Blind Auto fahren – wtf?

In letzter Zeit höre und lese ich dauernd von blinden Menschen, die sich auf selbstfahrende Autos freuen, die an Versuchen zum begleiteten Fahren in solchen Fahrzeugen teilnehmen und die sich nach der dadurch möglich werdenden eigenständigen Mobilität sehnen. Schon als Jugendliche, während meine Mitschüler*innen für ihre Führerscheinprüfungen büffelten, wurde ich oft gefragt, ob ich nicht mal die Erfahrung machen wollte, ein Auto zu steuern. Manche blinde Menschen aus meinem Bekanntenkreis taten das auf großen, freien Plätzen, wo ihnen und dem Auto nichts passieren konte – natürlich mit Beifahrer*in, die oder der Anweisungen gab. Meistens schwärmten sie hinterher in den höchsten Tönen von diesem Erlebnis und ich stand mit einem riesigen Fragezeichen über meinem Kopf daneben, weil ich den Sinn einfach nicht verstehen konnte.

Ich hatte dieses Bedürfnis nie und sagte das auch klar und deutlich. Ich bewunderte die Menschen, die sich trotz uneingeschränkter Seh- und Bewegungsfähigkeit aus freien Stücken dagegen entschieden, einen Führerschein zu machen. Ich bewundere auch meine Schwester, die zwar mit 18 ihren Führerschein machte, nach wenigen Jahren aber ihr Auto abgab und seitdem aufs Fahren verzichtet. Für mich sind solche Menschen nonkonformistisch. Sie fügen sich nicht dem gesellschaftlichen Druck, ein Auto zu besitzen und damit herumzufahren. Stattdessen gehen sie zu Fuß, fahren Fahrrad oder nutzen öffentliche Verkehrsmittel, was wiederum deren Existenz sichert.

Nicht Auto fahren zu können, ist für mich ein Privileg. Ich stand nie vor der Entscheidung, ob ich es will oder nicht – hätte ich diese Entscheidung frei treffen können, hätte ich es vielleicht nicht hinterfragt und wäre der Versuchung erlegen. Deshalb bin ich dankbar für die Tatsache, dass es einfach nie möglich war. Ich stelle es mir unglaublich stressig und anstrengend vor, ein Auto durch eine volle Innenstadt oder über eine hektische Autobahn zu lenken. Mir diesen Stress nicht antun zu müssen, finde ich toll. In Autos habe ich mich nie sicher gefühlt – mir war schon immer zu bewusst, wie leicht ein Unfall passieren kann und wie schnell die Insassen dabei schwer verletzt oder getötet werden können. Deshalb mag ich eigentlich nichtmal als Beifahrerin in ein Auto steigen. Es gibt genau zwei Menschen, mit denen ich mich im Auto weitgehend sicher fühle, wenn sie am Steuer sitzen. Der Rest – no way – ich bin dann meistens einfach ein Nervenbündel.

Selbstfahrende Autos finde ich beinahe noch beängstigender. Als Beifahrerin in einem normalen Auto gebe ich die Verantwortung an einen Menschen ab. Natürlich sind Menschen fehlbar und reagieren auf Gefahrensituationen nicht immer adäquat und schnell genug. Die Menschliche Reaktionsfähigkeit halte ich aber dennoch für sicherer als die einer Maschine, weil Menschen viel flexibler und – zumindest noch – kreativer sind. Technische Defekte sind dabei nur ein möglicher Grund für Desaster. Eine Maschine kann sich viel leichter irren als ein Mensch, weil Mustererkennung in wuseligen Umgebungen verdammt schwierig ist. Wenn alle Autos miteinander vernetzt wären, könnte das ein Vorteil sein, aber je mehr Vernetzung und technische Voraussetzungen es gibt, desto mehr kann auch defekt sein oder ausfallen. Und solange auch noch von Menschen gesteuerte Autos auf den Straßen unterwegs sind, gibt es die Diskrepanz zwischen Mensch und Maschine, die verschiedenen Geschwindigkeiten, Einschätzungen und (fehl-)Reaktionen. Selbstfahrende Autos müssen nicht selbst die Unfälle bauen – es reicht völlig, wenn ein bräsiger Mensch es nicht rafft und in ein selbstfahrendes Auto reinfährt, das mit so einem Ereignis nicht rechnet.

Ich bin nicht technikgläubig genug, um mich blind auf eine Maschine zu verlassen. Deshalb stehe ich generell vielen Hilfsmitteln für blinde Menschen sehr skeptisch gegenüber. Wenn ich mich zu sehr von einem technischen Gerät abhängig mache, stehe ich ziemlich dumm da, wenn der Akku leer ist oder irgendetwas an dem Apparat kaputtgeht. Ich würde mich daher niemals alleine mit einem Navigationssystem in eine komplett unbekannte Umgebung trauen. Vielleicht bin ich feige und technikfeindlich – ich kenne genug blinde Menschen, die sich sehr wohl auf solche Dinge verlassen und damit selten auf die Nase fallen. Aber meine Welt ist das einfach nicht, ich habe ein gewisses Sicherheitsbedürfnis und vertraue nicht allzu vielen Menschen und Dingen.

Wenn blinde Menschen heutzutage immernoch die Entwicklung selbstfahrender Autos als Heilsbringer und großen Schritt zur eigenen Unabhängigkeit feiern, finde ich das aber auch noch aus einem ganz anderen Grund absurd. Nämlich, weil es absurd ist, Autos überhaupt noch zu fördern und für eine Lösung irgendeines Problems zu halten. Autos müssen von den Straßen verschwinden – erstens, um eine annehmbare Lebensqualität in den städten zu erreichen und zweitens, um das Klima zu schützen. Der Verkehrssektor ist laut Umweltbundesamt für 18% der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich. Darin spielt der Straßenverkehr mit 95% die mit Abstand größte Rolle. Was hier ausgestoßen wird, sind Kohlendioxid, Methan, Lachgas, Schwefeldioxid, Stickoxide, Kohlenmonoxid, flüchtige organische Verbindungen und Feinstaub. All das ließe sich minimieren, wenn statt tausender Autos nur noch Züge und Busse herumfahren würden. Nicht Auto zu fahren, ist also ein ganz aktiver Beitrag zum Klimaschutz und zum Schutz unserer eigenen Atemluft. Wer es immernoch für erstrebenswert hält, an der Luftverpestung teilzunehmen, statt ihr entgegenzuwirken, ist für mein Empfinden im letzten Jahrtausend hängengeblieben. Selbst wenn alle Autos Elektroautos wären, wovon wir noch mindestens so weit entfernt sind wie vom selbstfahrenden Auto, dann hätte halt nur nicht mehr jedes Auto einen Auspuff sondern der Auspuff all der schönen Elektroautos wäre zunächst erstmal der Schornstein des nächsten Kohlekraftwerks. Der Individualverkehr hat ausgedient, anders kann ich es nicht sagen.

 

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