegentlich zu spontanen gemeinsamen Raubzügen vereinigten.

 

Woher diese demokratisch und solidarisch inspirierte Anarchie kam, ist schwer zu sagen. Unser Freund, der Piratologe, spielt verschiedene Möglichkeiten und Einflussfaktoren durch, deren vollständige Darstellung hier den Rahmen sprengen würde. Am plausibelsten und erhellendsten scheinen mir die folgenden Gedanken.

Natürlich ging es zu einem großen Teil um die Befreiung von Herrschaftsstrukturen und Fremdbestimmung. Auf See entstand im 17. und 18. Jahrhundert das moderne Proletariat. Der Handel per Schiff entwickelte sich vom Luxushandel immer mehr zum frühkapitalistischen Massenwarenhandel und die Schiffe wurden zu Fabriken. Matrosen auf diesen Schiffen arbeiteten wie an riesigen Maschinen. All ihre Kollegen waren in der gleichen sozialen Lage und es herrschte eine harte, oft brutale Disziplin. All diese Männer hatten ihre Arbeitskraft auf Zeit an den Schiffseigner verkauft, waren ihm also gewissermaßen ausgeliefert. Diese Faktoren führten auf See schneller als in den Fabriken an Land zu einem proletarischen Klassenbewusstsein. Und weil Seeleute so viel herumkamen, trugen sie dieses Bewusstsein in viele Teile der Welt und lösten vielerorts Rebellionen aus. So entstand 1641 der englische Bürgerkrieg aus der von Piraten angeführten Londoner Arbeiterschaft und 1776 die Amerikanische Revolution.

Doch der maritime Arbeitsmarkt war komplizierter. Handels- und Militärseefahrt waren miteinander verquickt. Immer, wenn nach einem Konflikt Frieden geschlossen wurde, machte das die Besatzungen der Kriegsschiffe arbeitslos. Diese Seeleute suchten dann Arbeit auf Handelsschiffen, was dort für ein Überangebot an Arbeitskräften und entsprechend schlechte Bedingungen sorgte. Wenn zu diesen Zeiten ein Handelsschiff von Piraten gekapert wurde, war die Bereitschaft der Matrosen, sich den Piraten anzuschließen, daher ausgesprochen groß. Ihr proletarisches Klassenbewusstsein und ihren Drang nach Gleichheit und Fairness trugen sie so ganz automatisch in die Kreise der Piraten hinein und verstärkten so die dort ohnehin bestehende Grundstimmung.

 

Die interkontinentale Mobilität der Seeleute brachte auch die Begegnung verschiedenster Kulturen mit sich. Der frühkapitalistische Handel verband Europa, Afrika und Amerika miteinander. Wer auf dem Atlantik unterwegs war, hatte zwangsläufig auch Kontakt zu verschiedensten unterdrückten Ethnien. Da waren die schwarzen Westafrikaner*innen, die ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach Amerika verschleppt und versklavt wurden, aber auch die indianischen Restbevölkerungen in Amerika und der Karibik, die dem großen Genozid des 16. und 17. Jahrhunderts entgangen waren. Wenn Piraten ein Sklavenschiff kaperten, war ihr Umgang mit der menschlichen Fracht nicht einheitlich. Manchmal betrachteten sie die designierten Sklav*innen als Teil der Beute und verkauften sie bei nächster Gelegenheit. Manchmal befreiten sie sie aber auch und viele der Afrikaner*innen schlossen sich den Piraten an. Dabei brachten sie mit Sicherheit zahlreiche Einflüsse aus ihren eigenen politischen Traditionen und Kontexten mit. Leider weiß selbst der Piratologe aber nicht, inwieweit diese Vermischung zur piratischen Demokratie beigetragen hat. In Westafrika gab es an Staatsformen und politischen Systemen so ziemlich alles von regulierten Anarchien bis hin zu zentralisierten Königtümern. Um die Art und Möglichkeiten der Beeinflussung einzuschätzen, müsste mensch analysieren, aus welchen Regionen hauptsächlich Menschen verschleppt wurden und welche dieser Menschen sich im Fall ihrer Befreiung bevorzugt den Piraten anschlossen. Unabhängig von den politischen Systemen der Herkunftsländer geht er aber mit einiger Berechtigung davon aus, dass die verschleppten und versklavten Menschen ein großes Interesse daran hatten, ihre Freiheit zurückzugewinnen und zu verteidigen. Allein diese Motivation fügt sich schon perfekt in den piratischen Lebensstil ein und untermauert das egalitäre Denken.

 

In der gesamten Neuen Welt gab es Gemeinschaften geflüchteter Sklav*innen. Sie siedelten sich in unzugänglichen Gebieten an und schafften es manchmal über Jahre hinweg, ihre Autonomie zu verteidigen. Eine dieser Gemeinschaften waren die Bukaniere auf Hispaniola. Anfang des 17. Jahrhunderts hatten die spanischen Kolonialbehörden die Siedlungen an der Nordwestküste der Insel aufgelöst, um illegalen Handel zu unterbinden. Viele Bewohner*innen flüchteten daraufhin ins Inselinnere. Dort lebten sie von der Jagd auf die verwilderten Nutz- und Haustiere aus den aufgelösten Siedlungen. Zu ihnen gesellten sich bald französische Emigrant*innen, entlaufene Schuldknechte und vereinzelt geflüchtete schwarze Sklav*innen. Sie lernten von den Arawaks, den wenigen überlebenden Ureinwohner*innen der Insel, auf Holzgrillen (boucans) Fleisch zu räuchern. Das so haltbar gemachte Fleisch verkauften sie an der Küste als Proviant an vorbeifahrende Schiffsbesatzungen. Irgendwann rotteten die spanischen Kolonialherren die verwilderten Tiere aus und entzogen den Bukanieren damit ihre Existenzgrundlage. Viele von ihnen siedelten sich daraufhin auf der kleinen Insel Tortuga an und lebten vom Seeraub. In dieser Zeit entwickelten sie, ähnlich wie die karibischen Piraten, das Prinzip, sich vor einer Expedition auf eine sog. chasse partie zu einigen und ihrer Unternehmung so ein fest geregeltes Statut zu geben. Sie schlossen Freundschaft mit den benachbart lebenden, egalitär organisierten Indianer*innen. So waren die Bukaniere immer gut mit Waffen und allen Gütern versorgt, die sie für ihre Raubzüge brauchten.

 

Die Ureinwohner*innen hatten Stammesoberhäupter, die jedoch nur im Kriegsfall etwas zu sagen hatten. Normalerweise waren sie immer vom Konsens ihrer Gruppe abhängig und nicht zu Alleingängen berechtigt. Die Funktion dieser „Häuptlinge“ ist der der Piratenkapitäne so ähnlich, dass eine Beeinflussung sehr naheliegt. Die von gegenseitigem Lernen geprägten Kontakte der Piraten zu indigenen, herrschaftsfreien  Gesellschaften liegen am Anfang des goldenen Piratenzeitalters. Was daraus entstand, beschreibt der Piratologe so: „eine radikale Demokratie unter deklassierten, ungebildeten Schurken mit Hang zum Exzess, aus aller Herren Länder, in einer komplexen und vermeintlich „totalen“ Institution: auf dem Schiff.“

 

Er schließt seine Betrachtungen mit der Feststellung, dass es uns für die Entwicklung unserer eigenen, aktuellen politischen Gemeinwesen zu denken geben sollte, dass eine solch radikale piratische Demokratie möglich war. Menschen können frei und gleich sein, sie können Blödsinn machen und Spaß haben, und vielleicht können sie das heute sogar ohne radikale Abgrenzung und Gewalt gegenüber anderen Gruppen, die sie als Gegner*innen verachten. Das egalitäre, auf Fairness und Gleichheit basierende Menschenbild der Piraten und ihr rebellisches, eigenständiges Handeln außerhalb aller Zwänge ist jedenfalls faszinierend und bestätigt mich in meiner Sympathie für diesen Lebensstil.

 

PS: Dieser Text ist nicht konsequent gegendert, weil es im goldenen Zeitalter der karibischen Piraten und generell in der damaligen Seefahrt kaum bis gar keine Frauen gab – bitte seht mir diesen Schönheitsfehler nach, ich bin nicht Schuld! 😉

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